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Sommerrätsel 2020 Lösung 5

Der Kraichgauort Kürnbach blickt auf kuriose Geschichte zurück

Im fünften Teil unseres Sommerrätsels war das Dorf Kürnbach gesucht. Der Kraichgauort lebte lange Zeit unter einer kuriosen Doppelstaatlichkeit.

Kraichgauer Weinort: Kürnbach blickt auf eine Historie mit kurioser Doppelstaatlichkeit zurück. Foto: Thomas Rebel

Ein steuerliches Paradies muss das alte Kürnbach gewesen sein. „Eine Art Samnaun von Deutschland”, meint Ortsführer Hans Wilhelm mit vergleichendem Blick auf den zollfreien, bekannten Schweizer Skiort, der von österreichischem Gebiet umschlossen ist.

In Kürnbach gehörten über Jahrhunderte zwei Drittel der Häuser und damit der Bewohner zu Hessen. Aber dieses Land war vom Kraichgau aus gesehen ziemlich weit weg. Gerade deshalb profitierten die fernen Staatsbürger von Steuerfreiheit auf Waren und Erbschaften. „Es gab 16 Wirtschaften bei uns. 15 davon standen in Hessen. Das Bier floss ohne Abgaben einfach billiger”, berichtet Wilhelm.

Der 76-Jährige kennt noch viel mehr kuriose Anekdoten. „Es wollten alle das günstigere Holz aus dem hessischen Wald kaufen und der badische Förster blieb auf seinem sitzen. Also wurde beschlossen, dass jeder, der zwei Ster von dem billigen Holz wollte, noch ein Ster vom teuren kaufen musste.”

Bis vor rund 100 Jahren bestanden solche merkwürdigen Regeln. Erst 1905 trennte sich Hessen nach einem Gebietstausch von seiner Exklave und übergab sie badischer Verwaltung. Im erwähnten Wald allerdings blieb bis 1965 der hessische Förster von Neckarsteinach zuständig.

Noch komplizierter wird es, wenn man die Zeit vor 1810 berücksichtigt. In diesem Jahr wurde das württembergische Drittel von Kürnbach an Baden abgetreten. In einem Vertrag von Paris regelten die Nachbarstaaten so manchen Gebietsaustausch.

Schwarzriesling macht Kürnbach bekannt

Rund 40 unterhaltsame große Führungen durch die kuriose Ortsgeschichte des Weinorts macht Wilhelm normalerweise jährlich. Er zeigt dabei die noch bestehenden Hessenkelter und die badische Kelter, also die beiden Weinkeller für die unterschiedlichen Genossenschaften. Der Weinbau spielt überhaupt eine große Rolle bei allen Erzählungen über den reizvollen Ort mit 2.400 Einwohnern.

Kürnbach ist durch den Schwarzriesling bekannt geworden. Dieser rubin- bis ziegelrote fruchtige Schoppenwein wurde gern in der Literflasche verkauft, ist mit dem weißen Riesling jedoch nicht verwandt. Er kann als Alternative zum Spätburgunder betrachtet werden, hat an Bedeutung jedoch eingebüßt.

Selbst Hans Wilhelm schwärmt nun vom Lemberger. Großen Besuchergruppen kann der Mann in badischer Uniform seine Heimat in diesem Jahr nicht zeigen. Aber in kleinem Kreis ist er buchbar. Kontakt über die Homepage von Kürnbach.

Komplizierte Herrschaftsverhältnisse

Die Ausflügler können dann noch tiefer in die Geschichte des Kondominats eintauchen. Nicht nur Hessen und Baden waren beteiligt an dem Konstrukt nach Lateinisch für „gemeinsame Herrschaft“. Die Württemberger mischten hier, wo der Stromberg endet und die Grenze nach Schwaben nah ist, ebenfalls über Jahrhunderte mit.

Kurz zusammengefasst entstand alles so: Die Herren von Sternenfels aus dem Nachbarort hatten viel Besitz in Kürnbach. Und zwei Sternenfelser Brüder waren Lehensträger der Grafen von Katzenelnbogen. Deren Burg liegt heute im Rhein-Lahn-Kreis, nördlich des Taunus. Die Grafen hatten außerdem viel Besitz rund um Darmstadt.

Zur gleichen Zeit etwa, als die Grafen von Württemberg sich einen Teil von Kürnbach sicherten, waren die Herren von Katzenelnbogen die Mehrheitsherrscher im Ort. Als das Adelsgeschlecht ebenso wie die Sternenfelser Linie ausstarb, erbte der Landgraf von Hessen (Darmstadt) deren Anteil.

1810 ging der württembergische Teil an Baden über. Ein Ende des Kondominats bedeutete das aber nicht: Man strengte sich an, die komplizierten Verhältnisse am Leben zu erhalten. „Alle wichtigen Ämter waren doppelt besetzt, eben hessisch und badisch. Kürnbach hatte neben der Kondominatskasse zwei Gemeindekassen, dazu ein hessisches und ein badisches Standesamt, einen hessischen und einen badischen Bürgermeister. Diese hatten abwechselnd für jeweils drei Jahre den Vorsitz im – aus dem hessischen und badischen Gemeinderat – gemeinschaftlich gebildeten Kondominatsgemeinderat. Während dieser Zeit nannten sie sich dirigierender Bürgermeister. Und: Zog etwa ein Hesse in ein badisches Haus um, wurde er automatisch zum Badener und umgekehrt“, heißt es auf der Kürnbacher Homepage.

Einmal sei bei einem neuerbauten Gebäude das Schlafzimmer einem anderen Staat zugeschlagen worden, als die Küche, gibt Wilhelm eine Anekdote wieder. Wer noch tiefer einsteigen möchte, in die Kondominats-Verwirrungen greift zur 2005 erschienenen angenehm lesbaren Ortsgeschichte von Heike Drechsler.

Im Ort selbst ist noch die Hessenkelter gekennzeichnet. An einem Fachwerkbalken steht der Spruch, der am Montag zu lesen war, als wir dieses fünfte Sommerrätsel stellten. Der Spruch besagt, dass man die Gebühr nicht vergessen soll, wenn man seine Trauben hier pressen will. Sowohl die Hessen- als auch die badische Kelter sind heute öffentliche Räume.

Der junge Hermann Hesse fror in Kürnbach

Wer durch Kürnbach spaziert, entdeckt viele schöne Winkel und Fachwerkhäuser, dazu ein Wasserschloss. Dort lebten die Herren von Sternenfels, heute gehört es Nachfahren von hessischen Einwohnern. Wo einst Hessen war, lässt sich merkwürdigerweise sogar eine Verbindung zu Hermann Hesse ziehen. „Er verließ als 15-jähriger Schüler die Klosterschule Maulbronn und verbrachte am 8. Februar 1893 einen Tag bei Minus 15 Grad in Kürnbach. Das ist im Tagebuch des Schriftstellers nachzulesen“, weiß Hans Wilhelm. Und Hesse wusste, dass er in Baden und Hessen gleichzeitig war.

Lange wehrten sich die hessischen Bürger gegen ein Ende der verzwickten Verhältnisse. Nicht aus Patriotismus, sondern wegen der wirtschaftlichen Vorteile. 1905 war es dann so weit. Der weit entfernte Landesteil ging nach Ende der überholten Doppelstrukturen mit Vertrag und Ablösung an Baden über.

Wer sich mit der Gegenwart Kürnbachs beschäftigt, stößt auf anspruchsvolle Weingüter und auf einen attraktiv gestalteten und modellierten „Adventuregolfpark”. Diese etwas andere Minigolfanlage liegt etwas außerhalb des Orts. Ganz in der Nähe findet man den Kraichgau Märchenwald mit einem Rundweg ins Reich der Brüder Grimm, elektrischen Fahrzeugen und Abenteuerspielplatz.

Freizeitaktivitäten in Kürnbach

Nach Kürnbach fährt von Karlsruhe die Stadtbahn S4 über Bretten Richtung Eppingen und Heilbronn. An der Haltestelle Oberderdingen-Flehingen kann man in den Bus 145 umsteigen.

Der Adventuregolfpark ist mit 18 Bahnen ausgestattet. Der Park ist montags bis sonntags von 11 bis 22 Uhr geöffnet, Spielbetrieb so lange es hell ist. Weitere Infos unter Telefon (0 72 58) 9 50 96 62 und im Internet unter www.adventuregolfpark-kuernbach.de .

Im Kraichgau Märchenwald können Kinder mit elektrischen Autos, Motorrädern und Lokomotiven fahren. Für Groß und Klein gibt es eine Go-Kart-Bahn und einen Abenteuerspielplatz mit Riesenrutsche. Geöffnet ist der Freizeitpark von April bis Oktober. Während den Schulferien öffnet der Märchenwald samstags und an Sonn- und Feiertagen von 10 bis 18 Uhr, während der Schulzeit montags bis freitags jeweils von 12 bis 18 Uhr. Weitere Infos unter Telefon (0 72 58) 14 96 oder im Internet unter www.maerchenwald-kuernbach.de .

Herzlichen Glückwunsch an die Gewinner

Der fünfte Teil des BNN-Sommerrätsels war für Tanja Blumhofer aus Forst eine harte Nuss zu knacken. Gemeinsam mit Mutter und Tante hatte die 46-Jährige mehrere Antworten eingegrenzt. Das Bild der Fachwerk-Inschrift gab den entscheidenden Hinweis. „Ich habe gestern noch mit einer Kollegin über das Sommerrätsel gesprochen”, verrät sie. Dass sie tagsdrauf den Hauptpreis gewinnt, macht sie erst einmal sprachlos. Wer sie in die Schmuckwelten begleiten wird, stehe noch nicht fest. Vielleicht ja die schmuck- und rätselbegeisterte Tante?

Tanja Blumhofer aus Forst hat beim fünften Teil des BNN-Sommerrätsels gewonnen. Foto: Tanja Blumhofer

Den badischen Geschenkkorb gewinnt Christa Aman aus Walzbachtal.

Die BNN-Zoobücher gehen an Thomas Mächtel aus Kronau, Alexander Sester aus Karlsruhe und Bernhard de Bortoli aus Kraichtal.

Die Gewinner der DVD-Boxen „Zurückgespult” sind Wolfgang Spiegelhalter aus Rheinstetten, Theresa Gottwald auch Bischweier und Claudia Tangel aus Knittlingen.

Teil 6 des Sommerrätsels

Der sechste und letzte Teil unserer Sommerrätsel-Serie „Rekorde und Kuriositäten” erscheint am kommenden Montag, 7. September.

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