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Ohne Geld kein Internet

Diakonie Baden fordert mehr Unterstützung für Arme in der Digitalisierung

Die Not der sozial und digital Abgehängten will die Diakonie Baden im Landtagswahlkampf stark thematisieren. Wer arm ist, dem bleibt auch das Tor zum Internet oft versperrt, beklagen die evangelischen Sozialexperten.

Wer von Hartz-IV abhängig ist, hat auch nicht die nötigen Mittel, um in der digitalen Gesellschaft mitzumischen. Die Diakonie will nun Druck für einen neuen Warenkorb machen. Foto: Martin Hangen/Florian Vit

Wie lange müsste ein Hartz-IV-Empfänger sparen, bis er sich einen Tablet-Computer kaufen kann? Etwa 92 Monate lang - also rund siebeneinhalb Jahre-, würde es dauern, falls er das günstigste Modell kaufen wollte, das eine der großen Elektronikmarkt-Ketten aktuell anbietet. Es kostet 139 Euro.

Und gut 26 Jahre lang müsste er rein rechnerisch sein Sparschwein füttern, wenn er ein mittelteures Modell jener Trendmarke, die bei Jugendlichen sehr beliebt ist, begehrte.

1,50 Euro monatlich für „Investitionen“

Denn im Hartz-IV-Warenkorb sind monatlich nur 1,50 Euro als „Mittel für Investitionen“ vorgesehen.

„Der Warenkorb stammt aus einer nicht-digitalen Zeit – er müsste dringend angepasst werden“, sagt André Peters von der Diakonie Baden. „Die digitale Teilhabe ist in der Corona-Pandemie zu einem existentiellen Thema geworden.“

Und auf die Not der digital Verarmten will die Diakonie im Landtagswahlkampf massiv aufmerksam machen, kündigte der Finanzvorstand des evangelischen Sozialwerks bei der Jahrespressekonferenz in Karlsruhe an. Zumal sich die staatliche Bürokratie selbst immer weiter weg von der Lebenswirklichkeit der Armen entwickle.

Bald kann ich ohne Internet-Anschluss nicht einmal mehr Sozialhilfe beantragen.
André Peters, Finanzvorstand der Diakonie Baden

„Bald kann ich ohne Internet-Anschluss nicht einmal mehr Sozialhilfe beantragen“, betont Peters. Er verweist darauf, dass die gesamte öffentliche Verwaltung ab 2022 bevorzugt auf Informationstechnologie (IT) setzen soll. Aus Sicht der Diakonie muss eine digitale Mindestausstattung zum Grundbedarf für Bedürftige zählen. „Es fehlt aber ein Gesamtkonzept“, kritisiert Peters die politisch Verantwortlichen.

Beispiel Schüler-Computer: Land und Bund haben zwar Geräte finanziert, die sich Kinder aus schlecht ausgestatteten Familien ausleihen können – doch es gebe da einen großen Haken: „Die Kinder brauchen auch einen Internet-Anschluss, sonst können sie trotz des Geräts nicht am Fernunterricht teilnehmen“, sagt Peters. Für die monatlich etwa 30 Euro für den Anschluss fehle in Hartz-IV-Familien jedoch das Geld. „Und überschuldete Menschen können gar keinen Vertrag abschließen.“

Ohne Internet kein Schwimmbad-Besuch

Nicht nur für die Schulbildung sei der Zugang zum Datennetz unabdingbar – sondern für fast alle Formen der gesellschaftlichen Teilhabe. „In der Pandemie kann man ohne Online-Zugang nicht einmal eine Karte fürs Freibad reservieren“, nennt Peters ein Beispiel.

Was auch fehle, sind IT-sachverständige Menschen, die Benachteiligten überhaupt den Umgang mit der Technik beibringen. In normalen Zeiten könnten sich Einkommensschwache ja noch behelfen und beispielsweise in die Internet-Cafés von Sozialeinrichtungen ausweichen. „Aber diese Internet-Cafés sind jetzt im Lockdown ja auch geschlossen“, betont Peters.

Zehntausende frieren ohne Strom

Wie viele Menschen in Deutschland und in Baden-Württemberg von der digitalen Welt abgeschnitten sind? „Es gibt keine belastbaren Zahlen“, sagt der Diakonie Finanz-Vorstand.

Eine Bestandsaufnahme müsse her – auf dieser Grundlage müsse die Politik dann Weichen stellen. Bei mancher armen Familie allerdings hapert es nicht nur an der Computer-Ausstattung, sondern schon an der elementarsten Grundlage für digitale Aktivitäten: Strom. Weil sie ihre Stromrechnung nicht mehr bezahlen können, sperrt der Energieversorger ihren Anschluss.

Entspannt daheim lernen - mit einer mütterlichen Ratgeberin am Computer im Hintergrund: Für Kinder aus armen Familien bleiben solche Szenen oft ein Traum. Foto: adobe stock

Bereits 2019 waren laut Diakonie 19.000 Haushalte in Baden-Württemberg betroffen. Befürchtete Tendenz: steigend. „Wir erwarten eine Welle von Insolvenzen – und dass es zu einem großen Andrang bei den Schuldnerberatungen kommen wird“, sagt Holger Hoffmann, stellvertretender Vorstand der Diakonie Baden, gegenüber den BNN.

Zu befürchten sei, dass dann noch mehr Familien ohne Heizung und warmes Wasser in ihrer Wohnung sitzen. Die Diakonie tritt für ein „Grundrecht auf Wärme“ ein. Ihr Vorschlag: Bei der ersten Mahnung eines Stromversorgers müsse automatisch eine Beratungsstelle eingebunden werden – damit sich die Lage gar nicht erst so zuspitzt, dass die Bedürftigen frieren müssen. Hoffmann hat diese Idee für die Wohlfahrtsverbände an einem Runden Tisch mit mehreren Landesministerien eingebracht. „Ich hoffe, dass wir dieses Jahr zu einer Einigung kommen“, sagt er.

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