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Sommerrätsel 2020 Lösung 6

Ein Luftschloss bescherte Freudenstadt den Rekord „größter Marktplatz“

Im sechsten und letzten Teil unseres Sommerrätsels war der größte Marktplatz Deutschlands in Freudenstadt gesucht. Das Schwarzwaldstädtchen wurde 1599 von Herzog Friedrich I., Herzog von Württemberg, gegründet. Eigentlich hatte der eigenwillige Herrscher hochfliegendere Pläne für das Stadtzentrum.

Marktplatz Freudenstadt Foto fuer Sommerraetsel Foto Peter Sandbiller Foto: Peter Sandbiller

Das beschauliche Freudenstadt hält seinen deutschlandweiten Rekord nur, weil ein anderer großer Traum vor gut 400 Jahren platzte. Mit dem größten Marktplatz kann der Kurort im Schwarzwald für sich werben. Für eine Stadt mit rund 24.000 Einwohnern wirkt die gute Stube im Zentrum tatsächlich gewaltig. Rund 4,7 Hektar ist der Marktplatz groß.

Besucher müssen gut zu Fuß sein, wenn sie alle Läden abklappern wollen, die sich unter den typischen Laubengängen um das riesige Quadrat herum angesiedelt haben. Ursprünglich war hier ein ganz anderer Blickfang geplant: Ein schmuckes Schloss wollte Friedrich I. von Württemberg auf dem zentralen Platz erbauen lassen.

„Die Schlossfronten sollten eine Seitenlänge von 100 Metern haben“, sagt Petra Rau, Gästeführerin bei der Tourist-Info Freudenstadt. Der repräsentative Bau sollte jedoch nicht parallel zu den Platzrändern errichtet werden, sondern „verdreht“. Auf dem alten Bauplan steht er sozusagen auf der Spitze. „Dadurch wären ringsum vier dreieckige Plätze entstanden.“

Keine Steuern und Bauholz gratis

Seine Hauptresidenz hatte der württembergische Herrscher in Stuttgart, doch er träumte davon, sein Reich noch deutlich auszudehnen. Für einen zweiten repräsentativen Sitz suchte er sich einen Platz im grünen Nirgendwo aus: Im Jahre 1599 gründete er Freudenstadt.

„Es war eine Stadt mitten im Wald – es wollte keiner hierher“, erklärt Rau. „3.500 Bürger sollten hier leben, am Anfang waren es keine 50.“ Also habe Stadtgründer Friedrich protestantische Glaubensflüchtlinge angelockt. Sein zugkräftiges Versprechen: Zwölf Jahre Steuerfreiheit und kostenloses Bauholz sollten die neuen Siedler erhalten.

Bäcker und Bierbrauer waren unter den frühen Zuzüglern. Aus der Steiermark und Kärnten, aber auch aus Nordafrika kamen Neubürger in den Schwarzwald, berichtet Rau aus der frühen Stadtgeschichte. „Friedrich hat diese Stadt geliebt“, sagt sie.

Der Stadtgründer trug auch den Titel eines Grafen von Mömpelgard – so nannte man damals die französische Stadt Montbéliard. Dort war Friedrich 1557 geboren worden, seine Jugend verbrachte er am Stuttgarter Hof. Als sein Cousin Ludwig 1593 kinderlos starb, erbte Friedrich zusätzlich zu seiner linksrheinischen Herrschaft das gesamte Herzogtum Württemberg.

„Er war mit Königin Elisabeth I. von England befreundet – und mit Heinrich von Navarra“, erzählt Stadtführerin Rau. Obwohl Friedrich viele ausgedehnte Reisen unternahm, kam er häufiger nach Freudenstadt, an diesen buchstäblichen Quell seiner Freude. „Er hatte ein Haus etwas außerhalb“, sagt Rau. Denn das Schloss existierte ja nur auf dem Papier. Friedrich galt in vielerlei Hinsicht als moderner Herrscher.

Friedrich I. ließ Alchemisten hinrichten

Er förderte neben den schönen Künsten die Technik und die Naturwissenschaften. Die Alchemie, die frühe Chemie, hatte es ihm offensichtlich besonders angetan. Er ließ nach Bodenschätzen in seinem Reich suchen. Dass in Christophstal bei Freudenstadt schon seit längerem Silber abgebaut wurde, weckte sein Interesse. Er träumte – wie viele damals – den Traum, daraus Gold zu machen – und saß auch Betrügern auf.

Friedrich verschliss diverse Hofalchemisten. Aus Ärger über ihre Misserfolge reagierte der fortschrittlich denkende Fürst teilweise auf ganz althergebrachte Weise: Fünf seiner Alchemisten ließ er hinrichten.

Auch der Traum vom neuen Schloss erfüllte sich nie. Rund acht Jahre nach der Gründung Freudenstadts nahm es mit dem Herzog ein jähes Ende. „Friedrich starb am 29. Januar 1608 an einem schweren Hirnschlag in Stuttgart“, sagt Rau. Nicht einmal die Grundmauern für das Freudenstädter Schloss waren zu diesem Zeitpunkt gelegt – der leere Bauplatz wurde zu Deutschlands größtem Marktplatz und bescherte der Schwarzwaldstadt zufällige Bekanntheit.

Beziehung mit Sibylla war eine Liebesheirat

Und immerhin: Die Kirche neben dem erträumten Schloss hatte Friedrich schon zu Lebzeiten erbauen lassen. Als Stadtkirche ist sie heute bekannt – und sie ist eine Rarität: Es handelt sich um eine der ganz seltenen Winkelkirchen. Zwei Kirchenschiffe mit je einem Turm stehen im rechten Winkel zueinander.

Das Gotteshaus sollte sich schön an den Rand des Schlossplatzes einfügen. Derzeit wird die Stadtkirche renoviert. Außen an der Fassade prangen in kräftigen Farben und mit Goldverzierung zwei Wappen: Das linke mit der Königsfigur und den Fischen ist Friedrichs Zeichen. Das rechte mit den Ritterfiguren ist das Wappen seiner Ehefrau, Sibylla von Anhalt.

Die Beziehung der beiden soll zu ihrer Zeit und in ihren Kreisen ein wahrer Ausnahmefall gewesen sein. „Es war eine absolute Liebesheirat“, zitiert Stadtführerin Rau aus historischen Überlieferungen. Ihrem vielseitig interessierten Gatten soll Sibylla durchaus geistig ebenbürtig gewesen sein: „Sie war eine sehr gelehrte Frau, sie war in Physik, Chemie und Kräuterheilkunde bewandert – aber Friedrich gegenüber war sie sehr unterwürfig.“

Nach Freudenstadt kam die Frau des Stadtgründers zeitlebens nicht. Mit der großen Kinderschar lebte sie in Stuttgart. 15 Nachkommen gebar sie, fünf davon starben früh.

Das Eheglück bröckelte im Lauf der Jahre. Friedrich habe die gängige „Vielweiberei“ betrieben, weiß Rau. Sibylla habe seine Gespielinnen wohl oder übel toleriert, doch auf eine Nebenbuhlerin soll sie sehr eifersüchtig gewesen sein: „Das war eine Wäscherin, die Friedrich auch auf Reisen mitnahm.“ Und dabei hätte Sibylla ihren Mann selbst gerne begleitet. Friedrichs geliebtes Freudenstadt erlebte schon kurz nach seinem Tod mehrere existenzbedrohende Rückschläge.

Feuer und Pest wüten

Ab 1610 raffte die Pest fast ein Drittel der Bürger hinweg, viele andere flohen. 1632 brach im „Gasthaus zum güldenen Barben“ ein Brand aus, der 144 Häuser zerstörte. Im Dreißigjährigen Krieg kam es nur zwei Jahre später zu Plünderungen und Brandstiftungen.

Bald darauf schlug die Pest erneut zu. Knapp 3.000 Menschen sollen in Freudenstadt um das Jahr 1610 gelebt haben – um 1650 ist nur noch von etwa 300 Bürgern die Rede.

Die letzten Kämpfe des Zweiten Weltkriegs endeten für den Luftkurort ebenfalls katastrophal: Etwa 95 Prozent der Innenstadt werden am 16./17. April 1945 durch Bomben und Brände zerstört. Vor dem Wiederaufbau wurde auch darüber gestritten, ob der überdimensionierte, rund 47.000 Quadratmeter große Marktplatz verkleinert werden sollte.

Die gute Stube blieb. Heute ist sie von Straßen und Wegen zerteilt. Flüchtige Besucher nehmen eher vier benachbarte Plätze als einen großen wahr. Doch der Rekord des größten deutschen Marktplatzes steht.

Nur um wenige Quadratmeter hat Freudenstadt die Gemeinde Heide in Schleswig-Holstein auf Rang zwei verwiesen. Der Platz in Freudenstadt sei 65 Quadratmeter größer, berichtet Expertin Rau. „Aber wir wollen keinen Streit, im Gegenteil: Wir haben eine wunderschöne Städtepartnerschaft.“ Deshalb hat man sich auch diplomatisch geeinigt: Freudenstadt wirbt meist mit dem „größten bebauten Marktplatz“, Heide mit dem „größten unbebauten“. So hat jede Stadt ihren Superlativ.

Freudenstadt besuchen

Stadtführungen bietet die Tourist-Info jeden Montag um 10.15 Uhr und jeden Samstag um 10.30 Uhr an. Treffpunkt beim Tourismus-Büro, Marktplatz 64, Telefon (0 74 41) 86 47 30, weitere Infos: www.freudenstadt.de .

Herzlichen Glückwunsch den Gewinnern

Die Suche nach der richtigen Lösung für das letzte BNN-Sommerrätsel fiel Marita Riffel aus Kronau nicht schwer. Denn vor rund einer Woche habe sie noch auf dem gesuchten Marktplatz gesessen und Kaffee getrunken, erzählt sie. Gemeinsam mit ihrem Mann Kurt machte sie Urlaub im Murgtal und besuchte dabei auch Freudenstadt. „Als ich dann das Rätsel in der Zeitung gelesen habe, war mir die Antwort sofort klar.“ Ihre Chancen schätzte sie dennoch gering ein. Umso größer ist jetzt die Freude über den Gewinn – zumal Marita Riffel begeisterter Schwarzwald-Fan ist.

Marita Riffel aus Kronau hat beim letzten Teil des BNN-Sommerrätsels 2020 gewonnen. Foto: privat

Den badischen Geschenkkorb hat Ralf Meier aus Bühl gewonnen.

Die Gewinner der BNN-Wanderführer sind Karin Wagner aus Ettlingen, Ursula Heck aus Karlsruhe und Helmut Bucher aus Sternenfels.

Die drei BNN-Zoobücher gehen an Johanna Petschik aus Stutensee, Günter Rogel aus Malsch und Johann Staudt aus Östringen.

Ende des Sommerrätsels

Mit der sechsten Folge ist das diesjährige BNN-Sommerrätsel leider vorbei. Rund 40.000 Leserinnen und Leser haben teilgenommen. Ein herzliches Dankeschön an alle Rätselfreunde!

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