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Eigenschutz der Polizei

Experte zum Einsatz in Oppenau: „Es ist nicht wie bei James Bond”

Die von den BNN befragten Beamten halten den Überraschungsmoment für einen wichtigen Faktor im Oppenauer Vorfall, bei dem ein 31-Jähriger vier Polizisten entwaffnet hat. Aber sie hinterfragen auch das Vorgehen ihrer Kollegen. 

Polizeipistolen wie diese (Modell Heckler & Koch P 2000) gehören zur Standardausstattung der Polizei in Baden-Württemberg. Bei einem Einsatz in Oppenau hatte ein 31-jähriger Täter vier Polizisten dazu gezwungen, ihre Dienstwaffen abzugeben. Foto: Patrick Seeger picture alliance / dpa

„Unser Auftritt ist freundlich, aber bestimmt”: Mit diesem informellen Motto ist die Polizei in Baden-Württemberg bislang auch bei Gefahr für Leib und Leben meistens gut gefahren. Anders als etwa in den USA, wo die Polizisten häufiger ihre Dienstwaffen ziehen und bei Personenkontrollen bewusst abschreckend bis aggressiv wirken, setzen die deutschen Gesetzeshüter im Alltag eher auf besonnene Deeskalation, um das Risiko für sich selbst und die Umgebung zu minimieren.

Wenn wie jetzt in Oppenau ein Einsatz missglückt, stellt sich für viele Experten die Frage, ob die antrainierten Standards bei der Eigensicherung der Polizei konsequent befolgt wurden.

Ein Täter, der sich zunächst vermeintlich kooperativ zeigt und dann plötzlich angreift, ist ein Alptraum für jeden Polizisten. Die von den BNN befragten Beamten halten den Überraschungsmoment für einen wichtigen Faktor im Oppenauer Vorfall, aber sie hinterfragen auch das Vorgehen ihrer vier Kollegen, die möglicherweise Fehler gemacht haben.

„Wir sind eine bürgerfreundliche Polizei. Hätten wir hier amerikanische Verhältnisse, gäbe es Proteste.”
Matthias M., Polizist in Baden-Württemberg

„Man wird darüber reden müssen, was in der Taktik schief lief und wie gut trainiert diese Polizisten waren”, sagt Steffen Mayer, Landeschef beim Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK). „Die Bedrohungslage muss extrem gewesen sein und der Täter wohl sehr gewieft”, mutmaßt ein anderer erfahrener Polizist, den unsere Zeitung nur unter dem Namen Matthias M. zitieren kann. „Es ist nicht wie bei James Bond, wir ziehen nicht die Waffe und feuern sofort drauf los. Wir sind eine bürgerfreundliche Polizei. Hätten wir hier amerikanische Verhältnisse, gäbe es Proteste”.

Es gibt viele offene Fragen. Warum hatte nicht zumindest einer der vier Polizisten eine Maschinenpistole bei sich, die jeder Streifenwagen mitführt? Warum hatte in einer solchen Gefahrenlage offensichtlich keiner in der vorgeschriebenen „Sicherheitshaltung” seine Dienstwaffe gezogen? Warum behielt keiner den Täter genau im Blick? Die befragten Experten haben keine Antworten parat, sie halten jedoch das Vorgehen der Polizei in Oppenau ungewöhnlich.

In Baden-Württemberg mangelt es an erfahrenen Polizisten

Normalerweise wird bei einer Personenkontrolle eine zweiköpfige Polizeistreife eingesetzt, deren Mitglieder sich im Vorfeld abstimmen: Wer spielt welche Rolle, wer sichert die Lage im Hintergrund? „Der erfahrenere Polizist übernimmt die Gesprächsführung und steht frontal zur verdächtigen Person, sein Kollege seitlich etwas daneben, um eine freie Schusslinie zu haben”, erklärt Steffen Mayer.

„Das Problem ist aber, dass wir derzeit kaum Streifen aus zwei erfahrenen Kollegen haben. Auch der Stand der Vorbereitung kann sehr unterschiedlich sein”.

„Ein Bogen kann auch für Polizeibeamte in Schutzwesten gefährlich sein.”
Steffen Mayer, Landesvorsitzender Bund Deutscher Kriminalbeamter

Laut Mayer ist es gängige Praxis, bei Hinweisen auf den Waffenbesitz bei einer verdächtigen Person nicht die „normale” Polizei, sondern ein Spezialeinsatzkommando (SEK) zu rufen. Das gelte unter bestimmten Umständen auch dann, wenn die Einsatzzentralen davon ausgehen, dass die Person „nur” mit Pfeil und Bogen bewaffnet ist.

„Ein Bogen kann auch für Polizeibeamte in Schutzwesten gefährlich sein”, erklärt der BDK-Landeschef. Er fragt sich, ob in Oppenau die zum Zweck der Eigensicherung angestrebte Distanz von sechs Metern zur kontrollierten Person eingehalten wurde. Der Abstand sei wichtig, erklärt der Fachmann. „Denn ein plötzlicher Angriff mit einem Messer aus drei bis fünf Metern lässt sich selbst mit einer Schusswaffe schwer verteidigen”.

In einer gefährlichen Situation hat Deeskalation den Vorrang

„Die Deeskalation der gefährlichen Situation und der Schutz der eingesetzten Beamten haben Vorrang”, sagt Matthias M. In einer Situation wie dieser sollte der „Sicherungsbeamte” eine Hand an seiner Waffe halten, so der Polizeiexperte: „Das gibt eine halbe Sekunde Vorsprung, wenn man schnell ziehen muss”. Er nimmt dennoch die Kollegen teilweise in Schutz: „Es gibt Tausende Szenarien, man kann nicht für jedes einzelne Vorschriften verfassen. Wenn einer von freundlich auf Angriff umschaltet, dann wäre jeder überrumpelt. Für mich klingt das nach einer Falle”.

Matthias M. hält es für möglich, dass die Verhaltensregeln der Polizisten in Gefahrenlagen jetzt auf den Prüfstand gestellt werden müssen. Grundsätzlich werde sich an der Taktik von Personenkontrollen allerdings nichts ändern, glaubt er.

„Auch wenn wir uns wünschten, aus Sicherheitsgründen rufen zu können: ,Keine Bewegung, Hände ans Steuer’, wie es in den USA üblich ist - in Deutschland wird es nicht passieren. Denn es ist nicht unser Ziel, den Menschen Angst zu machen”.

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