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Vergewaltigung, Verfolgung, getrennt von der Familie

Geflüchtete im Südwesten erzählen ihre Geschichte: Leben ohne Angst - aber für wie lange?

Sie flohen vor Krieg, Gewalt und Misshandlungen nach Europa. Die BNN sprachen mit drei afrikanischen Flüchtlingen darüber, was sie nach Baden-Württemberg geführt hat und wie sie sich ihre Zukunft vorstellen.

Unterwegs in die ungewisse Fremde: Wie diese Frau und ihr Kind wagen viele Menschen aus Afrika die gefährliche Überfahrt in Booten aus Libyen nach Europa, um ein neues Leben ohne Angst und Gewalt zu beginnen. Manche von ihnen erreichen Deutschland, wo sie mit weiteren Problemen kämpfen müssen. Foto: ARIS MESSINIS AFP

Etwa 660.000 Flüchtlinge lebten nach Angaben der Bundesregierung am 30. Juni 2020 in Deutschland: Menschen, die ihre Heimat verlassen hatten, um in der Fremde ein neues Leben zu beginnen. Manche haben auf der Flucht nach Europa ihr Leben riskiert. Am Ende können sie sich in einem für sie fremden Land sicher führen. Doch richtig angekommen sind die meisten dieser Menschen noch nicht, und die wenigsten von ihnen wissen, ob sie bleiben dürfen.

Die Geflüchteten leben unter uns, doch wir wissen wenig über sie. Was hat sie dazu bewegt, ihr Land, ihre Freunde, Familie und Vergangenheit hinter sich zu lassen? Wie stellen sie sich die Zukunft vor? Die BNN sprachen mit drei Geflüchteten aus Afrika, die in Karlsruhe und dem Südwesten leben, über ihre Flucht und das Leben danach. Klaus Schöffler hat ihre Geschichten aufgeschrieben.

„Sie nennen mich ,Bruder’, das macht mich glücklich“: Mou (29) aus Togo

In meiner Heimat gehörte ich einer demokratischen Partei an. In einem Staat, der diktatorisch geprägt ist und Menschen oft willkürlich verhaftet, ist das gefährlich. Wie viele meiner Freunde kam auch ich ins Gefängnis. Einige sind dort gestorben, andere noch immer eingesperrt, werden gefoltert. Ich wollte endlich in Sicherheit sein, ich wollte nach Europa.

In Libyen verdiente ich mir das Geld für die Überfahrt nach Italien. Mein Ziel war Deutschland, ein Land des Rechts. Als ich hier ankam, fühlte ich mich einsam. Dann brachten mich die Betreuer in einem Sportverein unter. Ich konnte endlich wieder Fußball spielen. Mein Trainer und meine Mitspieler wurden zu meinen Freunden. Sie nennen mich „Bruder“, das macht mich glücklich.

Ein Mitspieler vermittelte mich an einen Logistikdienstleister in Walldorf. Ich konnte dort zur Probe arbeiten, später bekam ich einen Vertrag als Lagerarbeiter und eine Aussicht auf einen Ausbildungsplatz. Dann aber kam ein Schreiben vom Regierungspräsidium: Ich solle zurück nach Italien, weil ich dort Asyl beantragt hatte. Die Polizisten hätten jeden Tag kommen können.

Ich bin so froh über die Menschen, die mir geholfen haben. Meine Mannschaft ist meine Familie.
Mou aus Togo

Mein Trainer und meine Mitspieler wandten sich an örtliche Politiker. Bei einem Radiosender haben sie einen Aufruf gestartet und mit Caritas, Flüchtlingshilfe und anderen Einrichtungen Kontakt aufgenommen. Zusammen mit einem Mitspieler initiierte mein Trainer eine Petition, damit mein Asylantrag erneut geprüft wird. Er sagte mir, bei 50.000 Stimmen müsse sich der Petitionsausschuss des Bundestags damit befassen. Bis heute haben sich mehr als 40.000 Menschen gemeldet.

Jetzt ist die Abschiebung aus organisatorischen Gründen gestoppt, aber nicht vom Tisch. Ich darf vorerst bleiben, weil mein Asylverfahren neu aufgerollt wird. Ich bin so froh über die Menschen, die mir geholfen haben. Meine Mannschaft ist meine Familie.

„Ich wagte mich oft kaum aus dem Haus hinaus“: Hanad (31) aus Somalia

Ob ich in Deutschland bleiben darf? Das entscheidet erst noch ein Gericht. Ich bin Hanad. Meine Freundin kommt wie ich aus Somalia, wir haben uns in der Erstaufnahme für Flüchtlinge kennengelernt. Kurz vor Weihnachten sind wir Eltern geworden. Heute bin ich 31, als ich aus meiner Heimat geflohen bin, war ich noch keine 20.

Ich habe in Mogadischu gelebt. Wegen des Bürgerkriegs ist die somalische Hauptstadt seit Jahren umkämpft. Ich wollte studieren und mich endlich wieder frei bewegen können. Ich wagte mich damals aber oft kaum aus dem Haus hinaus. Die Islamisten kamen auf Pick-ups mit Maschinengewehren. Sie zündeten ferngesteuerte Bomben und verübten Selbstmordattentate. Es macht mich heute traurig, wenn ich daran denke. Die Menschen hatten Angst und verließen in Scharen die Stadt, auch meine Eltern. Ich aber blieb.

Seit ich in Deutschland bin, ist mein Leben ruhiger geworden.
Hanad aus Somalia

Die Macht der Terrororganisation Al-Shabaab wurde in meiner Heimat immer größer. Sie reicht heute sogar bis in Regierungskreise. 2009 beschloss ich, nach Libyen zu reisen, um dort zu studieren. Dann wurde jedoch Muammar al-Gaddafi innerhalb weniger Monate gestützt, und die politische Lage veränderte sich. Zehntausende verließen damals das Land. Ich machte mich auf den Weg nach Tunesien und von dort nach Europa.

Seit ich in Deutschland bin, ist mein Leben ruhiger geworden. Ich lernte in Karlsruhe eine Familie kennen, die für ihre Tochter einen Nachhilfe-Lehrer in Arabisch suchte. Sie half mir, meine Sprachkenntnisse zu verbessern. Gemeinsam fanden wir einen Betrieb, der mir erst ein Praktikum, später die Ausbildung zum Industriemechaniker anbot. Die Berufsschule ist nicht einfach. Das erste Jahr musste ich wiederholen, das zweite lief aber gut. Bald mache ich meinen Abschluss.

„Immer wieder haben mich Fremde vergewaltigt“: Cirah (35) aus Kamerun

Ich bin Cirah und komme aus Kamerun. Meinen Freund habe ich vor drei Jahren das letzte Mal gesehen. Als ich von ihm schwanger wurde, wollte mein Vater nicht, dass ich ihn heirate. Ich wurde stattdessen mit einem reichen und älteren Mann vermählt, der viel Geld bezahlt hat. Als mein Kind auf der Welt war, zwang er mich zur Prostitution.

Immer wieder haben mich Fremde vergewaltigt. Heimlich ging ich zu meinem Freund. Wir fuhren in eine andere Stadt, dort bekam ich unser zweites Kind. Weil wir keine Arbeit fanden, machten wir uns auf den Weg ins benachbarte Nigeria, weiter nach Algerien und schließlich nach Libyen. Dort nahmen uns Kämpfer einer Miliz fest. Wir wurden immer wieder geschlagen, bis die Polizei uns befreite.

Im Lager misshandelten sie mich immer wieder. Sogar meine Kinder wurden geschlagen.
Cirah aus Kamerun

In Libyen wurden meine Kinder und ich von meinem Freund getrennt. Im Lager misshandelten sie mich immer wieder. Sogar meine Kinder wurden geschlagen. Ich durfte aber auch in einem Restaurant arbeiten. Dessen Besitzerin sah, wie schlecht es mir ging. Sie half mir bei der Flucht nach Europa. Das ist jetzt zwei Jahre her.

Meine Heimat ist jetzt hier. Deutschland hat uns sehr geholfen. Ich würde gerne meine Kinder in der Kita unterbringen und mich bewerben. Ich möchte in der Altenpflege arbeiten. Doch die Behörden sagen, dass ich zurück nach Kamerun müsse. Mein Asylantrag wurde abgelehnt.

Es heißt, dass die Gründe, warum ich Asyl beantragt habe, nicht ausreichend sind. Trotz allem, was ich erlebt habe, und obwohl die Ärzte mich für traumatisiert befunden haben. Ich vermisse außerdem meinen Freund. Als ich in Deutschland ankam, habe ich beim Roten Kreuz eine Suchanfrage nach ihm gestellt. Bis heute habe ich keine Antwort erhalten.

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