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Ehrenamt

Frau aus Blankenloch trotzt der Krankheit MS und pflegt traumatisierte Hunde: „Sie geben mir was“

Denise Baumgärtner leidet an einer aggressiven Multiplen Sklerose. Mehr als Therapie und Medikamente hilft ihr die Pflege traumatisierter Hunde, sagt die 31-Jährige aus Blankenloch. Ein Hund habe es geschafft, dass sie den Rollstuhl nicht mehr braucht.

Denise Baumgärtner nimmt in Blankenloch für den Verein Pfotenhilfe Karlsruhe Hunde auf und pflegt sie, bis sie weitervermittelt werden können. Harley (unten) und Santos (oben) hat sie aber behalten. Foto: Sebastian Raviol

Harley bellt, wie so viele Hunde bellen, sobald ein Gast die Wohnung betritt. Dann aber traut sich die 14 Jahre alte Hündin nicht, den fremden Mann zu beschnuppern. Sie schaut ängstlich zur Seite. Ein paar Minuten, dann kommt sie doch, schnuppert und schleckt die Hand ab, wird anhänglich. „Vamos jetzt“, sagt Denise Baumgärtner und schickt Harley weg.

Baumgärtner hat Harley in ihrer Wohnung in Blankenloch aufgenommen, da war die Hündin fünf Jahre alt, hauste irgendwo in Spanien. „Am Anfang hat sie Blut gespuckt“, sagt Baumgärtner. „Ich will gar nicht wissen, was sie erlebt hat.“ Ihre Schüchternheit wird Harley wohl nie wieder ablegen. Aber es geht ihr gut.

Straßenhunde aus dem Ausland

Der Podenco-Mix war einer der ersten Hunde, die Baumgärtner bei sich aufnahm und pflegte. Die meisten der 45 Hunde aus Rumänien, die ihre Wohnung gesehen haben, kamen schon nach wenigen Tagen bei Familien unter, doch Harley wollte sie behalten. Baumgärtner arbeitet als eine von zwölf Pflegestellen ehrenamtlich für die Pfotenhilfe Karlsruhe. Der Verein holt Hunde aus dem Ausland, auf die dort auf den Straßen oder in überfüllten Tierheimen nur der Tod wartet. Es sind oft schwere Fälle, auch Hunde, die nach Misshandlungen mit dem Leben abgeschlossen haben.

Baumgärtner hat sich lange nicht zugetraut, traumatisierte Hunde aushalten zu können. Die 31-Jährige leidet an einer aggressiven Multiplen Sklerose (MS). Seit elf Jahren lebt sie mit der Krankheit, die sie zum Zittern bringt, die sie schwer gehen und schlechter sehen lässt. Baumgärtner hat sich auf ihren Alltag eingestellt, bringt ihre Tochter jeden Morgen zur Schule, kann alleine leben. „Ich dachte aber nie, dass ich dieses Leid der Hunde aushalten kann.“

Schlimme Erfahrungen können bei MS-Erkrankten Schübe auslösen. Doch die traumatisierten Hunde lösen bei Baumgärtner das Gegenteil aus: „Sie geben mir etwas, was mir Menschen nicht geben.“ Seitdem sie die Hunde pflege, habe sie weniger Schübe.

Das Vertrauen ist in wenigen Tagen aufgebaut

Der kleine Santos, ein sieben Monate alter Hund, in einem rumänischen Supermarkt gefunden, habe sie sogar aus dem Rollstuhl geholt. Einen Monat lang saß sie darin wegen den starken Schmerzen einer Gürtelrose. „Wegen Santos musste ich aufstehen, immer wieder. Er hat mir neue Energie gegeben. Diesen Blick, den man bekommt – das ist einfach was Schönes.“ Santos begleitet Baumgärtner den ganzen Tag, auch bei der Ergotherapie.

Wenn so ein traumatisierter Hund erst einmal gebadet, geimpft und besser ernährt ist, wird aus ihm, der zuvor nur in der Ecke stand, nach und nach wieder ein lebendiges Tier. Baumgärtner bringt die Hunde so weit, dass sie wieder Vertrauen zum Menschen aufbauen können. Erst dann gibt sie die Tiere weiter an Familien. „Meistens ist das Vertrauen in drei, vier Tagen aufgebaut“, sagt sie und lächelt. „Alles kann ich nicht falsch machen.“

Um die großen Hunde kann sie sich wegen ihrer Krankheit nicht mehr kümmern. Früher nahm sie auch traumatisierte Tiere aus Spanien auf. „Diese Hunde waren wirklich total durch. Total lieb, aber wirr, hektisch, nervös, unsicher. Das schaffe ich heute nicht mehr, weil es sich auf mich überträgt.“ Damals hat sie für manche Hunde gekocht, wenn sie spezielles Futter brauchten.

Therapie und Medikamente halfen nicht

Wo die 31-Jährige an Grenzen kommt, hilft ihr Mann Nico, zuletzt nach einem Anruf: Eine Familie wollte ihren „aggressiven Welpen“ abgeben. Das heißt für Tierschützer nichts Gutes – wartet man zu lange, setzen manche unzufriedene Tierhalter den Hund einfach aus. Nico reagierte sofort und hatte den Welpen nach zwei Stunden Autofahrt gesichert. „Es war ein ängstliches kleines Bündel“, sagt Baumgärtner. Doch wenn Hundehalter beschließen, das Tier nicht mehr bei sich haben zu wollen, kann es gefährlich werden.

Baumgärtner braucht ihren Mann. Sie hat ihn in der Reha kennengelernt, die glückliche Wende einer schweren Zeit. Sie war 20 Jahre alt, als sie morgens in der Küche aus dem Nichts hinfällt, auf der Arbeit von der Leiter fällt. Sie kommt zu spät, weil die Beine die Pedale ihres Fahrrads nicht mehr so treten, wie sie es will. Baumgärtner erhält die Kündigung. „Das kann ich auch verstehen“, sagt sie. Sie selbst hat die Krankheit auch dann noch verdrängt, als die Diagnose längst feststand. Therapie und Medikamente hätten ihr auch nicht geholfen, sagt sie.

Da sie nicht mehr als Bürokauffrau arbeiten kann und daheim sein muss, möchte Baumgärtner ihre Zeit für die Pflege der Hunde nutzen. „Ich versuche, auch in schlimmen Zeiten alles positiv zu sehen. Ich habe Schlimmes erlebt, mir geht auch Vieles nahe. Aber die Tiere geben mir keinen Tritt.“ Und Baumgärtner hat eine Ausdauer, die viele der Vorbesitzer nicht hatten. „Kikky hat den Boden angenagt? Dann kommt ein neuer rein.“ Im Tierschutz stecke ihr Herzblut, der Verein sei für sie wie eine Familie. Für Baumgärtner wurden die Hunde zur Lebensaufgabe. „Freundinnen sagen, ich bin bescheuert. Aber ich liebe es und würde es jedes Mal wieder machen.“

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