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Aus historischen Gründen und wegen „Übersichtlichkeit“

Statistisches Landesamt weist Bevölkerungszahlen in Baden-Württemberg oft nur für Männer aus

Frauen fehlen in vielen amtlichen Statistiken – weil vor mehreren Jahrzehnten Speicherplatz noch teuer war. Heute, wo es neben „männlich“ und „weiblich“ auch noch die Geschlechtsoption „divers“ gibt, wird das zum mathematischen Problem.

Mit Tabelle und Taschenrechner: Wer beispielsweise wissen will, wie hoch die Bevölkerungszunahme unter Frauen in Baden-Württemberg ist, muss selbst rechnen. Foto: Imago Images/Elnur

Wie viele Männer und Frauen lebten am 31. Dezember 2019 in Baden-Württemberg? Wer das wissen will, kann einfach auf die Internetseite des Statistischen Landesamts schauen. „Bevölkerungsbilanz nach Geschlecht“ heißt beispielsweise eine Tabelle, die man sich dort bequem für das ganze Land oder auch nur für einzelne Kreise oder Gemeinden anzeigen lassen kann . Nur: Die Geschlechter sind dort gar nicht beide abgebildet.

Stattdessen stehen in der Tabelle die Zahlen für „insgesamt“ und „männlich“. Wer die Werte der Frauen wissen will, muss selbst rechnen.

Speicherkapazität für Daten war früher begrenzt

Das ist nicht in allen Datensätzen so: Die Tabelle zum „Durchschnittsalter nach Geschlecht“ etwa hat separate Spalten für Männer und Frauen. Beim Datensatz der Geburten und Sterbefälle fehlen die Angaben für Frauen aber ebenso wie bei den Werten zur „Bevölkerung nach Nationalität“ . Den Frauenanteil erfährt in vielen Bereichen nur, wer die Männer vom Gesamtwert abzieht.

„Dass Angaben zum weiblichen Geschlecht von uns häufig nicht ausgewiesen werden, ist historisch bedingt“, erklärt Werner Brachat-Schwarz vom Statistischen Landesamt auf BNN-Anfrage. „Als in den 1960er- und 1970er-Jahren Datenbanken entwickelt wurden, war deren Speicherkapazität sehr begrenzt und sehr teuer.“ In der sogenannten Struktur- und Regionaldatenbank seien deshalb jeweils nur Daten für die Merkmale „insgesamt“ und „männlich“ abgespeichert worden.

Machen Daten über Frauen die Tabellen „unübersichtlich“?

Diese Vorgehensweise sei in den vergangenen Jahrzehnten auch deshalb beibehalten worden, weil oftmals Ergebnisse für lange Zeitreihen dargestellt würden.

„Hinzu kommt, dass dann, wenn beide Geschlechter ausgewiesen würden, die Tabellen oftmals unübersichtlich wären“, so Brachat-Schwarz weiter. Wo also Angaben zum weiblichen Geschlecht fehlen, „können bzw. müssen diese berechnet werden“.

„Insgesamt“ und „männlich“ sind in der Tabelle vertreten, Spalten für „weiblich“ oder „divers“ fehlen hingegen. So oder so ähnlich sieht es in mehreren Datensätzen des Statistischen Landesamtes aus, die online abgerufen werden können. Foto: Screenshot

Das simple Subtrahieren des Männer-Wertes vom Gesamtwert birgt aber ein Problem: Seit Dezember 2018 erlaubt das deutsche Personenstandsgesetz den Eintrag „divers“, teilweise auch als „drittes Geschlecht“ bezeichnet. „Auswertungen und Ergebnisveröffentlichungen der amtlichen Statistik müssen deshalb beim Geschlecht grundsätzlich auch die Merkmalsausprägung „divers“ berücksichtigen“, bestätigt Brachat-Schwarz.

„Divers“ wird überhaupt nicht ausgewiesen

In den online abrufbaren Tabellen des Statistischen Landesamtes kommt das Merkmal „divers“ allerdings nicht vor. Das hängt laut Werner Brachat-Schwarz mit den geringen Fallzahlen zusammen: Aus Datenschutzgründen könnten die Zahlen auf Bundesland-Ebene nicht explizit ausgewiesen werden.

„Vielmehr werden diese wenigen Fälle nach dem Zufallsprinzip den Geschlechtern „weiblich“ und „männlich“ zugeordnet, damit jeweils die Angaben für „insgesamt“ möglich sind“, erklärt Brachat-Schwarz. Streng genommen können die Werte für Männer und Frauen also immer leicht von der Realität abweichen.

Allerdings ist eine Umstellung der Datenbanken des Statistischen Landesamtes geplant: Ab dem Jahr 2022 soll ein neues System sukzessive die bisherige Technik ablösen. In sogenannten Genesis-Datenbanken „werden dann auch Angaben zum weiblichen Geschlecht abgespeichert“. Ob diese Angaben aber auch öffentlich aufgeführt werden, soll von der jeweiligen Größe der Tabellen abhängen. Angaben zur Geschlechtsoption „divers“ werden laut Brachat-Schwarz wohl auch im neuen System nicht gespeichert.

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