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Psychologe ordnet ein:

Fünf Arten, wie Verschickungskinder ihr Schicksal aufarbeiten

Immer mehr Verschickungskinder melden sich zu Wort und berichten, wie schlecht es ihnen früher bei Aufenthalten in Kinderheimen ging. Es zeigt sich: Es gibt hauptsächlich fünf Arten, wie Betroffene ihr Schicksal aufarbeiten. Ein Psychologe ordnet die fünf Arten ein.

Nur nicht weinen: Wenn die „Verschickungskinder“ in den Heimen aufgefallen sind, wurden sie bestraft. In diesen wochenlangen Kuren sollten sie je nach Verfassung zu- oder abnehmen und bekamen deutlich zu viel oder viel zu wenig zu essen. Foto: dpa

Immer mehr Menschen erzählen, wie sie als Kind ihre Ferien unter schlimmen Umständen in einem Heim verbrachten. Manche mussten unter Androhung von Prügeln Teller um Teller mit Milchreis essen. Wenn sie erbrachen, mussten sie weiter essen. Andere wurden stundenlang isoliert, weil sie nachts auf Toilette wollten. Es handelt sich um Verschickungskinder – Menschen, die als Kind von ihren Eltern für Ferien in Kinderheime gegeben wurden, um etwa ab- oder zuzunehmen oder Beschwerden auszukurieren. Es könnte Millionen Betroffene geben, die Aufklärung hat erst Fahrt aufgenommen.

Petra Beller aus Bruchsal ist Betroffene und an der Aufklärung im Südwesten beteiligt. Sie ist auch im jüngst gegründeten Verein „Aufarbeitung Kinderverschickungen Baden-Württemberg“ engagiert. In ihrer lokalen Selbsthilfegruppe gibt es immer wieder Zulauf. „Manche haben ein Jahr lang gebraucht, um eine Zuordnung für sich zu finden“, sagt sie. Zuletzt gab es auch einen digitalen Kongress der bundesweiten Aufklärungsgruppe: „Da sind neue Leute dabei, die sich bislang nicht getraut haben“, sagt Beller.

Stichwort

Wann Aufarbeitung angesagt ist

Manche kommen mit ihrem Schicksal als Verschickungskind gut zurecht, andere nicht. Professionelle Hilfe ist aus Sicht von Kinderpsychotherapeut Arne Burchartz angesagt, „wenn ich in meinem Leben immer wieder ähnliche Unglücke erlebe“. Wenn etwa Beziehungen immer wieder scheitern oder man seine Emotionen gegenüber dem Chef nicht im Griff habe. Neben der professionellen Hilfe durch einen Therapeuten seien Selbsthilfegruppen sehr sinnvoll. Manche Verschickungskinder brauchen keine externe Hilfe, sagt Burchartz. „Wenn ich aber mit meinem Leben im Großen und Ganzen zufrieden bin - warum sollte ich was ändern?“ ser

Es zeige sich: Die Art, wie die Menschen mit ihrer Vergangenheit umgehen, ist ganz unterschiedlich. Hauptsächlich verarbeiten die Verschickungskinder ihr Schicksal auf fünf verschiedene Arten. Kinderpsychotherapeut Arne Burchartz aus dem baden-württembergischen Öhringen ist bei der Aufarbeitung im Südwesten involviert. Er ordnet die verschiedenen Arten der Aufarbeitung ein.

Typ eins: Keine Verarbeitung

„Schlimme Ereignisse müssen nicht per se ein Trauma sein“, sagt Burchartz. Und so müssen manche Verschickungskinder ihr Schicksal nicht aufarbeiten. „Viele Menschen haben eine erstaunliche Kraft, mit schlimmen Ereignissen fertig zu werden.“

Doch die Traumata können gerade im Alter, wenn die Widerstandskraft des Körpers nachlässt, aufbrechen. „Solche Traumata nisten sich ins Seelenleben ein und wirken sehr lange“, sagt Burchartz. „Ein Geruch, eine Farbe oder eine bestimmte Konstellation können es hervorrufen.“ So berichten viele Verschickungskinder, dass sie bis heute etwa den Milchreis nicht essen oder den Ort des Kinderheims nicht anfahren können. „Man muss aber niemanden überreden, sein Trauma aufzuarbeiten“, sagt Burchartz.

Typ zwei: Sich Informieren lassen

So mancher Betroffener erfährt erst durch die Berichterstattung, dass er ein Verschickungskind war – und möchte dann auf dem Laufenden bleiben, was die Aufklärung angeht, sich aber nicht daran beteiligen und auch nicht eine Selbsthilfegruppe besuchen.

„Wenn man sich davon fernhalten will, ist das ein legitimer Selbstschutz“, betont Burchartz.

Typ drei: Austausch in sozialen Netzwerken

Im sozialen Netzwerk Facebook gibt es bundesweite und regionale Gruppen, in denen sich Betroffene austauschen. „Manche machen dort ihrem Ärger Luft“, sagt Beller, „und betonen, dass es schlimm ist, dass damals mit den Verschickungen Geld verdient wurde.“

Kinderpsychotherapeut Burchartz kann nachvollziehen, wenn Betroffene in den Gruppen ihren Unmut äußern. „Der Impuls ist Aggression: Das will ich nicht mit mir machen lassen.“ Als Kind konnten sie das aber nicht äußern, weil die Erzieher dann noch schlimmer mit ihnen umgegangen wären. „Wenn jetzt endlich diese Wut Gehör findet, ist es ein allererster Schritt, um sich von einem traumatisierenden Ereignis zu reinigen“, sagt Burchartz. Aber eine richtige Aufarbeitung funktioniere nur, wenn es ein reales Gegenüber gibt.

Den realen Austausch gibt es in regionalen und lokalen Selbsthilfegruppen. Diese bezeichnet Burchartz als sehr hilfreich. Beller berichtet, dass dabei auch Freundschaften entstehen könnten: „Der Austausch ist immer sehr wertschätzend und vertraulich.“

Typ vier: Einen Schuldigen suchen

Für manche der Betroffenen ist es das Wichtigste, einen Schuldigen benennen zu können, berichtet Beller. Dann gehe es um das damalige System und den Wunsch nach Entschädigung und Entschuldigung.

Das Fatale, sagt Kinderpsychotherapeut Burchartz, sei, dass sich manche Verschickungskinder zunächst selbst schuldig fühlten. Ein Beispiel: Ihnen sei das widerfahren, weil sie ein böses Kind seien. „Wenn man jetzt jemanden finden würde, auf den man die Schuldgefühle projiziert, wäre das sehr entlastend.“ Die Schuldzuweisung alleine reiche für eine komplette Aufarbeitung jedoch nicht aus.

Typ fünf: Recherche

Im Bereich Verschickungskinder hat die tiefere Forschung und Aufarbeitung erst begonnen. In Landesarchiven beispielsweise können Betroffene mehr über Heime und Schicksale herausfinden. „Das Bedürfnis ist groß“, sagt Beller.

„Das ist eigentlich ein Zeichen von Reife, wenn man die Geschichte genauer wissen will“, sagt Burchartz. „Das trägt zur Historisierung der Dinge bei.“ Die Betroffenen würden bemerken: „Ich war Opfer eines Umstandes, den ich nicht beeinflussen konnte.“

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