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Sprachliche Inklusion

Für jeden verständlich: So funktionieren Leichte und Einfache Sprache

Leichte und Einfache Sprache sollen ein Türöffner für Menschen mit Behinderung oder Personen mit Sprachschwierigkeiten sein. Zwei Übersetzerinnen erklären, wie das funktioniert.

Beim Schreiben gelten eigene Regeln: Leichte und Einfache Sprache sollen ein Türöffner für Menschen mit Behinderung oder Personen mit Sprachschwierigkeiten sein. Sie machen ihnen Informationen zugänglich. Foto: Sven Hoppe/dpa

„In Deutschland gibt es 16 Bundes-Länder. Baden-Württemberg ist ein Bundes-Land von Deutschland. Das Bundes-Land wird von Menschen geleitet. Das ist die Landes-Regierung von Baden-Württemberg. Der Chef der Landes-Regierung heißt Minister-Präsident.“

Solche Erklärungen, wie hier von der Internetseite des Landes, begegnen aufmerksamen Menschen immer öfter. Sowohl online als auch offline sind bei Behörden, Firmen, Museen oder Institutionen Texte in Leichter Sprache gestaltet.

Gängige und kurze Wörter werden benutzt

Leichte Sprache ist mittlerweile ein fester Begriff geworden und ihre Zielgruppen sind vorrangig Menschen mit geistiger Behinderung oder Lernschwierigkeiten. Sie folgt einem Regelwerk, das von den Betroffenen selbst zusammengestellt wurde. Neben der Leichten Sprache, die zum Beispiel in Hauptsätzen und mit gängigen Worten funktioniert, gibt es noch die etwas jüngere Einfache Sprache.

Sie erzählt mehr, hat einen größeren Wortschatz und ist an kein Regelwerk gebunden. Außerdem ist Einfache Sprache nicht explizit für Menschen mit Behinderung oder Lernschwierigkeiten gedacht, sondern auch für Menschen mit geringem Sprachverständnis.

Das Ziel meiner Arbeit ist es, Menschen an der Gesellschaft teilhaben zu lassen.
Anja Lützen, Übersetzerin der Leichten und Einfachen Sprache

Anja Lützen beherrscht beide Sprachformen und hat sie zu ihrem Beruf gemacht. Die Übersetzerin in Leichte und Einfache Sprache, Schriftdolmetscherin und Dolmetscherin für Einfache Sprache, ist seit 2017 selbstständig: „EasyToRead“ heißt ihr Büro im schwäbischen Welzheim – also „einfach zu lesen“.

„Das Ziel meiner Arbeit ist es, Menschen an der Gesellschaft teilhaben zu lassen“, sagt sie. Leichte Sprache habe den Anspruch, Menschen zu informieren und nicht unbedingt, sie für das Lesen zu begeistern. „Das kann eine Sicherheitseinweisung am Arbeitsplatz sein“, sagt die Übersetzerin.

Ein Blick in das Regelwerk der Leichten Sprache zeigt: Es sollen gängige und kurze Wörter benutzt werden, zusammengesetzte Substantive werden mit einem kleinen Punkt oder einem Strich getrennt. Verwendete Worte sollen eindeutig sein und auf Synonyme soll, auch in dichter Abfolge, verzichtet werden. Auch sollen nur nicht verneinte Sätze benutzt werden. „Sagen Sie die Dinge, wie sie sind, und nicht, wie sie nicht sind“, sagt das Regelwerk.

Der Satzbau wird kurz und einfach gestaltet, passive Konstruktionen werden vermieden, also: Die Bewohner streichen die Wohnung. Statt: Die Wohnung wird gestrichen. Die Idee des „Easy Read“ entstand Mitte der 90er Jahre durch die US-Organisation „People First“ – „Menschen zuerst“. Um das Jahr 2000 schwappte das Vorhaben nach Deutschland.

Sprache kann auch ausgrenzen

Bei ihrer Arbeit schaut sich Anja Lützen zunächst die Fachbegriffe aus dem Text an, den sie in Leichte Sprache übersetzen soll. Sie informiert sich umfassend zum Thema und verwendet Begleittexte zum Verständnis. Ihre Grundfrage sei dabei immer: „Wie erreiche ich die Menschen?“

Wegen ihres kindlichen Erscheinungsbilds stand Leichte Sprache auch in der Kritik. „Es geht aber nicht darum, was wir empfinden, sondern um die Verständlichkeit“, sagt Lützen. „Es ist eine Frage der Haltung.“ Fachsprache, gerade die der Universitäten, grenze oftmals ab und aus. Doch schwierige Themen müssen auch von Menschen mit Handicap erschlossen werden können, sagt sie.

Die Sprache steht bei allem am Anfang.
Brigitte Seidel, Übersetzerin der Leichten Sprache

Für Brigitte Seidel, die als selbstständige Übersetzerin für Leichte Sprache in Offenburg arbeitet, ist der österreichische Philosoph Ludwig Wittgenstein eine Art Leitfaden: „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“ Die Inklusion von Menschen mit Behinderung bedeute auch, Sprachbarrieren zu überwinden.

„Das Hauptziel ist die Information. Denn die Sprache steht bei allem am Anfang“, sagt Seidel, die auch Texte für die Lebenshilfe Offenburg übersetzt. Seidel ist der Meinung, dass Leichte Sprache und Sprachförderung der betroffenen Menschen zweigleisig laufen müsse. Und sie sagt auch: „Nicht alle Sachverhalte kann man in Leichte Sprache übersetzen.“

Einfache Sprache, die längere Sätze und ein größeres Vokabular zulässt, wird nicht wie die Leichte Sprache von Betroffenen geprüft. Der Übersetzer ist freier in ihrer Gestaltung. Diene die Leichte Sprache ausschließlich der Information, könne Einfache Sprache auch den Spaß am Lesen steigern, sagt Anja Lützen.

Deshalb gebe es schon ganze Romane in Einfacher Sprache. Anja Lützen übersetzte den Informationstext des Stuttgarter Museums „Hotel Silber“. „Im Hotel Silber finden Sie viele Spuren aus unterschiedlichen Zeiten. Manche Spuren sind deutlich sichtbar. Oft müssen wir uns aber vorstellen, was hier passiert ist. Dabei helfen uns Schaukästen an 15 Stellen im Museum“, heißt es dort.

Kontakt zur Zielgruppe ist enorm wichtig

Anja Lützen ist nicht nur Frau der Schrift, sie dolmetscht bei Konferenzen und Versammlungen, an denen Beeinträchtigte teilnehmen, in Einfache Sprache. „Ich muss mich zuvor über das Thema informieren. Dann kann ich das simultan.“ Der Kontakt zur Zielgruppe sei für ihre Arbeit enorm wichtig.

„Mir hat es geholfen, dass ich mit den Menschen zu tun hatte, für die ich übersetzte. Denn ich habe dann häufig einen Menschen vor Augen, für den ich den Text erstelle. Das hilft mir.“ Ob Leichte Sprache oder Einfache Sprache, eine Sache bleibe immer gleich: „Das ist das Arbeiten auf Augenhöhe.“

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