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Eine Lobby für die Männer

Gleichstellung ist auch für Männer in Baden-Württemberg ein Thema

Den Landesfrauenrat gibt es schon lange. Einen für Männer nicht. Jetzt hat sich die Landesarbeitsgemeinschaft für Männer gegründet. Sie wollen den Schwung der Gleichstellungsbewegung auch für ihre Anliegen nutzen.

Neue Männerbilder, neue Vaterfiguren: Um Gleichstellung unabhängig vom Geschlecht zu erreichen, haben sich viele Vereine und Verbände der Männerarbeit jetzt in einem Landesverband zusammengeschlossen. Archivfoto: Heidi Calabrice/Familienbildungsstätte Ulm/dpa Foto: Heidi Calabrice picture alliance / Heidi Calabrice/Familienbildungsstätte Ulm/dpa

Es gibt Unterschiede, von denen weiß man zwar, aber irgendwie nimmt man sie hin, ohne groß darüber nachzudenken. Dazu gehört zum Beispiel die Tatsache, dass Männer eine deutlich geringere Lebenserwartung haben als Frauen.

Fünf Jahre - um genau zu sein. Auf Tage umgelegt, hieße das: Würden alle Menschen nur vom 1. Januar bis zum 31. Dezember eines Jahres leben, dann wären alle Männer spätestens am 10. Dezember tot.

Die Frauen dagegen würden noch Weihnachten feiern und bis Silvester weiterleben. Dass Männer im Durchschnitt nicht so lange leben ist kein Naturgesetz.

„Das hat häufig mit ihrem Verhalten und den Verhältnissen zu tun, in denen sie leben“, sagt Gunter Neubauer. Der Diplom-Pädagoge vom Sozialwissenschaftlichen Institut in Tübingen (Sowit) richtet mit seiner Arbeit das Augenmerk auf die Bedürfnisse seiner Geschlechtsgenossen.

Die Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) Männer und Väter Baden-Württemberg, die sich - analog zum Landesfrauenrat - vor wenigen Wochen gegründet hat und deren Mitglied er ist, versteht er als Interessenvertretung gegenüber der Gesellschaft und ihren politischen Entscheidern. Sie will die Rahmenbedingungen für Männer und Väter verbessern. Denn Frauen sind anders, aber Männer eben auch.

Gleichstellungsarbeit nicht in Konkurrenz sondern im Dialog

Lobbyarbeit für Männer - braucht es das wirklich? „Ja“, sagt Gunter Neubauer bestimmt und betont, dass Gleichstellung eben nicht nur ein Frauenthema ist. „Wir verstehen sie im Zusammenhang. Wenn sich für Frauen vieles ändert, aber bei den Männern alles so bleibt, wie es ist - dann ändert sich nichts.“

Seine Mitstreiter und er treten deshalb für eine gleichstellungsorientierte Männerpolitik ein. Das heißt: Nicht in Konkurrenz zu Frauen sondern im Dialog. Als Mitstreiter gewissermaßen.

Auch bei der Männerpolitik gehe es darum, den Blick auf tradierte Vorstellungen von Männlichkeit und ihre Folgen für das Selbstbild und gesellschaftliche Strukturen zu richten.

Gleichstellung heißt, dass Chancen nicht vom Geschlecht abhängen.  
Gunter Neubauer, Sprecher der LAG Männer und Väter

Was das bedeutet, lässt sich am Thema Männergesundheit ganz gut nachvollziehen. Denn - egal ob es um den Körper oder die Seele geht - „Männer achten häufig nicht so sehr auf ihre Gesundheit“, weiß Neubauer.

Dabei lebten sie viel öfter als Frauen in prekären und krank machenden Lebensverhältnissen. Aber dass Männer auf die eigenen Bedürfnisse hören und sich Hilfe holen, sei immer noch eine Ausnahme.

Gunter Neubauer engagiert sich in der LAG Männer und Väter Baden-Württemberg. Foto: Sowit Tübingen

Damit bleiben ihre Probleme aber häufig unsichtbar und machen sich erst in der Statistik bemerkbar. Zum Beispiel bei der Zahl der Suizide. „Drei Viertel der Menschen, die sich das Leben nehmen, sind Männer“, sagt Neubauer.

Die LAG, unter deren Dach sich nun viele in der Männerarbeit aktive Organisationen, Vereine und Verbände zusammengeschlossen haben, will erreichen, dass der Blick und das Verständnis der Gesellschaft dafür geschärft werden.

Häusliche Gewalt gegen Männer nimmt zu

Das gilt auch beim Thema Gewalt. „Vier von fünf Gewalttaten werden von Männern verübt“, sagt Gunter Neubauer. Aber ein Großteil dieser Gewalt richte sich eben auch gegen Männer.

Opferarbeit, wie sie für Frauen schon lange angeboten wird, sei für das vermeintlich „starke Geschlecht“ immer noch selten. „Männerschutzhäuser“, die, analog zum Frauenhaus, Jungen und Männern Zuflucht vor häuslicher Gewalt bieten, gebe es bundesweit noch viel zu selten.

Dabei spricht die Statistik auch hier eine eindeutige Sprache. Nach einer Auswertung des Bundeskriminalamts von 2018 sind knapp 20 Prozent der Opfer von häuslicher Gewalt Männer. In den vergangenen Jahren habe der Anteil der männlichen Opfer von Partnerschaftsgewalt nahezu kontinuierlich zugenommen, heißt es darin weiter.

Und das sind nur die bekannten Fälle: Dem Opferhilfeverein Weißer Ring zufolge liegt die Dunkelziffer bei häuslicher Gewalt bei mindestens 80 Prozent. Bei den betroffenen Männern sei sie besonders hoch.

Wunsch nach Väter-Auszeit

Diskriminierung und Benachteiligung gibt es auch bei den Männern. Schlecht bezahlte und ausbeuterische Jobs auch. Es gibt Männer, die gern erzieherische oder pflegerische Tätigkeiten in den Familie wahrnehmen wollen und die sich mehr Verständnis und bessere gesellschaftliche Rahmenbedingungen dafür wünschen.

Wie das Bundesforum Männer, dem die LAG beitreten wird, fordern die Männerarbeiter im Land eine Gleichstellungspolitik, die es Männern erleichtert, eine aktive und engagierte Vaterschaft leben zu können.

„Ganz aktuell sind zum Beispiel der Wunsch nach der Einführung einer zweiwöchigen Väter-Auszeit unmittelbar nach der Geburt und die paritätische Ausgestaltung der Partnermonate beim Elterngeld“, sagt Neubauer. Auch für die gleichberechtigte Förderung unterschiedlicher Familien- und Lebensmodelle will die LAG eintreten.

Die Rechtssituation von Regenbogen- und Mehrelternfamilien müsse verbessert und die gemeinsame Verantwortung beider Elternteile in Trennungsfamilien gestärkt werden.

Daneben sollen Beratungs- und Unterstützungsstrukturen für getrennt- oder alleinerziehende Väter ausgebaut werden. Gunter Neubauer ist überzeugt, dass Gleichstellung kein Frauenthema sind. Im Gegenteil: „Wahre Gleichstellung heißt, dass Chancen und Optionen nicht vom Geschlecht abhängen.“

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