Skip to main content

Kritik am „Green Deal“

KIT-Forscher nennen EU-Klimaplan „schlecht für die Erde“

Europa will grüner werden, die Natur schonen und die Belastung auf das Klima senken: Der Ende des vergangenen Jahres vereinbarte „Green Deal“ gibt dem Kontinent ehrgeizige Umweltziele bis 2050 vor. In einer neuen Analyse stellen KIT-Forscher allerdings fest, dass die EU Umweltschutz auf Kosten anderer Länder betreiben will.

Europa ist auf Importe der Agrarproduktion aus dem Ausland angewiesen. Klimaforscher aus Karlsruhe kritisieren, dass dadurch die Umweltschäden in andere Länder verlagert werden. Foto: Markus Breig, KIT

Der „Green Deal“, mit dem die EU bis 2050 zum ersten klimaneutralen Kontinent werden will, wurde schon mit der Mondlandung verglichen. Für Deutschlands Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) ist er ein „starkes und hoffnungsvolles Signal“, Kanzlerin Angela Merkel (CDU) nennt ihn einen „Kompass“ für Europa.

Ein „schlechter Deal für den Planeten“

Doch das komplexe Generationenprojekt, in welches alleine bis 2030 eine Billion Euro an Investitionen einfließen soll, hat seine Schattenseiten. Darauf weisen jetzt Klimaforscher des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) hin, die in einer neuen Studie das ehrgeizige Vorhaben der EU-Kommission als einen „schlechten Deal für den Planeten“ kritisieren.

Europa mindere in Zukunft seine eigene Umweltbelastung, bürde jedoch durch den hohen Import von Agrargütern die ökologischen Schäden anderen Ländern auf. So lässt sich die Kernaussage der Karlsruher Wissenschaftler formulieren, die zahlreiche Außenhandelsverträge der EU auf den Prüfstand gestellt haben.

Die EU muss jährlich Millionen Tonnen Getreide und Fleisch importieren

In einem Artikel in der angesehenen Zeitschrift „Nature“ zeigen sie, wie die Einfuhr von Millionen Tonnen Getreide und Fleisch jedes Jahr die landwirtschaftlichen Standards der EU schwächt – und zeigen den Weg auf, wie von einem verbesserten „Green Deal“ die gesamte Weltbevölkerung profitieren könnte.

Das Ende 2019 vereinbarte Riesenprogramm der Klimaneutralität sieht vor, dass 2050 keine neuen Treibhausgase aus Europa mehr in die Atmosphäre gelangen. Sie müssen vermieden oder gespeichert werden. Damit soll das Pariser Klimaabkommen von 2015 umgesetzt und die globale Erwärmung möglichst bei 1,5 Grad gestoppt werden.

Drei Milliarden neue Bäume in Europa

Die Vorgaben der EU-Kommission setzen neue Maßstäbe im Agrarbereich: So ist geplant, bereits bis 2030 ein Viertel der landwirtschaftlichen Flächen ökologisch zu bewirtschaften, den Einsatz von Pestiziden zu halbieren und 20 Prozent weniger Düngemittel auszubringen. Die EU will außerdem drei Milliarden Bäume pflanzen, 25.000 Kilometer Flüsse regenerieren und das Bienensterben aufhalten.

Richard Fuchs nennt diese Maßnahmen „wichtig und sinnvoll“. Doch der wissenschaftliche Mitarbeiter am Institut für Meteorologie und Klimaforschung des KIT ist als einer der drei Autoren der Studie davon überzeugt, dass Europa auch seinen Außenhandel verändern müsse, um mit dem „Green Deal“ nicht dem gesamten Planeten zu schaden. So sei es wichtig, die Nachhaltigkeitsstandards in der EU und den Agrar-Exportländern zu vereinheitlichen.

Die EU kann ihre Standards nicht anderen Ländern aufzwingen, aber sie kann verlangen, dass die Güter für den Binnenmarkt bestimmte ökologische Kriterien erfüllen.
Richard Fuchs, KIT Forscher

„Die Handelspartner Europas verwenden im Durchschnitt mehr als doppelt so viel Düngemittel wie wir, auch der Pestizideinsatz hat bei den meisten zugenommen“, erklärt Fuchs. Das müsse sich ändern. „Die EU kann ihre Standards nicht anderen Ländern aufzwingen, das wäre ein Eingriff in die Souveränität. Aber als zweitgrößter Agrarimporteur der Welt kann Europa verlangen, dass die Güter für den Binnenmarkt bestimmte ökologische Kriterien erfüllen“, erklärte der Forscher im Gespräch mit den BNN.

KIT-Experten befürworten den Einsatz der Crispr-Genschere bei Nutzpflanzen

Fuchs ist überzeugt, dass sich die ausländischen Agrarexporteure darauf einstellen könnten – wovon wiederum deren eigene Umwelt profitieren würde. Als eine Möglichkeit, den Einsatz von Schädlingsvernichtungsmitteln zu reduzieren und die Ernteeinträge zu steigern, schlägt er die Verbesserung der Nutzpflanzen mithilfe der Gen-Schere Crispr vor. Diese Technologie ist in der EU bislang stark reglementiert.

In dem „Nature“-Artikel schlägt das KIT-Forscherteam vor, den Konsum von Fleisch und Milchprodukten in der EU langfristig zu reduzieren, um die Agrarimporte zu verringern. Die Bildungssysteme müssten den Zusammenhang zwischen Konsum und Umweltkosten besser vermitteln, finden sie.

Geringere Produktion von Biokraftstoffen würde Wälder schonen

Europa solle zudem die eigene Produktion nach Öko-Standards ankurbeln, indem etwa brachliegende Gebiete mit geringer Artenvielfalt zu landwirtschaftlichen Flächen umfunktioniert werden. Das habe eine bremsende Wirkung auf die voranschreitende Entwaldung in den Tropen. Schließlich könne die EU die Produktion von Biokraftstoffen aus importierten Pflanzen verringern, die eine intensivere Landnutzung und Waldvernichtung in Drittländern mit sich bringe.

Richard Fuchs gibt zu, dass die Maßnahmen teilweise nicht einfach umzusetzen sind. „Wir sollten daher über eine Kompromisslösung diskutieren. Agrar-Importe, eigene Produktion in der EU und unser Konsum: An einer dieser drei Stellschrauben müssen wir drehen, um einen guten Klima-Deal für den Planeten zu erreichen“, sagt er. Laut Fuchs ist der Deutsche Bauernverband an Öko-Handlungsempfehlungen des KIT interessiert. Die EU-Kommisssionchefin Ursula von der Leyen hat sich bei den kritischen Forschern demnach noch nicht gemeldet.

nach oben Zurück zum Seitenanfang