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43 Prozent stimmen zu

Körperstrafen bei Kindern: Ein Klaps auf den Hintern ist für viele „normal“

Seit 20 Jahren gilt in Deutschland das Recht von Kindern auf gewaltfreie Erziehung. Doch halten sich offenbar viele Eltern nicht daran, wie eine neue Studie zum internationalen Tag der Kinderrechte zeigt.

Kinderrechte in Gefahr: Viele Erwachsenen in Deutschland halten es für normal, in der Erziehung leichte körperliche Gewalt anzuwenden. Nach Expertenmeinung gibt es durch die Coronakrise einen Anstieg von Kindesmisshandlungen. Foto: Britta Pedersen picture alliance/dpa

„Niemals Gewalt!“: Die berühmte Devise der Kinderschriftstellerin Astrid Lindgren ist im Jahr 2020 noch in vielen deutschen Familien keine Selbstverständlichkeit. Eine alarmierende Studie zum weltweiten Tag der Kinderrechte am 20. November hat ergeben, dass in der Bundesrepublik die Körperstrafen in der Erziehung noch weithin als normal gesehen werden.

Die Corona-Pandemie verschlimmere noch zusätzlich die Situation vieler vulnerabler Kinder, berichten Experten. „Es ist daher wichtig, die Gewaltspirale zu durchbrechen“, mahnte der renommierte Ulmer Kinderpsychiater Jörg Fegert bei der Vorstellung der Studie in einer Videokonferenz am Donnerstag.

Fegerts Team hat im Auftrag von Unicef und dem Kinderschutzbund in einer repräsentativen Befragung von 2.500 Personen das elterliche Erziehungsverhalten untersucht. Vor allem die Einstellung zu Körperstrafen in den Familien. Diese sind immerhin seit 20 Jahren verboten.

Das „Recht auf gewaltfreie Erziehung“ gilt seit 20 Jahren

Im November 2000 wurde im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) festgeschrieben, dass Kinder ein „Recht auf gewaltfreie Erziehung“ haben. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen seien dagegen unzulässig. Die Ulmer Studie zeigt nun, dass Anspruch und Realität in Deutschland noch weit auseinanderklaffen.

Zwar ist seit der Jahrtausendwende die Akzeptanz von Gewalt als Erziehungsmittel zurückgegangen, sie bewegt sich jedoch seit 2016 auf einem etwa gleichen Niveau. „Ein Klaps auf den Hintern hat noch keinem geschadet“: Knapp 43 Prozent der Menschen würden dies heute unterschreiben. Etwa 18 Prozent finden es in Ordnung, Kindern Ohrfeigen zu verpassen. Und sieben Prozent würden gar eine „Tracht Prügel“ anwenden, um ihre Ansichten durchzusetzen.

Es ist wichtig, die Gewaltspirale zu durchbrechen.
Kinderpsychiater Jörg Fegert

„Ein würdevolles Schlagen gibt es nicht“, stellt Jörg Fegert klar und kritisiert indirekt Papst Franziskus, der ebendies 2015 für angemessen erklärt hatte. Körperliche Gewalt, ob schwer oder leicht, sei eine Herabwürdigung, warnt der Ärztliche Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Uniklinikum Ulm. Mit Nachdruck macht der Fachmann darauf aufmerksam, dass auch emotionale Verletzungen tiefe Spuren hinterlassen. „Wenn ich ein Kind permanent am ganzen Unglück in meinem Leben schuld mache, erlebt es Entwürdigung und bekommt Probleme mit dem Selbstvertrauen“.

Im „Teufelskreis der Gewalt“

Die Forscher fanden heraus, dass Menschen, die als Kinder selbst Körperstrafen und emotionale Misshandlungen erlebt haben, beides eher akzeptieren als Menschen aus harmonischen Familien. Sie nennen dies einen „Teufelkreis der Gewalt“. Weitere Befunde der Studie: Männer akzeptieren Gewalt als Erziehungsmittel mehr als Frauen (57,8 Prozent und 47,1 Prozent). Und je älter die Menschen sind, desto mehr finden sie den gelegentlichen Klaps auf den Po in Ordnung.

Es gibt auch Lichtblicke: So zeigen sich bei den Einstellungen zur Kindererziehung keine Unterschiede nach Staatsangehörigkeit. „Es ist erfreulich, dass Menschen mit Migrationshintergrund hier unsere Normen akzeptieren“, kommentiert Fegert.

Ein würdevolles Schlagen gibt es nicht.
Kinderpsychiater Jörg Fegert

Der Geschäftsführer von Unicef Deutschland, Christian Schneider, nennt die Ergebnisse der Studie schockierend. Er macht einen Vergleich mit der Erwachsenen-Welt: „Stellen wir uns vor, dass jeder Sechste dazu bereit wäre, andere Menschen zu ohrfeigen: Es würde Anzeigen hageln. Mit Blick auf Kinderrechte ist solch ein Eingriff nicht zu rechtfertigen. Wir müssen unsere Einstellungen überprüfen.“

Mehr Anrufe bei der Kinderhotline in der Corona-Pandemie

Große Sorgen macht den Experten derzeit die Corona-Pandemie. Nach Angaben der Vizepräsidentin des Kinderschutzbundes (DKSB), Ekin Deligöz, hat die Hotline „Nummer gegen Kummer“ in April und Mai 22 Prozent mehr Anrufe von Kindern in Not erhalten. Gleichzeitig hätten im ersten „Lockdown“ einzelne Jugendämter 60 Prozent weniger Kinderschutzmeldungen bekommen. „Der Rückzug ins Private in der Pandemie kann eine große Bedrohung sein“, sagt Deligöz.

Auch der Psychiater Fegert warnt davor, wegen der Corona-Kontaktbeschränkungen Kinder in kleinen Wohnungen mit „hochbelasteten Eltern“ einzusperren: „Solange es verantwortbar ist, müssen Kinder Kontakte nach außen haben“. Um die Gewalt zu verbannen, fordern die Fachleute eine umfassende Aufklärung, die Aufnahme der Kinderrechte ins Grundgesetz und eine bessere Datenlage zu Misshandlungen.



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