Skip to main content

Kritik an fehlender Unterstützung der Politik

Migrationsforscherin über die Integration während der Pandemie: „Corona trifft viele Flüchtlinge“

Viele Flüchtlinge haben die Sprache gelernt und den Einstieg in den Arbeitsmarkt geschafft. Doch die Corona-Pandemie erschwert die Integration. Die Politik habe die Migrantinnen mit Kindern nicht unterstützt, kritisiert eine Forscherin.

Sie zieht eine überwiegend positive Bilanz der Integration von Flüchtlingen in Deutschland seit 2015: Yuliya Kosyakova beschäftigt sich mit Migration am Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) und unterrichtet an der Universität Mannheim. Foto: privat

Fünf Jahre nach der Beginn einer großen Flüchtlingswelle in Deutschland gibt es Erfolge bei der Integration von neu angekommenen Migranten in den Arbeitsmarkt und Fortschritte bei dem Spracherwerb. Doch es gibt auch Defizite, zum Beispiel bei Sprachkursen für Migrantinnen mit nicht betreuten Kleinkindern. Zudem wirkt sich gerade die Corona-Pandemie auf die Situation vieler Geflüchteten sehr negativ aus.

Yuliya Kosyakova ist Expertin für Migration am Nürnberger Institut für Arbeits­markt- und Berufsforschung (IAB) und Lehr­beauftragte der Universität Mannheim. Im Interview mit unserem Redaktionsmitglied Alexei Makartsev zieht die Wissenschaftlerin eine Zwischenbilanz, wo es mit der Integration gut geklappt hat – und wo noch nicht.

Deutschland hat im vergangenen Jahrzehnt eine große Flüchtlingswelle erlebt. Wie gut ist die Integration der Geflüchteten in den Arbeitsmarkt gelungen?
Yuliya Kosyakova

Diese Bilanz ist überwiegend positiv. Etwa 35 Prozent der Flüchtlinge, die zwischen 2013 und 2015 zu uns kamen, gingen drei Jahre später einer Beschäftigung nach. Nach fünf Jahren waren es 55 Prozent. Das sind bessere Ergebnisse als bei den früheren Episoden der Fluchtmigration nach Deutschland, zum Beispiel während der Kriege auf dem Westbalkan in den 1990er Jahren. Mehr als die Hälfte der neu angekommenen Flüchtlinge hatte vor der Corona-Pandemie gute Arbeitsplätze: 57 Prozent der erwerbstätigen Geflüchteten übten 2018 eine Tätigkeit als Fachkraft, Spezialist oder Experte aus. Die anderen waren in eher schlechter bezahlten Helfer- und Anlerntätigkeiten beschäftigt.

Deutschland leidet an einem Fachkräftemangel, wird die stärkere Zuwanderung dieses Problem lindern?
Yuliya Kosyakova

Nein. Wir bräuchten im Schnitt mindestens 400.000 Migranten pro Jahr, um den Fachkräftemangel spürbar auszugleichen. Das wären doppelt so viele Zuzüge wie im Durchschnitt der vergangenen Jahrzehnte. E s wäre unfair, von den Flüchtlingen zu erwarten, dass sie dieses Problem lösen. Es ist eine Asylmigration, keine Erwerbsmigration, die wir seit Jahren erleben. Diese Menschen sind hier, weil wir ihnen helfen wollen.

Welche Auswirkungen hat Corona auf dem Arbeitsmarkt für Flüchtlinge?
Yuliya Kosyakova

Sie sind generell stärker betroffen als andere Arbeitnehmer. Das erklärt sich zum Beispiel damit, dass viele Flüchtlinge in Branchen wie Gastgewebe, Gastronomie oder Reinigung arbeiten, die in der Pandemie besonders leiden. Ein Großteil der Geflüchteten hat Jobs, denen man nicht im Homeoffice nachgehen kann; viele sind als Leiharbeiter beschäftigt, für die es keine Kurzarbeit-Regelungen gibt.

Manche Experten bezeichnen 2020 als ein verlorenes Jahr für die Integration von Geflüchteten, teilen Sie diese Meinung?
Yuliya Kosyakova

Im Prinzip ja. Denn es geht nicht nur um den Arbeitsmarkt, sondern auch um Spracherwerb und die Teilnahme an Bildung und Ausbildung. Wer daheim keinen Computer oder einen geeigneten Raum hat, kann unter Lockdown-Bedingungen diese Angebote online schwer nutzen. Die Corona-bedingte Abgrenzung zu anderen Menschen, die natürlich auch Flüchtlinge betraf, führte teilweise zum Verlust von Kontakten und wirkte sich negativ auf ihre Sprachfertigkeiten aus.

Gute Deutschkenntnisse sind eine zentrale Voraussetzung für eine gute Integration. Wie gut hat der Spracherwerb bei Flüchtlingen in den vergangenen Jahren funktioniert?
Yuliya Kosyakova

Deutschland hat viel in die Sprachkurse investiert, das zahlt sich aus. Aus unseren Befragungen wissen wir, dass der Anteil der Geflüchteten mit guten oder sehr guten Sprachkenntnissen nach drei Jahren auf 42 Prozent gestiegen war. Man muss dabei bedenken, dass die meisten dieser Menschen vor ihrer Flucht gar kein Deutsch konnten. Bis 2018 hatten 85 Prozent der Asylsuchenden an Sprachmaßnahmen teilgenommen oder die Kurse abgeschlossen – ein gutes Ergebnis.

Das klappt aber weniger gut bei Frauen, was sich auf deren Chancen auf dem Arbeitsmarkt auswirkt…
Yuliya Kosyakova

…richtig, da gibt es noch einen Nachholbedarf beim Spracherwerb. Frauen, die sich intensiv um ihre Kleinkinder kümmern, sind klar im Nachteil. Wir brauchen folglich ein breiteres Angebot an Sprachkursen mit Kinder-Betreuung. Generell wurde bei den Integrationsbemühungen der Fokus bislang eher auf Männer gelegt, weniger auf Frauen. Das halte ich für ein Problem.

Sehen Sie weitere Probleme?
Yuliya Kosyakova

Ja, es gibt Flüchtlingskinder, die erst eineinhalb Jahre nach dem Verlassen ihrer Heimat ihren Schulunterricht beginnen konnten. Das ist zu lang. Ich finde zudem die Wohnsitzauflage für Flüchtlinge problematisch. Denn wer zum Beispiel einer strukturschwachen Gemeinde zugeteilt wird, hat in der Regel mehr Probleme bei der Integration, die langsamer verlaufen kann.

In der Integration gibt es nicht nur Erfolgsgeschichten. Warum scheitern manche Geflüchtete in Deutschland und nutzen die Chance nicht, hier ein neues Leben zu beginnen?
Yuliya Kosyakova

Es gibt viele Ursachen. Zum Beispiel die Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt, schlechte Bildungsvoraussetzungen und schwierigere Anerkennung der Abschlüsse , lange Asylverfahren oder ein Mangel an Motivation. Wobei letzteres nicht typisch ist: Unsere Untersuchungen zeigen, dass 70 bis 80 Prozent der Flüchtlinge sehr motiviert sind und großes Interesse für Bildungsangebote und Arbeit zeigen. Umso schlimmer, dass die Pandemie viele Menschen trifft, die noch nicht integriert sind, und jetzt in den Arbeitsmarkt hätten einsteigen sollen. Sie können durch die Corona-Einschränkungen demotiviert werden. Darum ist es wichtig, dass wir diese Menschen jetzt gut begleiten und betreuen.

nach oben Zurück zum Seitenanfang