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„Ich will mit der Massentierhaltung nix zu tun haben“

Mit Lodenhut, Dackel und lackierten Nägeln: Wie die Jagd ein Leben umkrempelte

Die Jagd ist längst keine Männerdomäne mehr: Immer mehr Frauen entscheiden sich dazu, ihr Fleisch selbst zu schießen. So wie die junge Böblingerin Sophia Lorenzoni. Sie möchte sich regionaler und bewusster ernähren. Dafür greift sie zur Waffe - auch wenn es nicht immer leicht fällt.
6 Minuten
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„Jetzt müssen wir dann ein bisschen leise sein“, flüstert Sophia Lorenzoni und läuft vorsichtig über den blätterbedeckten Waldboden. Um sie herum ist es feucht und still, die einzigen Geräusche kommen von Eicheln, die ab und zu aus den Baumkronen herabfallen.

Es ist ein ungemütlicher, verregneter Herbstabend, an dem die meisten Menschen sich auf der heimischen Couch am wohlsten fühlen. Nicht so Lorenzoni. Die 28-Jährige hat ihr Gewehr geschultert und ist auf dem Weg zum Hochsitz. Sie gehört zu der wachsenden Zahl von Frauen, die einen Jagdschein besitzen.

Ich will Fleisch mit gutem Gewissen konsumieren können.
Sophia Lorenzoni

Denn wie sie machen seit einiger Zeit immer mehr junge Frauen das „Grüne Abitur“. In den Jagdschulen liegt der weibliche Anteil mittlerweile bei 24 Prozent. Und es werden immer mehr Jägerinnen - aus welchem Grund? „Zum einen ist es ein Stück weit Emanzipation“, vermutet Lorenzoni.

„Zum anderen das Bewusstsein für die Umwelt und dafür, sich bewusster und regionaler zu ernähren.“ Das ist auch der Grund, der sie antreibt: „Ich esse super gerne Fleisch, will aber mit der Massentierhaltung nix zu tun haben. Ich will Fleisch mit gutem Gewissen konsumieren können.“

„Viele der Frauen nennen als Grund die Jagd als Familientradition oder nähern sich dem Thema über ihre Jagdhunde“, erklärt sie. „Ein paar wenige machen es vielleicht ihrem Partner zuliebe, aber ich glaube, die wenigsten von denen werden wirklich passionierte Jägerinnen.“

Das Hobby zum Beruf gemacht: Sophia Lorenzoni gehört zur wachsenden Zahl von Frauen, die einen Jagdschein besitzen. Wie bei vielen anderen, war ihr Antrieb der Wunsch nach einer bewussteren und regionaleren Ernährung. Foto: Alina Meier

Sophia Lorenzoni hat sich an diesem Abend etwa zwei Stunden vor Sonnenuntergang mit ihren Mitjägern zum Gemeinschaftsansitz in der Nähe von Böblingen getroffen. Der Wald, in dem heute gejagt wird, ist nicht weit von ihrem Zuhause entfernt.

Am Treffpunkt gibt es einen schnellen Austausch mit den durchweg männlichen Kollegen, der Jagdpächter teilt ihr einen Hochsitz zu. „Den kenn ich, da bin ich schon mal gesessen. Waidmannsheil“, sagt sie. „Waidmannsheil“, antworten auch die Kollegen und steigen in ihre Autos.

Die Jägersprache beherrscht die junge Frau perfekt, obwohl sie nicht mit der Jagd aufgewachsen ist oder durch Familientraditionen an sie herangeführt wurde. Begonnen hat bei ihr alles im Alter von 13 Jahren.

Sie stand im Skiurlaub fasziniert vor den Geweihen an der Wand einer Skihütte und ein Bekannter bot ihr an, sie einmal mit zur Jagd zu nehmen. Danach lässt das Thema sie nicht mehr los. Eigentlich hat Lorenzoni nach dem Abitur Automobilwirtschaft studiert, arbeitet bei einem großen Unternehmen und macht nebenbei den Jagdschein.

Doch irgendwann nimmt sie sich eine Auszeit, weil sie bemerkt, dass der Beruf sie nicht erfüllt. Durch Zufall bekommt sie die Chance an einer traditionellen Elchjagd in Norwegen teilzunehmen – und ändert alles.

Die Jagd hat mein Leben komplett umgekrempelt.
Sophia Lorenzoni

Sie macht ihr Hobby zum Beruf, absolviert ein journalistisches Volontariat bei einer Jagdzeitschrift und arbeitet mittlerweile beim Landesjagdverband Baden-Württemberg. „Die Jagd hat mein Leben komplett umgekrempelt“, sagt sie rückblickend und lacht.

Nach einer kurzen Fahrt stellt Lorenzoni ihren braunen SUV am Wegrand ab und trifft die letzten Vorbereitungen. Im Auto hat sie alles dabei, was sie bei der Jagd so brauchen könnte. Sie zieht sich noch zwei Pullover über und ihre langen, rotbraunen Haare verschwinden unter einer Mütze.

Tierische Helfer: Im Auto warten Lorenzonis Hunde Seppl und Emil schon sehnsüchtig auf ihren Jagd-Einsatz. Foto: Alina Meier

Aus dem eigens umgebauten Kofferraum holt sie zwei warme Decken und ihre Waffe. Dort warten auch ihre beiden Jagdhunde Emil und Seppl schon sehnsüchtig auf ihren Einsatz. Doch noch müssen der Langhaardackel und der Parson Russell Terrier warten. Sie werden mit ein paar Leckerchen besänftigt.

Das Gewehr und den grünen Lodenrucksack geschultert, geht es los. Je näher Lorenzoni dem Hochsitz kommt, desto vorsichtiger bewegt sich die junge Frau. Ab und zu hält sie an, blickt sich um und horcht auf Geräusche aus dem Wald.

Hoch hinaus: Schnell und sicher steigt Lorenzoni die sechs Meter hohe Leiter nach oben auf die Kanzel des Hochsitzes. Foto: Alina Meier

Nach ein paar Minuten erreicht sie den hölzernen Hochsitz und steigt schnell und sicher die sechs Meter auf der Leiter nach oben. Oben angekommen richtet sie ihren Platz ein, packt Fernglas und Wärmebildgerät aus und bringt ihr Gewehr in die richtige Position – alles so leise wie möglich.

Mittlerweile sind ihr diese Abläufe in Fleisch und Blut übergegangen. Das war nicht immer so. Sie kann sich noch genau an ihren ersten Schuss auf ein lebendes Tier erinnern. „Damals stand ein Rehbock vor mir auf der Wiese und plötzlich war alles ganz schwierig“, weiß sie noch.

Die Waffe ist schlagartig viel größer als bei den Übungsschüssen, sie zittert und fühlt sich nicht bereit, das Tier zu töten. „Dann hab ich mir all die Bilder von Massentierhaltung vor Augen gehalten und mir selbst gesagt: ‚Entweder du schaffst das jetzt, oder du darfst eben kein Fleisch mehr essen‘.“

Jeder Schuss muss gut überlegt sein

Danach holt sie Luft, legt den Finger an den Abzug, atmet aus, schießt – und trifft. Seither hat sie viel Selbstvertrauen gewonnen, doch Gedanken macht sie sich immer noch vor jedem Schuss. Und findet das auch gut so: „Wenn das aufhört, will ich nicht mehr jagen gehen.“

Langsam verschwindet das Tageslicht auf der Lichtung. Lorenzoni sitzt ruhig auf dem Hochsitz, schaut regelmäßig durch ihr Fernglas und lauscht in den Wald. Irgendwann raschelt es im Gebüsch, sie hält inne. „War das eine Eichel oder ein Reh?“, flüstert sie. Noch ein Rascheln. Sie schaut durch ihr Wärmebildgerät und bestätigt: „Das war ein Reh.“

Technischer Helfer: Mit der Wärmebildkamera erkennt Lorenzoni Wildtiere, die sie mit bloßem Auge nicht sieht. Foto: Alina Meier

Zehn bis 15 Mal, schätzt Lorenzoni, muss sie draußen sitzen, bis sie ein Tier erlegt. Für sie bedeutet die Zeit auf dem Hochsitz auch Entspannung und Erholung vom Alltag. „Ich glaube, viele Frauen machen das eher zum Runterkommen. Die lassen den Finger doch mal grade, auch wenn was vor der Büchse wäre“, sagt die junge Jägerin.

Außerdem ist sie der Meinung, dass sich Frauen im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen vor dem Schuss viel mehr Zeit nehmen und länger überlegen. „Ich war selbst schon oft in Situationen, bei denen sagen männliche Mitjäger‚ da hättest du schon zehnmal schießen können‘“.

Die Unterschiede zwischen Frauen und Männern: Gerade im Zusammenhang mit der Jagd werden sie oft thematisiert. Lorenzoni weiß, dass sie sich in einer Männerdomäne bewegt und fühlt sich dort wohl – auch wenn sie sich oft erst durchsetzen muss.

Kritische Blicke von Mitjägern sind immer noch an der Tagesordnung

Bis heute ist es noch oft so, dass sie als Frau bei einer Jagd erst einmal kritisch beäugt wird. „Ich sage denen dann, sie sollen sich erst anschauen, was ich mache und wenn ich etwas falsch mache, können sie was sagen. Meistens hat es sich dann schon erledigt“, sagt sie schmunzelnd und erzählt von ihrem Lieblingsbeispiel.

„Im Winter 2015 war ich bei einer Drückjagd im Schwarzwald als Schütze dabei. Ich habe selbst nichts geschossen, aber am Ende lagen da einige Sauen. Ich habe den teilweise älteren Herren dann beim Aufbrechen geholfen.“ Am Ende bricht sie allein sechs Wildschweine auf – mit lackierten Fingernägeln. „Am nächsten Tag war ich das Gesprächsthema in der Dorfkirche“, sagt sie lachend und auch ein bisschen stolz.

Das bestätigt auch ihre Erfahrung: „Wenn du etwas kannst und dir nicht zu schade bist, dir die Finger schmutzig zu machen, wirst du auch akzeptiert.“ Natürlich darf man sich in manchen Situationen auch helfen lassen, findet sie.

Entweder ich kann das, oder ich kann keine Jägerin sein.
Sophia Lorenzoni

Etwa wenn es darum geht, einen großen Keiler aus dem Wald zu ziehen. Trotzdem muss sie zum Beispiel bei einem Wildunfall eigenständig handeln können: „Entweder ich kann das, oder ich kann keine Jägerin sein“, sagt sie selbstbewusst.

Zufrieden nimmt die Jägerin wahr, dass die Akzeptanz der Frauen bei den männlichen Kollegen immer größer wird. „Wenn ich mit Jägerinnen um die 50 spreche, merke ich, dass sie es früher wesentlich schwieriger hatten, sich überhaupt in die Jagd einzubringen.“

Auf der Jagd mit Sophia Lorenzoni

Die Instagram-Story zum Ansitz mit Sophia Lorenzoni mit Bildern und kurzen Videos gibt es auf dem offiziellen Profil der BNN. Dafür einfach auf die „Jägerin“ in den Story-Highlights klicken.

Noch immer gibt es viele Vorurteile gegenüber der Jagd, das weiß auch Lorenzoni: „Viele haben beim Gedanken an einen Jäger noch das Bild vom alten Mann mit Bart und Hut im Kopf. Natürlich gibt es diese Typen immer noch und die machen es den Frauen auch schwer. Die gibt es aber nicht nur in der Jagd.“

Um anderen Frauen (und auch Männern) ihre Sicht auf die Jagd zu zeigen, hat Lorenzoni ihre Erfahrungen in ihrem Buch „Auf der Pirsch“ festgehalten. Schon jetzt bekommt sie viel positives Feedback - von Jägerinnen und Jägern.

Die Jagd bestimmt ihr Leben: Sogar ihren Urlaub verbringt Lorenzoni oft mit dem Jagen. Im August 2019 war sie mit ihrem Dackel Emil auf der Jagd in den Kitzbüheler Alpen. Foto: Sophia Lorenzoni

Auch deswegen sieht sie sich und ihre Jagd-Kolleginnen als gute Botschafter für das alte Brauchtum. „Wir bringen dem Vorurteil etwas entgegen und das Ganze auch ein bisschen anders rüber“, findet sie und sagt augenzwinkernd: „Frauen tun der Jagd ganz gut.“

Der Abend endet ohne Schuss.

„Frauen jagen anders als Männer“

Immer mehr Frauen machen einen Jagdschein. Barbara Meyer-Böhringer hat ihren schon seit 1996 und ist als stellvertretende Bezirksjägermeisterin für den Regierungsbezirk Karlsruhe zuständig. Das sagt sie zu den Entwicklungen in der Männerdomäne.

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