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Männlich, jung und polizeibekannt

Nach der Stuttgarter Krawallnacht hat die Polizei inzwischen rund 90 Verdächtige ermittelt

Drei Monate sind seit der Krawallnacht mit Angriffen auf Polizisten und Zerstörungen in Stuttgart am 21. Juni vergangen. Zwei Prozesse sind bereits terminiert, 88 Beteiligte sind bekannt - die Ermittlungen dauern an.

Zerstörungswut: Bei Auseinandersetzungen mit der Polizei haben Dutzende gewalttätige Kleingruppen die Stuttgarter Innenstadt verwüstet und mehrere Beamte verletzt. Die ersten Anklagen sind nun erhoben, bald starten die Prozesse. Foto: Julian Rettig dpa

Auch rund drei Monate nach der Stuttgarter Randalenacht macht die Polizei immer noch neue Tatverdächtige ausfindig.

Wie Landes-Innenminister Thomas Strobl (CDU) am Dienstag sagte, wurden inzwischen 88 Personen ermittelt, die an den Ausschreitungen in der Stuttgarter Innenstadt in der Nacht auf den 21. Juni beteiligt gewesen sein sollen.

Ende Oktober beginnt der erste Prozess

Gegen fünf weitere Personen werde zudem wegen „Folgetaten“ wie Hehlerei ermittelt. In 45 Fällen habe die Polizei Haftbefehle erwirkt, 18 Beschuldigte säßen in Untersuchungshaft. Laut Staatsanwaltschaft Stuttgart wurde bisher in vier Fällen Anklage erhoben. Laut Amtsgericht Stuttgart sind in zwei Fällen Prozesse terminiert: Ende Oktober und Anfang November, beides Jugendstrafverfahren.

Die Ermittler gehen nicht von geplanten Tathandlungen aus.
Thomas Strobl , Innenminister Baden-Württemberg

Strobl hatte zuvor im Kabinett über die Angelegenheit berichtet. So seien die Krawalle spontan ausgebrochen. „Die Ermittler gehen gegenwärtig nicht von geplanten, organisiert ausgeübten Tathandlungen aus. Vielmehr ist davon auszugehen, dass die Straftaten spontan, unter dem Eindruck der Geschehnisse erfolgten und durch gruppendynamische Effekte verstärkt wurden“, sagte der Innenminister.

Auslöser war in jener Nacht die Festnahme eines mutmaßlichen Drogendealers am Eckensee. In den umliegenden Anlagen im Zentrum der Landeshauptstadt lagerten an diesem Abend, wie sonst auch, Hunderte Leute, darunter viele feiernde Jugendliche. Dutzende solidarisierten sich bei dem Einsatz mit dem festgenommenen jungen Mann. Es kam zu Angriffen auf Polizisten. Die überraschten und überforderten Beamten wurden mit Flaschen und anderen Sachen beworfen, teilweise auch direkt körperlich angegriffen.

465.000 Euro

Sachschaden entstand in der Randalenacht in Stuttgart im Juni dieses Jahres.

Etliche Randalierer zogen dann über den angrenzenden Schlossplatz und marodierten durch das naheliegende Einkaufsviertel. Es wurden Schaufensterscheiben eingeschlagen und Geschäfte geplündert. Außerdem attackierten Randalierer Polizeiautos, die Besatzung eines Rettungswagens und auch Passanten. Laut Strobl wurden 32 Polizisten verletzt. Es entstand ein Sachschaden von 465.000 Euro.

Die Polizei hat sich, veranlasst durch entsprechende Forderungen von Politikern, bemüht, tiefgehende Ermittlungen zu den Tatverdächtigen anzustellen. So konnte Strobl berichten, dass die Tatverdächtigen jung und meist männlich sind. Der jüngste Beschuldigte sei mit 13 Jahren ein Kind, der älteste 33 Jahre.

Die Verdächtigen kämen aus Stuttgart oder dem Umland, etwa aus Orten rund um Ludwigsburg, aber auch aus Geislingen an der Steige, Gaildorf oder Weil der Stadt. 67 Tatverdächtige seien bereits vor den Krawallen als Straftäter polizeibekannt gewesen. Etwa zwei Drittel der Tatverdächtigen hätten die deutsche Staatsangehörigkeit, davon wiederum hätten etwa drei Viertel einen Migrationshintergrund.

Ermittlungen dauern an

Strobl und Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) lobten die Arbeit der Ermittler und dankten den beteiligten Beamten. Strobl sagte, die Ermittlungen gingen weiter: „Es soll sich mal niemand sicher fühlen.“ Vor allem seien Videos und Fotos des Geschehens analysiert worden, um Beteiligte zu finden. Diese sehr personalintensive Maßnahme müsse zukünftig durch spezielle Bild- und Objekterkennungssoftware unterstützt werden. Dafür werde er sich einsetzen.

Der Leiter der Ermittlungsgruppe „Eckensee“, Kriminaloberrat Achim Böskens, berichtete von aufwändigen Ermittlungen. „Wenn Sie sechs Terrabyte an Daten haben, gibt es nur die Möglichkeit, das schnell durch Technik durchzuforsten“, sagte er. „Wir können das auch mit menschlichen Kräften machen, aber dann dauert es eben mehrere Monate, wie Sie es auch jetzt sehen.“

Wolle man sehr schnell Ergebnisse haben, müsse ein System die Daten einlesen und dann nach biometrischen Kriterien oder einer Ähnlichkeitssuche durchgehen. Die bisher genutzte Technik gerate an ihre Grenzen, weil das Material in Dunkelheit aufgenommen wurde und teils auf große Entfernungen. Außerdem seien viele Personen teilweise vermummt gewesen. Neuere Technik könne hier bessere Ergebnisse liefern.

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