Skip to main content

Ortenau droht Einbruch von 50 Prozent

Prognose: Hausärzte-Mangel wird auch Baden hart treffen

Wer einen Arzt braucht, muss schon heute oft Geduld aufbringen. Und die Lage wird sich in den nächsten Jahren verschärfen. In den Praxen fehlt der Mediziner-Nachwuchs.

Wer wacht in 20 Jahren über die Kranken? Niedergelassene Hausärzte werden in vielen Gegenden zur Ausnahmeerscheinung. Foto: Bernd Weissbrod/dpa

Es sind düstere Prognosen: Die Zahl der Hausärzte wird in vielen Regionen drastisch schrumpfen. Besonders hart soll es zum Beispiel den Ortenaukreis treffen. Dort wird die Versorgungsdichte bis zum Jahr 2035 um rund 50 Prozent einbrechen – so prognostiziert es eine Studie der Robert-Bosch-Stiftung. Im Landkreis Karlsruhe droht ein Minus von 38 Prozent. Im Stadtkreis winkt hingegen ein Plus von 26 Prozent.

Schon heute sind rund 700 hausärztliche Stellen im Südwesten unbesetzt, klagt die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW). Verschärfend kommt hinzu, dass in den nächsten Jahren viele niedergelassene Mediziner in den Ruhestand gehen.

Rund 37 Prozent der Hausärzte im Südwesten sind mindestens 60 Jahre alt. Bei den niedergelassenen Psychotherapeuten beträgt diese Quote sogar 40 Prozent, bei den Augenärzten 28 Prozent, bei den Frauenärzten 27 Prozent und bei den Kinderärzten 24 Prozent.

Lebensstil junger Mediziner stark gewandelt

Schätzungen der hausärztlichen Versorgung im Jahr 2035 Foto: BNN

„Große Sorgen bereitet uns der fehlende medizinische Nachwuchs“, erklärten die KVBW-Vorstandsmitglieder Norbert Metke und Johannes Fechner, als sie den neuesten Versorgungsbericht vorlegten.

„In den kommenden Jahren gehen eine Reihe von haus- und fachärztlichen Praxen vom Netz, weil keine Nachfolger zu finden sind. Wir stecken daher in einem gravierenden Strukturwandel.“

Der veränderte Lebensstil junger Ärzte spielt eine große Rolle bei der Problematik. Viele wollen sich keine eigene Praxis mehr aufhalsen, sondern in Teilzeit arbeiten. Gleichzeitig altert die Bevölkerung stark. Mehr Hochbetagte und Kranke bräuchten eigentlich mehr Ärzte als heute.

Rollendes Arztpraxis und Telemedizin

Wie kann die Gesundheitspolitik gegensteuern? Für „dringend geboten“ hält der Präsident der Bundesärztekammer (BÄK), Klaus Reinhardt, eine Aufstockung der Medizin-Studienplätze. Knapp 10.000 Humanmedizin-Studenten machen jährlich in Deutschland ihren Uni-Abschluss, danach folgt noch die ähnlich lange Facharztausbildung. Das entspricht rund zwölf Absolventen pro 100.000 Einwohner – etwas weniger als die rund 13 im OECD-Schnitt.

Ärzte und Psychotherapeuten in Teilzeit - Zahl angestellter Kassenärzte im Südwesten Foto: BNN

Auch rollende Arztpraxen, die tageweise ins Dorf kommen, könnten laut Ärztekammer-Chef zur Linderung des Problems beitragen.

„Um die Versorgung auch künftig zu gewährleisten, ist ein ganzes Bündel an Maßnahmen erforderlich“, erklärt Johannes Fechner, Vizevorstand der KVBW. Neue Arbeitszeitmodelle für junge Ärzte, die Entlastung von Bürokratie und Telemedizin-Projekte gehörten dazu.

„Wir haben gemeinsam mit der Landesärztekammer die Ärztinnen und Ärzte angeschrieben, die die Facharztanerkennung als Kinder- und Jugendarzt aufweisen, aber aktuell nicht in der Versorgung tätig sind und haben ihnen eine Vermittlung in eine Praxis angeboten, wir fördern das auch.“

Leseraufruf: Was haben Sie bei der Arztsuche erlebt?

Ist es Ihnen, liebe Leser, ähnlich ergangen wie der Karlsruher Familie, die fast ein Jahr lang einen Hausarzt suchte? Haben Sie erstaunliche Überraschungen im Gesundheitssystem erlebt – positive wie negative? Schildern Sie uns Ihre Erfahrungen und Eindrücke. Sowohl Patienten als auch Ärzte sind zur Leser-Aktion aufgerufen.

Teilen Sie uns mit, wo es Ihrer Ansicht nach bei der medizinischen Versorgung klemmt und worüber sie sich geärgert haben. Oder berichten sie von Fällen, in denen sie sich besonders gut aufgehoben fühlten beziehungsweise unkompliziert helfen konnten. Schreiben Sie der Redaktion an die Mail-Adresse: redaktion.leseraktion@bnn.de

nach oben Zurück zum Seitenanfang