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„Unsere Währung heißt Beziehung“

Schnappt sich eine Durmersheimer Gemeinschaftsschule den Deutschen Schulpreis?

Um 11 Uhr an diesem 23. September wird online bekanntgegeben, wer beim bundesweiten Wettbewerb des Deutschen Schulpreises gesiegt hat. Die Hardtschule Durmersheim ist eine von 15 Finalteilnehmern, die 5.000 bis 100.000 Euro gewinnen können.

Arbeiten am eigenen Schreibtisch: In den „Lernateliers“ der Hardtschule Durmersheim sollen die Schüler selbstorganisiert lernen. Foto: Hardtschule Durmersheim

Sind da etwa Studenten und Bürofachkräfte am Werk? Besucher sind mitunter verblüfft, wenn sie ein Klassenzimmer der Hardtschule Durmersheim betreten: Konzentriert sitzen junge Menschen an ihren eigenen Schreibtischen. Sie füllen Arbeitspapiere aus, tippen etwas in den Computer. Zwischendurch steht einer auf, greift sich einen Aktenordner, heftet Erledigtes ab.

Doch es sind Kinder, die da im „Lernatelier“ arbeiten. Es kann passieren, dass eine geschäftige Elfjährige den Gästen ein Formular zeigt und erklärt: „Bis zum Ende der Woche muss ich diese zwei Jobs in Mathe erledigen. Aber ich bin jetzt schon fertig. Das trage ich hier ein.“ Schwupps füllt das Mädchen die Erledigt-Rubrik aus – und holt sich den neuen Englisch-„Lernjob“.

Wir bringen den Schülern gleich bei, wie man ein Lerntagebuch führt.
Volker Arntz, Rektor der Hardtschule Durmersheim

Selbstständigkeit wird hier offensichtlich großgeschrieben. Das hat auch die Jury des Deutschen Schulpreises überzeugt: Die Durmersheimer Gemeinschaftsschule ist eine der 15 Finalistinnen, die an diesem Mittwoch die Chance auf den Hauptpreis von 100.000 Euro haben. Weil sie überzeugend neue Wege gehen. Doch wie bringt man Kinder dazu, selbstbestimmt zu arbeiten?

„Wir bringen den Schülern gleich am Anfang bei, wie man ein Lerntagebuch führt“, erklärt Rektor Volker Arntz. „Da bekommen die zum ersten Mal die Idee, dass Lernen geplant werden kann.“ Strafarbeiten für vergessene Aufgaben? Oder gar eine mündliche Sechs? Solche Methoden sind an der Hardtschule abgeschafft. Noten gibt es sowieso erst in den Abschlussklassen.

Die Mädchen und Jungen tragen selbst in ihr Lerntagebuch ein, welches Pensum sie erledigen müssen – und sie setzen sich eigene Etappenziele, damit sich zum Wochenende kein Berg unerledigter Aufgaben auftürmt. So sieht zumindest der Idealfall aus. Immer freitags besprechen die Kinder dann mit ihrem Fachlehrer, der hier „Lernbegleiter“ heißt: Wie viel vom Pensum hast du geschafft? Wie hast du das so gut hingekriegt? Oder: Was kannst du ändern? „Wir reflektieren mit den Kindern: Wie lief es? Die Schlussfolgerungen ziehen sie selber daraus“, sagt Arntz. „Die Kinder wissen meist genau, wo das Problem liegt. Sie sagen dann zum Beispiel: ,Ich weiß, ich brauche viel zu lange, bis ich mich überwinde und anfange.‘ Oder sie sagen: ,Wir haben zu viel geschwätzt‘.“

Druck erzeugt Gegendruck und Bockigkeit.
Volker Arntz, Rektor der Hardtschule Durmersheim

Zentral ist für Arntz, dass Kinder aus eigener Einsicht handeln – und dass die Lehrkräfte ihnen von Mensch zu Mensch begegnen. „Unsere Währung heißt Beziehung“, sagt er. Arntz weiß, ob einer seiner Schüler deshalb durchhängt, weil die Eltern sich getrennt haben. Er bekommt mit, wenn ein Kind um den Opa trauert. Von Sanktionen und Druck auf Kinder hält der Rektor nichts. „Druck erzeugt Gegendruck und Bockigkeit“, betont er. „Aber wenn es um Gewalt, Mobbing und Respektverweigerung geht, gilt bei uns die Nulltoleranz-Grenze.“ Und Schüler, die sich mit dem selbstbestimmten Arbeiten schwertun, würden enger geführt. Sie unterschreiben zum Beispiel Zielvereinbarungen wie diese: „Ich fange am Montagmorgen gleich mit Mathe an.“

Fleißige Schüler dürfen den Unterrichtsraum verlassen

Wer sein Soll erfüllt, bekommt aber auch mehr Freiheiten. Er darf während der Schulzeit das Lernatelier verlassen und zum Beispiel interessante Zusatzkurse besuchen. „Anderswo fliegen die Schüler raus, die stören“, sagt Arntz. „Bei uns dürfen diejenigen raus, die ihren Job alleine geregelt kriegen.“ Nicht jedes Kind erreicht diesen Punkt. Manche Kinder beherrschten ihr Lerntagebuch nach drei Tagen, andere nach drei Jahren, sagt der Rektor: „Mit manchen Kindern müssen wir einen ganz weiten Weg gehen.“

Diesen Weg bietet die Gemeinschaftsschule auf drei verschiedenen Lern-Niveaus an, vom Hauptschulstoff bis zur gymnasialen Anforderung. Wer sich mit Eltern von Hardt-Schülern unterhält, bekommt öfter Sätze wie diese über die Kinder zu hören: „Er hat sich so toll entwickelt“, „Sie geht so gerne in die Schule“. Mütter haben vor dem Rathaus für eine Gemeinschaftsschule demonstriert, als der Gemeinderat über die Umwandlung der früheren Grund- und Hauptschule beriet. Seither hat die Gemeinde viel Geld investiert – auch in die Technik.

Auf Fernunterricht schaltete die Schule sofort um

„Die Hardtschule ist sehr zukunftsweisend konzeptionell ausgestattet“, sagt Bürgermeister Andreas Augustin. „Jeder Schüler hat W-Lan, jedes Klassenzimmer hat zwei PCs und Beamer.“ Als die Corona-Zwangspause kam, schaltete die Gemeinschaftsschule relativ mühelos auf Fernunterricht um. „Montags war der letzte Schultag, am Dienstag um 8.25 Uhr wurde erwartet, dass die Schüler zum Video-Meeting erschienen“, erzählt die stellvertretende Schulleiterin Heike Kordas.

Im Schulhaus ist das Leitungsteam häufig auch noch am Abend anzutreffen. „Er ist ein Rektor, der sich mit Leib und Seele und auch noch am Wochenende für die Schule engagiert“ – so charakterisiert Bürgermeister Augustin den Schulleiter Arntz im BNN-Gespräch. Und er habe „ein starkes Team“ um sich geschart. Das völlig neue pädagogische Konzept musste es selbst erarbeiten. „Ich habe mich auch privat fit gemacht“, sagt Arntz. „Ich habe Freunde, die Unternehmensberater sind.“

Schaumparty hat Kultstatus

Zu seiner Unternehmensphilosophie gehört neben straffer Organisation auch eine gehörige Portion Spaß. Die „Schaumparty“ zum Schuljahresende hat Kultstatus, auch wenn sie im Corona-Jahr ausfallen musste. Musik spielt eine große Rolle an der Hardtschule. Wie viele andere Gemeinschaftsschulen in Baden-Württemberg ganz ähnlich arbeiten? Niemand weiß es so genau. Arntz wünscht sich, dass das Kultusministerium eine systematische Forschung anstößt und allen Gemeinschaftsschulen bei der Weiterentwicklung hilft. „Es hat mich niemand je gefragt, wie wir das hier machen“, sagt er. „Wo sind die Qualitätserhebungen?“

Service

Die Preisverleihung wird am 23. September von 9 bis 11 Uhr online übertragen .

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