Skip to main content

Das Gewitter im Kopf

Schon Kinder leiden unter Migräne: Woher sie kommt und was hilft

Zyklisches Erbrechen kann schon bei Kindern unter fünf Jahren ein erstes Anzeichen dafür sein, dass sie unter Migräne leiden. Oft wird die Krankheit von Generation zu Generation weiter vererbt.

Kinder und Jugendliche, die unter Migräne leiden, müssen lernen, was die Auslöser für die Attacken sein können. Oft leidet ein Elternteil in der Familie selbst unter Migräne. Foto: Nicolas Armer/dpa

Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Doch auch sie können schon unter Migräne leiden.

Allerdings bringen die Attacken bei ihnen andere Schmerzen mit sich.

Unser Redaktionsmitglied Judith Midinet-Horst beantwortet die wichtigsten Fragen zu Migräne bei Kinder und Jugendlichen.

Können Kinder Migräne bekommen?

Kopfschmerzen sind die häufigste Gesundheitsstörung bei Schulkindern. Bis zu zehn Prozent der Gymnasiasten im Alter von 15 Jahren haben Migräne, 20 Prozent haben gleichzeitig Spannungskopfschmerzen und Migräne. „Die Zahl der Betroffenen steigt mit dem Alter der Kinder“, sagt Urania Kotzaeridou, Leiterin des sozialpädiatrischen Zentrums am Universitätsklinikum Heidelberg. Als Neuropädiaterin ist sie auf die Entwicklung und Erkrankungen des Nervensystems von Kindern und Jugendlichen spezialisiert. Schon bei Kindern unter fünf Jahren gebe es Vorstufen der Migräne. Wissenschaftler gehen davon aus, dass beispielsweise zyklisches Erbrechen, also wiederkehrende Anfälle von Übelkeit und Erbrechen ein Anzeichen dafür sein können. „Diese Kinder entwickeln später oft Migräne“, erklärt Kotzaeridou, „wichtigste Frage ist deshalb immer, ob es in der Familie Migränepatienten gibt.“

Wie erkennt man Migräne bei Kindern?

„Kinder sind keine kleinen Erwachsenen“, erklärt Doreen Balke, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin am Heidelberger sozialpädiatrischen Zentrum. Die Anzeichen einer Migräne seien deshalb auch nicht die gleichen wie bei den großen Patienten. Wenn das Kind Kopfschmerzen hat, spielt es nicht mehr, ist blass und möchte schlafen. Nach dem Schlafen ist es meist ohne Beschwerden. „Der Schmerz betrifft beide Kopfseiten oder den ganzen Kopf, und die Attacken können kürzer sein als bei Erwachsenen“, erklärt Kotzaeridou. Oft sei eine Attacke schon nach einer Stunde vorbei. Übelkeit, Erbrechen und Schwindel stünden bei Kindern im Vordergrund. Unter Lärm- und Lichtempfindlichkeit würden Kinder mit Migräne kaum leiden.

Was sind die Auslöser?

Neben einer genetischen Veranlagung nimmt die Zahl der betroffenen Kinder im Schulalter zu. Faktoren dafür sind der zunehmende Stress, weniger Bewegung, aber auch Lebensmittel wie koffeinhaltige Getränke. „Wichtig ist es, dass diese Kinder nicht in eine ,Schonhaltung’ kommen und sich aus dem Alltag immer mehr zurückziehen, sie sollten nicht inaktiv werden“, sagt Doreen Balke. Auch Hormone spielen eine Rolle. „Man geht davon aus, dass Mädchen empfindsamer sind und sich eher mitteilen“, erklärt Urania Kotzaeridou, warum Mädchen häufiger von der Diagnose Migräne betroffen sind. Auch der Charakter sei Teil der Problematik. Junge Migränepatienten seien oft empfindsam, ehrgeizig und würden früh Verantwortung übernehmen müssen, so die Erfahrung der beiden Expertinnen.

Was kann man gegen Migräne tun?

Durch die Krankheit werden oft die Psyche und das soziale Verhalten der Kinder beeinflusst. Sie fühlen sich hilflos, ohne Kontrolle über den Körper. Deswegen steht die Aufklärung an erster Stelle, damit sie ihrem Körper wieder vertrauen. „Ihr könnt es nicht vermeiden, und es ist auch kein Fehler“, beruhigt Doreen Balke ihre Patienten. Sie müssten lernen, darauf zu achten, was die Risikofaktoren sein könnten: Was habe ich zum Beispiel am Tag vor einer Attacke gemacht? Das sei individuell ganz unterschiedlich. „Kindern hilft es unheimlich, einen Erklärungsansatz zu haben“, sagt die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin. Vorbeugend werden bei Kindern selten Medikamente eingesetzt, Schmerzmittel wie Triptane sind erst ab zwölf Jahren zugelassen. „Wenn man eine Attacke hat, sollte man meistens rechtzeitig Schmerzmittel wie Ibuprofen oder Paracetamol einnehmen“, erklärt Urania Kotzaeridou.

Welche Rolle spielt die Vererbung?

Wissenschaftler gehen davon aus, dass Migräne eine genetisch bedingte Erkrankung ist, viel hängt aber auch von Lebensstil, Stress, Schlafmangel oder hormonellen Schwankungen ab. Schwere Formen der Migräne, bei der es auch zu halbseitigen Lähmungen kommt, können über eine Blutuntersuchung genetisch abgeklärt werden. „Dies ist aber nur bei einer Migräne mit schwerer Aura richtungsweisend“, erklärt Urania Kotzaeridou. Bisher hat man nur für diese Art Migräne Gene gefunden, die dafür verantwortlich sind.

Sind die kleinen Patienten später auch die großen?

Migräne ist meistens eine lebenslange Erkrankung. „Es gibt Perioden im Leben, wo sie in den Vordergrund tritt“, sagt Urania Kotzaeridou. Gerade im jugendlichen Alter spielten hormonelle Faktoren und Schulstress eine große Rolle. Deshalb sei es wichtig, dass sich die Ärzte für eine Anamnese ausreichend Zeit nehmen. Denn oft werde die Krankheit fehlinterpretiert und der Vorwurf laute, dass die Betroffenen die Kopfschmerzen nur vorschieben.

nach oben Zurück zum Seitenanfang