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Tourismuschef will zur Kasse bitten

Müssen Tagesausflügler im Schwarzwald bald Eintritt bezahlen?

Überfüllte Parkplätze, wild geparkte Autos, Müll auf den Wegen - der Tourismus-Chef des Hochschwarzwaldes will Tagesausflügler zur Kasse bitten. An attraktiven Sehenswürdigkeiten soll ein Umwelt-Euro fällig werden. Die Vertreter in der Region reagieren zurückhaltend.

Chaos am Titisee: Mit dem Umwelteuro sollen auch Besucherströme besser gelenkt werden, um etwa lange Schlangen oder überfüllte Parkplätze zu vermeiden. Foto: Manuel Geisser/imago

Alles war bereits beschlossen. Ab 1. Juli 2020 sollten alle Tagestouristen und Passagiere von Kreuzfahrtschiffen, die nur für einen Tag Venedig besuchen wollten, zur Kasse gebeten werden. Mindestens drei Euro pro Person wären fällig gewesen, in der Hochsaison sogar bis zu zehn Euro.

Nicht um abzukassieren, wie die Stadtväter nicht müde wurden zu betonen, sondern um mit dem Geld aufwendige Arbeiten wie die Instandhaltung und Reinigung der einzigartigen Lagunenstadt finanzieren zu können.

Denn im Gegensatz zu Hotelgästen, die schon seit langem zusätzlich eine Venedig-Taxe bezahlen müssen, leisten Tagesausflügler und Kreuzfahrtpassagiere keinen Beitrag zum Erhalt der „Serenissima“ in der Lagune. Sie bleiben nur ein paar Stunden, lassen kaum Geld in der Stadt und sorgen doch für überfüllte Plätze.

In den US-Nationalparks werden Gebühren fällig – bald auch im Schwarzwald?

Doch dann kamen das Coronavirus, der Lockdown und das Ende des Tourismus. Mit einem Schlag blieben die Gäste aus. Und Venedig verschob seinen Plan, Eintritt zu erheben, um ein Jahr. Nun soll nach Angaben der Stadtregierung die Gebühr in diesem Sommer eingeführt werden.

Ähnliches gilt auch in den ebenso beliebten US-Nationalparks. Viele der Parks erheben keine Eintrittsgebühr, die großen und bekannten Einrichtungen hingegen verlangen bis zu 30 Dollar pro Auto und Woche. Zudem können in den Parks weitere Gebühren anfallen.

Müll in der Natur: Weil Tagesausflügler keine Kurtaxe zahlen, aber die Infrastruktur in Anspruch nehmen – und teilweise auch Spuren hinterlassen –, sollen sie künftig zahlen. Foto: weixx/Adobe Stock

Nimmt sich nun auch der Schwarzwald Venedig und die US-Nationalparks zum Vorbild und erhebt in Zukunft einen Eintritt für spezielle Ausflugsziele? Müssen Tagestouristen und Kurz-Ausflügler, die im Gegensatz zu Urlaubern keine Kurtaxe bezahlen, demnächst für den Besuch von touristischen Attraktionen einen Obolus bezahlen?

Umwelt-Euro an besonders überlaufenen Hotspots im Schwarzwald?

Ja, findet zumindest Thorsten Rudolph, der Geschäftsführer der Hochschwarzwald Tourismus GmbH mit Sitz in Hinterzarten. Vor allem an Wochenenden oder zu Stoßzeiten überlaufene Hotspots wie Parkplätze an besonders begehrten Sehenswürdigkeiten und Aussichtspunkten, Loipen oder frei zugängliche Badestellen an Seen wie dem Titisee könnten nach seinen Vorstellungen davon betroffen sein.

Muss das immer für alle kostenfrei sein?
Thorsten Rudolph, Tourismusdirektor Hochschwarzwald

„Muss das immer für alle kostenfrei sein“, fragt er – und gibt die Antwort gleich selber: „Oder kann man einen sogenannten Umwelteuro erheben, der dazu dient, in die Infrastruktur zu investieren, in den Klimaschutz, die Nachhaltigkeit?“ Wegen der Corona-Pandemie, der Ausgangssperre und dem Beherbergungsverbot fehlten vielen Kommunen Einnahmen. Mit dem Geld könne man die Qualität der Tourismus-Ziele im Hochschwarzwald auch künftig erhalten und weiterentwickeln.

Online-Buchung, um die Massen im Schwarzwald besser zu steuern

Nach seinen Vorstellungen soll es keine „Zollhäuschen“ oder Schranken geben, vielmehr schwebt Rudolph ein modernes Online-Buchungssystem für besonders beliebte Ziele vor, um die Massen besser zu steuern. Das sei auch im Sinne des Gastes, dieser solle „frei von Schlangestehen und Menschenströmen die Natur erleben“ können.

In der Tat klagen die Bewohner der Gemeinden entlang der Schwarzwaldhochstraße über die Auswüchse des Tourismus an den Wochenenden mit nicht enden wollendem Auto- und Motorradlärm, überfüllten Parkplätzen, wild abgestellten Autos und Müll auf den Wegen.

All das sei bislang nur „ein Gedanke“, sagt Herbert Kreuz vom Tourismusverband Hochschwarzwald den BNN auf Nachfrage, es gebe noch keine konkreten Pläne. Sehr wohl aber stehe die Frage im Raum, wie die Kommunen langfristig in die Lage versetzt werden, ein hochwertiges Tourismusangebot zu finanzieren.

Kein Eintritt für die Ruine Frauenalb und die Lichtentaler Allee in Baden-Baden

In der Region wird sich dagegen auf absehbare Zeit nichts ändern, bei den Vertreterinnen und Vertretern der heimischen Tourismusbranche stößt der Vorstoß des Kollegen aus Hinterzarten auf wenig Gegenliebe, wie eine Umfrage der BNN ergab. So können die Lichtentaler Allee in Baden-Baden, die Ruine Frauenalb im Albtal oder die Schwarzenbach-Talsperre bei Forbach weiterhin ohne Eintritt besucht werden.

Wir setzen auf Aufklärung und Sensibilisierung.
Patrick Schreib, Tourismusdirektor Baiersbronn

„Wir setzen in der Nationalparkregion auf Aufklärung und Sensibilisierung“, sagt Patrick Schreib, Tourismusdirektor von Baiersbronn. „Unsere Umweltkampagne, die dazu aufruft, sorgsam mit der Natur umzugehen und die eigenen Abfälle wieder mitzunehmen, ist dabei auf eine sehr positive Resonanz bei unseren Gästen gestoßen.“

Grundsätzlich müsse der Zugang zur Natur für alle Menschen frei sein. Ein finanzieller Beitrag sei nur für einen besonderen Service oder eine spezielle Infrastruktur denkbar, beispielsweise eine Nutzungsgebühr für Toiletten oder eine Parkgebühr, so Schreib.

Weitläufige Waldgebiete garantieren Abstand

Die Tourismusexperten verweisen darauf, dass gerade als Folge der Corona-Pandemie mehr Menschen als zuvor Erholung in der Natur suchen und wohnortnahe Erholungsgebiete aufsuchten. Davon profitiere auch der Schwarzwald durch seine lockere Besiedelungsstruktur und die weitläufigen Waldgebiete. „Das ermöglicht einen ungestörten Naturgenuss mit genügend Abstand“, bringt es der Baiersbronner Tourismusdirektor Patrick Schreib auf den Punkt. Auch ohne Eintritt oder Umwelteuro.

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