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Warten auf Corona-Vakzination

Tests von Curevac aus Tübingen machen Hoffnung auf Corona-Impfstoff

Das baden-württembergische Pharmaunternehmen Curevac ist im globalen Rennen bei der Entwicklung eines Corona-Impfstoffs vorne mit dabei. Wie das Vakzin am Uni-Klinikum in Tübingen getestet wird, erzählt der Klinikdirektor Peter Kremsner.

Der Hoffnungsträger aus Tübingen: In dieser Spritze befindet sich ein möglicher Impfstoff gegen das Coronavirus. Im Institut für Tropenmedizin an der Uniklinik Tübingen wird seit Juni die Wirkung der neuen Vakzin der deutschen Firma Curevac untersucht. Foto: Christoph Schmidt picture alliance/dpa

Peter Kremsner kann sich nicht erinnern, jemals so viele Bewerbungen für eine klinische Studie gesehen zu haben: „Über 6.000 Anfragen kamen bei uns an, sogar aus Russland. Das Interesse hat mich überrascht und überwältigt.“

Im Frühjahr hatte das Institut für Tropenmedizin am Uni-Klinikum Tübingen bekanntgegeben, dass für die Tests eines Corona-Impfstoffs der Firma Curevac Freiwillige gesucht werden: gesunde Personen zwischen 18 und 60 Jahren aus Tübingen und Umgebung. „Viele Interessierte ließen nicht locker und riefen immer wieder an“, erinnert sich Institutsdirektor Kremsner, der früher oft genug für vergleichbare Projekte um Probanden ringen musste. Mittlerweile ist die Curevac-Studie weit vorangeschritten. Und ihr Leiter kann Positives berichten.

Die Arbeit an einem Wirkstoff, der die Menschen immun gegen Sars-CoV-2 machen soll, ist ein teurer und aufwendiger Prozess. Normalerweise dauern ähnliche Unternehmungen Jahre. Bei Corona geht alles viel schneller.

40 Hersteller weltweit testen gerade Corona-Impfstoffe an Menschen

Sieben Monate, nachdem die Weltgesundheitsorganisation WHO die Covid-19-Epidemie zu einer Pandemie erklärt hat, arbeiten Forscher weltweit bereits an fast 200 verschiedenen Impfstoffen. Ungefähr 40 Hersteller testen gerade in verschiedenen Ländern ihre Präparate an Menschen. Einer davon ist das baden-württembergische Unternehmen Curevac, an dem die Bundesregierung mit 300 Millionen Euro beteiligt ist.

„Wir gehören zu den Ersten in Europa“, sagt Peter Kremsner. Er klingt stolz. Seit 18. Juni läuft im Uni-Klinikum die sogenannte Phase-1-Prüfung des Curevac-Impfstoffs. Das Ziel ist, die Verträglichkeit von verschiedenen Dosen zu testen. Gleichzeitig untersuchen Forscher, ob die insgesamt etwa 300 Probanden Antikörper als eine Abwehr gegen das Virus bilden. Das ist ein Nachweis dafür, dass der Impfstoff funktioniert.

Impftests und Kontrolltermine im Zeitraum von 13 Monaten

Das Programm umfasst jeweils bis zu zwei Impftermine und zehn Kontrollen mit Blutabnahme im Zeitraum von 13 Monaten. Die Testpersonen erhalten dafür bis zu 1.300 Euro. Das Geld und die Aussicht, immun gegen Corona zu werden, könnte manche Probanden zur Teilnahme motiviert haben, glaubt Kremsner. „Es war jedoch vielen wichtig, uns dabei zu helfen, den Entwicklungsprozess zu beschleunigen.“

Es ist alles im grünen Bereich.
Peter Kremsner, Uni-Klinikum Tübingen

Die Testpersonen am Klinikum sollen in ein Symptomtagebuch die Nebenwirkungen eintragen. Laut Kremsner hängen diese von der Dosierung des Impfstoffes ab. „Es ist alles im grünen Bereich“, beruhigt er. „Wie erwartet: Müdigkeit, Kopfschmerzen und sehr wenig Fieber. Einige Probanden hatten gar nichts.“ Der erfahrene Tropenmediziner sieht daher einen Grund für vorsichtigen Optimismus im pharmazeutischen Kampf gegen Corona.

Zwar sei die Studie noch nicht beendet, doch habe sich der Tübinger Impfstoff soweit als geeignet erwiesen. „Unsere Erwartungen wurden jedenfalls erfüllt.“ Noch könne man aber nicht vorhersagen, wie lange und wie zuverlässig der Impfschutz sein werde. „Vielleicht 20 Prozent, vielleicht aber auch 90. Es wird jedenfalls mehr als Nichts sein.“

Curevac will dritte Testphase im November starten

Curevac hat Ende September die zweite Phase für seinen Impfstoffkandidaten eingeläutet. Die Prüfung läuft in Peru und Panama mit 690 gesunden Teilnehmern, laut Kremsner werden dort auch ältere Menschen aus der Risikogruppe getestet. Ab November plant das Unternehmen den Beginn einer globalen klinischen Studie mit bis zu 30.000 Teilnehmern (Phase 3). „Sicherheit ist das Wichtigste, man will ja nicht gesunde Menschen krank machen“, sagt Kremsner.

Am Donnerstag wurde bekannt, dass in der Corona-Impfstudie des Pharmakonzerns AstraZeneca in Brasilien ein 28-jähriger Proband gestorben ist. Die Tests werden zunächst fortgeführt. Sollte sich jedoch ein direkter Zusammenhang des Todes mit dem Impfstoff herausstellen, wäre dies ein schwerer Schlag für das Vorhaben. AstraZeneca soll das Vakzin später auch in die EU liefern, darunter etwa 54 Millionen Dosen nach Deutschland.

In Russland beginnt die Massenimpfung im Dezember

Kremsner ist zurückhaltend mit der Bewertung von anderen Projekten im Ausland: „Es ist wichtig, dass man nicht etwas hochpreist, solange es zu wenig Daten gibt“. So wie in Russland, wo schon im Dezember die Massenimpfung mit dem in größter Eile entwickelten Corona-Vakzin „Sputnik 5“ beginnen soll. „Es sieht nicht schlecht aus“, sagt vorsichtig der Tübinger Experte, „aber wir wissen über den dortigen Impfstoff noch nicht genug.“

Ich würde gerne wieder in die Oper gehen.
Peter Kremsner, Uni-Klinikum Tübingen

Der vielfach ausgezeichnete Virusspezialist macht sich keine großen Sorgen, dass der Widerstand von Impfgegnern in Deutschland die Corona-Impfkampagne im kommenden Jahr erschweren könnte. „Das ist nur ein kleiner Teil der Bevölkerung, der laut sein kann. Die Mehrheit ist vernünftig“, glaubt er. Kremsner hat nach eigenen Worten nur eine Drohung im Zusammenhang mit seiner Studie bekommen. „Sonst gab es sehr viele positive Zuschriften und sogar Liebeserklärungen.“

Der 59-Jährige kann es kaum erwarten, dass die Impfungen starten. „Ich würde gerne wieder in die Oper gehen und Fußball gucken im Stadion“, sagt Kremsner. Über den frühesten Verfügbarkeitstermin des Curevac-Impfstoffs wurde viel spekuliert. Der Leiter der Uni-Klinik glaubt, dass es Anfang 2021 soweit sein könnte: „Wenn alles nach Plan läuft und es keine Nebenwirkungen gibt.“

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