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Inklusion im Alltag

Einzigartige Wohngemeinschaft von Rollstuhlfahrern und Nichtbehinderten in St. Leon-Rot

Finden junge Rollstuhlfahrer einen Platz für selbstbestimmtes Wohnen? Vielleicht noch mit Nichtbehinderten zusammen? Ein Projekt in St. Leon-Rot aus ehrenamtlicher Initiative zeigt, wie das gehen kann.

Alisa Falkenberg und Laura Repple (hinten) leben zusammen in der Inklusions-Wohngemeinschaft in St. Leon-Rot. Foto: Martin Heintzen

Alisa Falkenstein rollt von der Küche zum großen Holztisch. Dort ist Platz für acht Personen im lichtdurchfluteten Gemeinschaftsraum einer Wohngemeinschaft von Behinderten und Nichtbehinderten.

„Eigentlich gab es hier nicht viel neu zu bewältigen, wir kannten uns schon alle, und so funktioniert Gemeinschaft sehr gut. Wir kochen manchmal zusammen, aber natürlich hat jeder abends auch seinen eigenen Rhythmus“, sagt Alisa Falkenstein.

Die 27-Jährige ist auf den Rollstuhl angewiesen und arbeitet im Büro des Wieslocher Hotels Palatin. Zu Hause ist die Tochter einer Karlsruher Familie nun in einem neuen, genau auf ihre Lebenssituation zugeschnitten Haus in St. Leon-Rot. Zusammen mit einer weiteren Frau und drei Männern, die ebenfalls den Rollstuhl benötigen.

Spezielle Therapeutin kommt in die Inklusions-WG in St. Leon-Rot

Und mit Laura Repple. Die junge Kauffrau geht zu Fuß, also ohne Handicap, an den Gemeinschaftstisch. Die beiden Frauen sind Teil einer „Inklusions-Wohngemeinschaft mit Petö-Förderansatz“. Dafür kommt eine spezielle Therapeutin für die Rollstuhlfahrer ins Haus. Die Petö-Methode mit ganzheitlicher Förderung der Bewegung wendet sich bereits an Kinder.

Unter dem Dach der neuen Wohngemeinschaft in St. Leon-Rot sollen junge Menschen zusammenleben und voneinander profitieren. Foto: Martin Heintzen

Weil Roland Falkenstein in Karlsruhe keine Stelle fand, um seine Tochter Alisa über diesen selbst zu bezahlenden Ansatz zu stärken, ist er auf den Elternverein in St. Leon-Rot gestoßen, im Nachbarort von Waghäusel. „Immer an den Wochenenden gab es Kompaktkurse für die Kinder, wir waren damit sehr zufrieden“, berichtet er.

Alisas Behinderung geht zurück auf die Geburt. Ihr Gehirn wurde mit zu wenig Sauerstoff versorgt. Ihr Zwillingsbruder war nicht davon betroffen. Als Jugendliche lebte und lernte Alisa in einer großen Einrichtung in Neckargemünd, nun hat sie den Platz in einer modellhaften Wohngemeinschaft.

Selbstbestimmtes Leben für Rollstuhlfahrer in WG in St. Leon-Rot

„Es ist die erste derartige WG in Deutschland“, betont Susanne Huber aus Wiesloch. Sie gründete zunächst einen Förderverein von Eltern mit behinderten Kindern, um die Petö-Therapeuten zu engagieren. Derzeit werden 100 Kinder von zwei Therapeuten unterstützt. In der Methode von Andras Petö heißen sie Konduktoren.

Mit der zweiten Stufe des ehrenamtlichen Engagements wird erwachsenen Rollstuhlfahrern ein selbstbestimmtes Leben mit weiterer Förderung ermöglicht. Unter einem neuen Dach im Wohngebiet beim Veranstaltungszentrum Harres von St. Leon-Rot. 700 Quadratmeter groß ist das zweistöckige Haus mit schwarzen Fensterrahmen. Noch sind drei Zimmer frei – und eine Schnupperzeit für Menschen mit Handicap ist möglich.

Flure wie Türen sind breit und barrierefrei, eine Schiebetür wird elektrisch bewegt, der Fahrstuhl führt nach oben. Überwiegend durch Spenden finanziert wurden die Baukosten von 2,5 Millionen Euro. Die Hälfte davon stammt von der Dietmar-Hopp-Stiftung. Weitere 23 Partner und die Aktion Mensch unterstützen die Investition.

Student aus Karlsdorf fand in Inklusions-Wohngemeinschaft seinen Platz

Die coronabedingt verspätete offizielle Eröffnung mit Bürgermeister Alexander Eger (FDP) und Stefan Dallinger (CDU), Landrat des Rhein-Neckar-Kreises, wurde am Dienstag von Bewohner Maris Metz mitmoderiert. Schließlich will der in Karlsdorf aufgewachsene Student später mal selbst in der Öffentlichkeitsarbeit tätig sein. „Im Moment schreibe ich meine Master-Arbeit in Germanistik. Es geht um die Kulturgeschichte von Tieren in Grimms Märchen“, berichtet er.

Im Fitnessraum trainiert Maris Metz gern mit den Geräten. Foto: Martin Heintzen

Maris Metz gehörte zum Projektteam, als die Idee für eine Modell-WG konkret angepackt wurde. „Jetzt suchen wir noch zwei Mitbewohner ohne Behinderung. Ideal wäre ein Alter zwischen 18 und 30. Und sie sollten offen und neugierig und tolerant sein wie der Rest der WG.“

Zu bieten hat sie noch eine große Terrasse, einen Garten mit Hochbeet für Kräuter und Blumen, der großzügig ausgestattete Fitness-Raum, den der 29-jährige Maris selbst gern nutzt. In St. Leon-Rot haben junge Erwachsene im Rollstuhl das gefunden, was der Wohnungsmarkt selten anbietet. Und die Inklusionswohngemeinschaft soll Vorbild sein für noch mehr Fortschritte im integrativen Leben.

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