Transparent, Banner von KSC-Fans, die ihr Unverständnis ausdrücken. | Foto: GES

Schwierige Finanzlage

Beim KSC ist vieles eine Frage des Kredits

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Guido Buchwald, ab und an hört man das noch in der Stadt, kommt mindestens eine Teilschuld am Dilemma des Karlsruher SC zu. Die Geschichte dazu geht so: Um die Jahrtausendwende habe der Weltmeister von 1990 und damalige Sportdirektor des abgebrannten KSC einen der reichsten Deutschen am Telefon einfach so abgebügelt. Dabei habe der über elf Milliarden Euro schwere Anrufer Dietmar Hopp Buchwald nicht weniger als die Idee seines Einstiegs im Verein erörtern, der beim Namen des SAP-Mitbegründers nicht mal aufmerkende Management-Anfänger am andere Ende aber nur ungestört weiteressen wollen. Frisches Gemüse gab‘s dann, aber kein frisches Geld.

Nicht auszudenken, was mit Hopps Hilfe und dem Kalkül von Kennern danach nicht alles hätte entstehen können auf dem Fußballgelände am Adenauerring hinter dem Nackten Mann. Der stolzen Träume wären dort mehr gewesen denn der Trauer, zu deren Bewältigung der Verein ironischerweise einen Marktführer aus der Branche als Sponsor an seiner Seite weiß. Im September 2018 von den Badischen Neuesten Nachrichten wieder auf die Buchwald-Causa angesprochen, reagiert Hopp mit einem Schmunzeln. „Die Geschichte wird immer wieder erzählt“, sagt er, „deshalb wird sie aber nicht wahr“. Wahr ist, dass Hopp von Herbst 1960 bis Ende 1965 in Karlsruhe studierte und so manches Bundesligaspiel im Wildparkstadion besuchte. „Ich war auch KSC-Fan“, gibt der 78-Jährige zu und sagt: „Ich hoffe und wünsche mir, dass sie wieder zurückkommen. Zumindest die Jugendarbeit ist ja nach wie vor erstklassig.“ Auch Hopps Dementi wird nichts daran ändern, dass die Legende vom vergraulten, später seinen Heimatverein TSG Hoffenheim aus den Niederungen des Sinsheimer Fußballkreises in die Champions League finanzierenden Hopp weitererzählt werden wird, solange der KSC nichts geschenkt bekommt und um seine Position im Profifußball ringt.

Valencia wird nicht gefeiert

Zur Sorge der Region vermittelt das Bundesliga-Gründungsmitglied den Eindruck, als könnte ihm da eines nicht mehr so fernen Tages die Puste ausgehen. Die Buchwald-Groteske passt ins Bild, das der oft glorreich gescheiterte Verein mit seinem wechselnden Heldenpersonal abwirft: Etwas aus der Zeit gefallen, symbadisch provinziell und noch am Rande des Abgrunds seiner Haltung nach bald vor dem Comeback im ganz dicken Geschäft. Von dem aber hat sich der KSC sehr weit entfernt. Selbst in den baden-württembergischen Fußball-Charts wäre er nur noch Siebter, abgehängt von Hoffenheim, dem SC Freiburg und dem VfB Stuttgart, distanziert vom SV Sandhausen und dem 1. FC Heidenheim und derzeit in einer Liga mittelprächtig unterwegs knapp hinter der SG Großaspach und vor dem VfR Aalen. In der Dritten Liga gibt‘s 800 000 Euro aus dem TV-Topf, in der Zweiten Liga wären es um die zehn Millionen. Was das bedeutet, bedarf keiner näheren Erläuterungen.

Valencia, 7:0, ja klar. Am 2. November ist das ein Vierteljahrhundert her. Gefeiert wird nicht. Die Sternstunde samt des 90er-Kults um den wilden Winfried Schäfer und dessen hungrige Herde leistete Beihilfe zum irgendwann klebrig gewordenen Selbstbetrug. „Die drei geilsten Buchstaben im deutschen Fußball“, sie gönnten sich vor eineinhalb Jahren zum Badnerlied noch einen Mirko Slomka. Eine erstklassige Zukunft in einem neuen Erlebnispark bis 2019 war dem Trainer mit Champions-League-Vergangenheit und dem allzeit bereiten Champagner-Charme bei Kaffee und Plätzchen im Hause des wichtigsten Kreditgebers Günter Pilarsky als Vorstands-Vision aufgetischt worden. Nach der unerfreulichen Erfahrung mit dem Magath-Schüler Tomas Oral stand einigem im Verein der Sinn nach mehr Grandezza. Der Rest ist bekannt, mündete im Abstieg aus der Zweiten Liga und führte über den im Profifußball unbeleckten Marc-Patrick Meister vor mehr als einem Jahr zu „Oldschool“-Coach Alois Schwartz. Eine solide Lösung, von Pilarsky – der Reinfälle vor und nach Markus Kauczinski überdrüssig – ausdrücklich erwünscht.

In Zeichen des Stadionbaus

Von Schwartz‘ aktueller Mannschaft glaubte man bis zum 1:3 gegen Lotte, dass sie sich, ganz nach dem Geschmack ihres Gegentorvermeidungs-Tüftlers an der Seitenlinie, vor allem auf eines versteht: wie man nicht verliert in dieser für Fußball-Feinschmecker schwer verdaulichen Liga. Der offensiv noch nicht überzeugende KSC, danach sieht es nach der im Mai gegen Aue verdaddelten Relegation und einem bei sieben Punkten aus sechs Spielen mäßig gelungenen Saisonstart aus, könnte sich darin auch im zweiten Jahr festrennen. Das Glas, es ist aber mindestens halb voll, die Saison lang. Die Gegner nach der Länderspielpause sind die neben Unterhaching am besten gestarteten Teams vom VfL Osnabrück und von KFC Uerdingen. Ein konkretes Saisonziel gab der KSC nicht aus. So ist da auch nichts, das zu verfehlen wäre. Manch einer fragte sich da: Wo bloß blieb der Anspruch, wo der Mut? Auch der zu unangenehmen Wahrheiten.

Aufkleber mit dem Konterfei des KSC-Präsidenten Ingo Wellenreuther und dem aus Trumps USA entlehnten Schriftzug „Not my president“ finden sich seit Wochen an Laternenmasten rund um den Wildpark. Die 1955 eröffnete Stätte soll für an die 130 Millionen Euro und rund 35 000 Zuschauer neugebaut und mit moderner Infrastruktur versehen werden. Die Stadt hat zugesagt, genau das mit Steuergeldern vorzufinanzieren. Die Vergabeentscheidung des Gemeinderats über den Vollumbau des Stadions ist für den 17. September vorgesehen.

Der CDU-Bundestagspolitiker Wellenreuther hat derweil vor der Kulisse bestätigter sportlicher Drittklassigkeit, der aus der Not vom Spielbetrieb abgemeldeten U 23 und einiger fragwürdiger Personalentwicklungen den hör- und sichtbaren Tiefpunkt bei den Fan-Sympathien erreicht. „Zeit, dass sich was dreht. Zeit, dass Ingo geht“, sangen Anhänger am Samstag im Stadion, als der KSC gegen das Schlusslicht aus Lotte mit 1:3 zurücklag. Nicht die jämmerliche Darbietung anfangs seltsam willenloser Kicker auf dem Feld ließen Geduldsfäden durchschmoren. Es war die durch sie nur verstärkte Ahnung, dass alles immer so weiter gehen könnte. Das Gefühl hausgemachter Perspektivlosigkeit, die sich hineingefräst zu haben scheint in den Verein. Das kreiden Kritiker dem seit acht Jahren amtierenden Wellenreuther an. Oppositionen? Unsichtbar. Rolf Dohmen, 2007 Sportchef beim Bundesliga-Aufstieg, will offenbar kandidieren. Bis 2019 sind Wellenreuther und die Vizes Pilarsky und Holger Siegmund-Schultze gewählt. Der KSC ist in der Grundkonstellation Wellenreuther/Pilarsky als starker Verkäufer aufgefallen. Über 16 Millionen Euro generierte er seit 2013 auf dem Transfermarkt. Auch daran bemessen, stehen Aufwand und der sportliche Ertrag seit Jahren in einem tragischen Missverhältnis. Acht Cheftrainer hat das von Wellenreuther angeführte Präsidium verschlissen, die nun dritte Saison als Drittligist zu verantworten und eine Garantie für den raschen Weg retour an die großen Geldtöpfe nicht zu erwarten. Viel zu viele „Expertisen“ gut bezahlter Facharbeiter, auf die sich Wellenreuther stets verlassen haben wollte, erwiesen sich am Ende als nichts anderes als ungeheure Fehleinschätzungen.

 


Pilarsky ermöglicht nur kleines Minus

Der Verein hat diese Saison wieder mit einem der höchsten Drittliga-Etats in Höhe von 4,7 Millionen Euro geplant, diesen aber auch wieder um über eine halbe Million Euro überzogen. Oliver Kreuzer, dessen Vertrag am Saisonende ausläuft, muss es ertragen, dass seine Kritiker ihm abermals eine unausgewogene Kadergestaltung vorwerfen. Der in den Planungen des Trainers nicht vorkommende Dominik Stroh-Engel, einen der Topverdiener im Kader, vermochte man nun nicht zur Vertragsauflösung zu bewegen. Und einen Florent Muslija, Abteilung „Tafelsilber“, verkaufte man noch kurz vor Transferschluss an Hannover 96. Bei dem durch Boni angeblich erreichbaren Ablösevolumen von an die zwei Millionen Euro ein für den KSC nicht auszuschlagender Deal. Jedenfalls nicht für den KSC des Jahres 2018, der das laufende Geschäftsjahr mit einer Unterdeckung von über zwei Millionen Euro plante. Bewertet man die vom Cronimet-Gründer Pilarsky und anderen Kreditgebern in der Vergangenheit ausgestellten Besserungsscheine als das, was sie sind, nämlich als im Falle einer wirtschaftlichen Gesundung zu bedienende Schulden, und lässt man den Kölmel-Vertrag nicht außer Acht, so dürften die Verbindlichkeiten des KSC an die 20 Millionen Euro erreichen. Um sich aus dem Vertrag mit Kölmel 2019 herauszukaufen, müsste der KSC etwa 7,5 Millionen Euro locker machen können.

Ausweisen wird der Vorstand bei der Mitgliederversammlung am 22. Oktober ein negatives Eigenkapital von unter drei Millionen Euro. Der Jahresabschluss zum 30. Juni 2018 wird nach Informationen dieser Zeitung vor allem dank Pilarskys Hilfe sowie wegen der Zusatzeinnahmen aus der Relegation statt des kalkulierten Minus in Höhe von 1,8 Millionen Euro ein niedriges Minus ausweisen.

 

KSC-Vizepräsident Günther Pilarsky

Was macht Pilarsky künftig noch?

Das eigentlich Bedrohliche ist die Unsicherheit, wie lange das Geschäftsprinzip die Verschuldungsspirale abseits der relevanten TV-Töpfe in Liga eins und zwei in der unterfinanzierten Liga drei trägt. Dieses folgt, wenn man so will, einer Kausalkette der Hoffnung: Die Hausbanken Sparkasse, Commerzbank und Volksbank gewährten bislang ihre Kreditlinien. Dies aber auch nur wegen des 80 Jahre alten Pilarsky, der für Ausfälle bürgt. Doch Garantien wollte der nur noch für die zurückliegende und die laufende Saison geben. Inwieweit es dabei eine Rolle spielt, dass in der Cronimet-Unternehmensgruppe dessen Söhne zwischenzeitlich die Geschäfte übernommen und diese das Engagement ihres Vaters für den KSC als dessen Privatvergnügen bewertet haben, ist spekulativ und allenfalls als Hintergrund zur möglichen Motivlage des Senior-Chefs von Belang. Sichert Pilarsky nicht mehr ab und finden sich keine Persönlichkeiten, die einspringen und mithelfen, dass der KSC zügig hochkommt, „können wir abschließen“, wie Gremienmitglieder sagen. Groß ist die Sorge. Allerdings wäre bei einer Insolvenz auch Pilarskys eingebrachtes Geld futsch. Das beruhigt so manchem im Glauben, dass der Vize ein K.o.-Szenario nie zulassen wird. Visionär ist diese Form der Fremdfinanzierung nicht. Der Druck, sich ganz schnell neu zu orientieren, wächst. Und wird spürbar.

Fanszene brainstormt zur Zukunft

Am nächsten Sonntag brainstormt die Fanszene in der Europahalle bei einer Zusammenkunft zu Fragen der Zukunft. Auch in den verantwortlichen Gremien des Vereins rauchen die Köpfe. Der Kompetenzspielraum des Geschäftsführers Michael Becker soll durch eine Satzungsänderung erweitert, eine Ausgliederung vorbereitet werden. An diesem Donnerstag treffen sich Präsidium und Verwaltungsrat. Dann wird es um diese großen Themen gehen. Der Rat erwartet sich vom Führungs-Trio dringlich Auskunft. Wie sehen die Geldflüsse aus? Gibt es Fußnoten unter Pilarskys jüngster Hilfsbereitschaft? Einlassen wollte sich der Verwaltungsratsvorsitzende Michael Steidl zu alldem am Mittwoch nicht, stellte aber fest: „Das den Banken und Sponsoren im Frühjahr vorgestellte Konzept, das in den Gremien auf breite Akzeptanz stieß, muss zur positiven Entwicklung des KSC vollumfänglich umgesetzt werden.“ Er wolle wissen, wie es um die vom Präsidium zugesagtem Vorbereitungen zur Ausgründung des Profifußballs steht. Wie es da steht? „Wir haben ein erstes juristisches Gutachten erstellen lassen. Darüber wurde im Präsidium mit der Geschäftsführung intensiv gesprochen“, erklärte Wellenreuther dazu gegenüber dieser Zeitung. „Weitere Gespräche zu diesem Thema mit Wirtschaftsprüfern, Steuerberatern und Anwälten sind bereits für den September terminiert.“ Als Korrektiv hat sich der Verwaltungsrat im Zuge der Abwärtsspirale öffentlich nicht profiliert. Die Wahrnehmung: Wellenreuther redet, repräsentiert und bedingt sich das letzte Wort aus. Pilarsky kümmert sich um die Zeche und der Dritte im Vorstand, vormals Georg Schattling, seit zwei Jahren Siegmund-Schultze: im Zweifelsfall überstimmt. Der Verwaltungsrat bleibt stumm, obwohl es darin auch Vorstands-kritischere Akteure wie den jüngst als Kreditgeber eingesprungenen Unternehmer Martin Müller oder Gerhard Rastetter (Volksbank) gibt.

 


Fragwürdige Personalpolitik

Durch den Verein scheint ein Riss zu gehen. Eine Personalie, an der sich das festmachen lässt, ist die von Helmut Sandrock. Der bei Banken als Umkrempler aufgetretene Funktionär, der Gefolgschaft im Verein und drumherum hinter sich scharte, schmiss die Brocken als Geschäftsführer im Juli hin. Über seine wahren Gründe will er immer noch nicht sprechen. Überhaupt: So einige Dinge sind im im Innenleben vorgefallen, über die keiner reden mag. Nicht über Sandrocks Abgang und deren Vorgeschichte, nicht über die Umstände der Trennung vom mit der Note 1,0 frisch diplomierten Fußballlehrer Lukas Kwasniok, den man erst nicht für 125 000 Euro nach Aue abgeben und bald danach einfach nur loshaben wollte. Offen in den sozialen Netwerken diskutiert wird längst die Kündigung für Pressesprecher Jörg Bock, die Anwälte beschäftigt. Im Verein, dessen Geschäftsstelle ohne Empfang ist, rumort‘s an vielen Ecken, drumherum auch.

Wellenreuther sagt oft, er habe ein Ehrenamt, in dem das meiste, das er darin antrifft, „nicht vergnügungssteuerpflichtig“ ist. Gerecht bewertet sieht er sich schon gar nicht. Wer seine Nehmerqualitäten kennt, ahnt, dass er die Deutungshoheit darüber, wer den gordischen Knoten beim Stadionthema zerschlagen hat, nicht Frank Mentrup (SPD), seinem Bezwinger im OB-Wahlkampf, überlassen will. Am 22. Oktober treffen sich die Mitglieder mit der Vereinsspitze. In jüngerer Vergangenheit vermittelte dieses alljährliche Treffen nicht den Eindruck, als ob im Verein neben dem Willen zur Ruhe noch Streitkultur steckt. Um Köpfe, die rollen, geht es dabei nicht, Alternativen und Konzepte sind gefragt. Leitplanken für eine Zukunft. Hier sind alle gefordert.

Zu Buchwalds Zeiten waren diese Krisen-Happenings zuweilen noch deftig. Der Weltmeister musste sich 2000 gar als „Totengräber des Vereins“ beschimpfen lassen. Heute weiß man, wie sehr sich doch alle geirrt haben.