Wenn eine Maschine malen lernt: "Beyond"-Organisator Ludger Pfanz vor Bildern des Malers Roman Lipski, die auf Vorschläge einer Künstlichen Intelligenz hin entstanden sind. | Foto: Jüttner

„Beyond“-Festival in Karlsruhe

Neue Blicke auf die Zukunft

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Wie gefährlich können Fitness-Daten werden? „Stellen Sie sich vor, Sie leben in einem autoritären Staat, der starke digitale Kontrolle ausübt. Der Präsident hält eine Rede, und Ihr Gesundheits-Armband registriert über Ihre Körperdaten, dass Sie dabei wütend werden. Was meinen Sie, wie schnell da jemand vor Ihrer Türe steht?“ Mit Beispielen wie diesem warnt Ludger Pfanz vor allzu leichtfertigem Vertrauen darauf, dass mit den weltweit massenhaft gesammelten Daten vernünftig umgegangen wird.

Vorträge und Kinofilme

Pfanz ist aber kein technikfeindlicher Schwarzmaler, im Gegenteil: Der einstige Filmemacher und international tätige Hochschuldozent widmet sich seit langem technologischen Zukunftsfragen und ihren gesellschaftlichen Auswirkungen. Hierfür hat er 2011 das Karlsruher Festival „Beyond“ gegründet. Das findet nun erneut bis Sonntag, 7. Oktober, in der Hochschule für Gestaltung (HfG) statt. Neben einem dreitägigen Symposium zu den Themen „Virtuelle Realität“, „Künstliche Realität“ und „Postkapitalismus“ (Donnerstag bis Samstag, je 10 bis 18 Uhr, auf englisch) gibt es eine bemerkenswerte Ausstellung und ein ein kulturelles Rahmenprogramm, unter anderem mit Vorstellungen von Kinoklassikern im Filmpalast am ZKM.

Kurzfilme wie „Chrysalis“ von Ina Conradi/Mark Conrad werden im Filmpalast gezeigt – auch als Vorfilm von Klassikern wie „2001“. | Foto: Conradi/ Chavez

In den ersten Jahren drehte sich „Beyond“ vor allem um 3D-Technik, die damals gerade im Kino zu boomen begann. Pfanz plädierte früh für die Forschung an neuen Erzählkonzepten, um die Technik sinnvoll einzusetzen – einen Aspekt, den er nun bei „Virtual Reality“ für noch wichtiger hält: „Diese Technik vermittelt ein überzeugendes Raum-Zeit-Erlebnis, aber wir wissen bisher weder, wie man eine sinnvolle Raum-Zeit-Erzählung schafft, noch wie wir diese virtuellen Erlebnisse langfristig verarbeiten. Das menschliche Hirn kennt aus der Evolution keine virtuellen Erfahrungen und speichert deshalb die Erinnerung daran als real.“

„Virtual Reality“ schult Empathie

Das könne auch positiv genutzt werden, etwa um Empathie zu erzeugen: „Wir planen ein Projekt mit dem Naturpark Schwarzwald-Nord, das es Menschen erlaubt, nachzufühlen, was Tiere empfinden und wovor sie sich erschrecken.“ Ein anderes Beispiel ist die Möglichkeit, Dokumentationen ganz nah an den Betrachter zu bringen. So gehört zur Festival-Ausstellung „Sapiens“ auch die Virtual-Reality-Installation „Home After War“ (Zuhause nach dem Krieg), in der man ein vom Krieg zerstörtes und vermintes Haus im Irak betritt und vom Schicksal seiner Bewohner erfährt.

Impulse für positive Nutzung

Die Tagung mit Teilnehmern aus über 40 Ländern ziele darauf, Impulse für eine zukunftsträchtige Nutzung der Digitalisierung zu setzen. Hier verweist Pfanz auf den Unterschied zwischen künstlicher und künstlerischer Intelligenz, etwa bei der Berechnung von Zukunftsszenarien: „Wenn ich Algorithmen hierfür nur mit Daten aus der Vergangenheit füttere, dann programmiere ich jede Ungerechtigkeit aus der Geschichte in die Zukunft mit ein. Wenn wir uns stattdessen überlegen, welche Zukunft wir wollen, kann man rückwärts berechnen lassen, welche Parameter wir dafür erfüllen müssen.“ Denn die Fähigkeit, visionär und kreativ zu denken, unterscheide den Menschen nach wie vor von der Maschine.

Kritik am Bildungssystem

Das gelte es stärker zu nutzen, sagt Pfanz: „Unser Schulsystem bildet Kinder dafür aus, die richtigen Antworten zu geben. Das können Maschinen aber schon jetzt viel besser. Was wir alle lernen müssen, ist die Fähigkeit, die richtigen Fragen zu stellen.“ Kompetenzen der rechten Gehirnhälfte wie Kreativität und Verantwortungsbewusstsein sollten mehr gefördert werden: „Ein Algorithmus hat kein Verantwortungsbewusstsein, und eine Künstliche Intelligenz kann, zumindest nach derzeitigem Ermessen, keine interessante Frage stellen.“

Ein Künstler und seine Maschine

Gleichwohl könne künstlerische von künstlicher Intelligenz profitieren: Die Ausstellung zeigt auch Arbeiten des Malers Julian Lipski, der eine Maschine seine Malmuster analysieren und daraus Vorschläge für neue Bilder generieren lässt. Aus seinen Entscheidungen, welche der Vorschläge er umsetzt, lernt wiederum die Maschine.

Zukunft der Berufswelt

Der dritte Tag des Symposiums steht unter dem Stichwort „Postkapitalismus“. Pfanz benennt ein politisches und gesellschaftliches Problem: „Es fehlt die Erzählung für das digitale Zeitalter.“ Das zeige sich etwa, wenn die SPD immer noch versuche, sich an eine Arbeiterklasse zu richten, während die Automatisierung ein völliges Umkrempeln der Berufswelt erwarten lasse. „Die Proletarier mögen ausgebeutet worden sein, aber sie wurden noch gebraucht. Jetzt aber könnte eine Klasse entstehen, die wirtschaftlich völlig irrelevant ist, sogar als Konsumenten“, warnt Pfanz.

Lösung der Ernährungsprobleme?

Er verweist aber auch auf Chancen des Fortschritts: „Mark Post, der 2013 den ersten Burger aus einer Stammzelle hergestellt hat, ist überzeugt, dass man bis 2030 den Fleischbedarf der Weltbevölkerung auf diesem Weg decken könnte. Dann könnte man die quälende Tierhaltung beenden und viele Landwirtschaftsflächen anders nutzen.“ Auch die Vermüllung des Planeten lasse sich durch neue Denkwege in den Griff bekommen, meint Pfanz: „Nur weil wir seit der industriellen Revolution nach dem Prinzip verfahren, dass wir aus Natur ein Produkt herstellen und am Ende Abfall übrig bleibt, ist das doch noch lange kein unabänderliches Gesetz.“