Geiselnahme im Kölner Hauptbahnhof
Polizeibeamte gehen im Kölner Hauptbahnhof in Position. | Foto: Oliver Berg

Chaos und Angst in Köln

«Das war unbeschreiblich» – Geiselnahme im Hauptbahnhof

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Köln (dpa) – Die Situation am Kölner Hauptbahnhof ist aufs Äußerste angespannt. Niemand kommt mehr rein, die Polizei hat den Verkehrsknotenpunkt im Herzen der Millionenstadt abgesperrt. Dann plötzlich: Bewegung! Ein Knall. Und noch einer.

Der «Zugriff» hat begonnen: Spezialkräfte der Polizei gehen gegen einen Mann vor, der in einer Apotheke im hinteren Bahnhofsbereich eine Frau in seine Gewalt gebracht hat. Was zu diesem Zeitpunkt noch nicht öffentlich bekannt ist: Die Polizei hält es für möglich, dass sie es mit einem islamistischen Terroristen zu tun hat.

Kurz darauf ist die Situation «unter Kontrolle». Die Geisel ist leicht verletzt befreit, der Täter schwebt in Lebensgefahr, er muss reanimiert werden. Und das Knallen stammte von den Blendgranaten, die die Spezialkräfte gegen den Geiselnehmer eingesetzt haben.

Zu diesem Zeitpunkt wimmelt es in den sozialen Netzwerken, aber auch in den Medien bereits von Gerüchten: Der Täter soll zunächst in einem Schnellrestaurant ein 14 Jahre altes Mädchen mit einer brennbaren Flüssigkeit übergossen und angezündet haben. Die Polizei mahnt: «Bitte warten Sie auf offizielle Informationen und verbreiten Sie keine Gerüchte und Spekulationen!»

Die Polizei ist um 12.42 Uhr alarmiert worden. Sie zieht ein riesiges Aufgebot zusammen und sperrt den Bahnhof ab, erst nur teilweise, dann ganz. Der Kölner Hauptbahnhof – direkt neben dem Dom – ist einer der wichtigsten Bahn-Knotenpunkte der Republik. Entsprechend groß ist jetzt das Chaos.

Die Flugbegleiterin Larissa da Silva Lima (25) erzählt, sie habe auf dem Platz vor dem Bahnhof gestanden, als sie plötzlich Schreie gehört habe: «mehrere Schreie, sehr hysterische Schreie». Sie habe sich umgedreht – und dann habe sie Flammen gesehen in einem Bahnhofsrestaurant.

Zunächst habe sie geglaubt, eine Fritteuse sei in Brand geraten. Plötzlich aber seien zwei Mädchen rausgerannt. Sie kamen ihr vor, als würden sie um ihr Leben rennen. Bei einem der Mädchen habe der Schuh gebrannt. Die Flammen hätten bis zur Hüfte geschlagen. «Dann kam auch schon ein Passant und hat versucht, dem Mädchen zu helfen.» Irgendwann habe der Passant es geschafft, dem Mädchen den Schuh auszuziehen. «Das war unbeschreiblich, also das war schrecklich anzusehen.»

Steht die Szene in einem Zusammenhang mit der Geiselnahme? Die Polizei will dazu erstmal nichts sagen. Auch nach der Beendigung der Geiselnahme hält sie sich mit Informationen zurück. Am Abend dann: Pressekonferenz im Polizeipräsidium. Die stellvertretende Polizeipräsidentin Miriam Brauns erklärt, es gehe um mehr als eine Geiselnahme: «Auch einen Terroranschlag schließen wir dabei nicht aus.»

Das Geschehen spielte sich demnach wie folgt ab: In einem Schnellrestaurant im Bahnhof zündet der Täter ein Molotow-Cocktail. Ein 14 Jahre altes Mädchen wird dadurch verletzt. Weil durch den Rauch die Sprinkleranlage ausgelöst wird, flüchtet der Täter in eine gegenüberliegende Apotheke und nimmt dort eine Frau als Geisel. Bald weiß die Polizei auch: Der Täter hat Brandbeschleuniger und Gaskartuschen bei sich. Er fordert freien Abzug und die Freilassung einer Tunesierin. Außerdem will er eine Tasche wiederhaben, die er im Schnellrestaurant zurückgelassen hat.

Um 14.50 Uhr stürmen Spezialkräfte die Apotheke. Der Täter bedroht die Geisel, versucht möglicherweise, sie anzuzünden. In der Hand hält er eine Schusswaffe – ob sie echt ist, weiß die Polizei zunächst nicht. Die Polizisten schießen auf ihn – der Mann sackt getroffen zusammen. Er wird reanimiert, ins Krankenhaus gebracht und dort notoperiert.

Am Tatort findet die Polizei Papiere, die «mit hoher Wahrscheinlichkeit» dem Täter gehören. Wenn dem so sein sollte, dann ist er ein 55 Jahre alter Syrer, der schon häufig kriminell geworden ist. Einmal hat er der Polizei einen Hinweis auf einen Islamisten gegeben.

Die Ermittlungen stünden noch ganz am Anfang, betont Einsatzleiter Klaus Rüschenschmidt. Dann ist die Pressekonferenz zuende. «Ein spannender Tag», sagt jemand. Vor allem war es wohl: ein schlimmer Tag.