Walter Scholz beim BNN-PRojekt "Zurückgespult"
Das Badenerlied für "Zurückgespult:" : Walter Scholz aus Achern brachte für die Interviewtage bei den BNN seine Trompete mit.

Interviews für „Zurückgespult“

BNN-Filmprojekt: Wie die Bilder sprechen lernten…

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Manche haben die Bilder, andere die Geschichten. Halina Meger aus Weingarten hat beides. Um ihrer Mutter in Polen vom neuen Leben in Deutschland zu erzählen, legte sie sich in den 70er Jahren eine Kamera zu. Halina dokumentierte alles. Hochzeit, Hausbau, Kindstaufe, Erstkommunion. Als die mittlerweile 72-Jährige kürzlich vom  BNN-Filmprojekt „Zurückgespult“ las, fuhr sie sofort nach Polen, um die alten Schätze zu bergen. Ihre Filme bilden fast alle Aspekte des Lebens einer jungen Familie in der badischen Provinz in den 70er und 80er Jahren ab. Zusammen mit Halinas Gesicht und ihrer Stimme vervollständigt sich das Ganze jetzt zu einem perfekten Porträt.

Logo für BNN-Projekt "Zurückgespult"

Ellen Eberle hat zu ihrer hochspannenden aber tieftraurigen Geschichte keine bewegten Bilder. Wie auch? „Meine Kindheit hat sich auf Trümmerbergen abgespielt“ erzählt die 79-Jährige Pforzheimerin. Die Zerstörung im Februar 1945 hat die Frau, die bis heute für die SPD im Gemeinderat ihrer Heimatstadt sitzt, live miterlebt. Fotos kennt sie, aber Filme? Irgendwo in den 230 000 Metern Material, die in den vergangenen Wochen im BNN-Verlagshaus und in den Geschäftsstellen abgegeben wurden, sind sie zu finden, die Filmsequenzen von haushohen Trümmerbergen, ausgezehrten Gestalten, die Schutt schippen und Kindern, die neben ihren Müttern im Dreck spielen. Mit Ellen Eberles Erinnerungen unterlegt, setzt sich auch hier das Puzzle einer vergangenen Epoche wieder zusammen.

Rainer Beck (links) und der TV-Journalist Wolfgang Köppendörfer.
Ein eingespieltes Team: Kameramann Rainer Beck (links) und der TV-Journalist Wolfgang Köppendörfer von der Augsburger Medienproduktionsfirma rt1.tv. | Foto: Hora

Noch sind längst nicht alle Streifen digitalisiert, die die BNN-Leser ihrer Zeitung für das Filmprojekt zur Verfügung gestellt haben. Doch die Produktion der mehrteiligen Dokumentation ist bereits in vollem Gange. Das Anliegen des ambitionierten Projektes: aus Abertausenden Metern Film sehr persönliche und dokumentarische Momente herauszufiltern und daraus einen Film über die Geschichte der Region zu stricken. Die bewegten Bilder von in Trümmern liegenden Städten, von Aufbruchsstimmung in den 50er-Jahren und bescheidenem Wohlstand in den 60ern sind das eine; die Einordnung des Erlebten durch prominente und weniger prominente Zeitzeugen das andere.

Ein Hauch große Filmwelt

Deshalb wehte drei Tage lang ein kleiner Hauch der großen, weiten Filmwelt durch die Gänge unserer Zeitung. Die Kamera surrte und während der Aufnahme hieß es: „Absolute Ruhe bitte!“. Die BNN baten gut zwei Dutzend fest in der Region verankerte Persönlichkeiten aus Politik, Sport und Kultur zum Interview. Und alle kamen: der streitbare Journalist und Buchautor Franz Alt, der langjährige ARD-Rechtsexperte Karl-Dieter Möller, Robert Mürb, „Vater“ der Karlsruher Bundesgartenschau 1967, und all die talentierten Hobbyfilmer, deren Material aus sechs Jahrzehnten das Gerüst für das Projekt „Zurückgespult“ bilden wird. Prominente und weniger Prominente, Unterhaltungskünstler und Hobbymusiker, Profisportler und kickende Hausfrauen standen dem TV-Redakteur Wolfgang Köppendörfer Rede und Antwort. Mehr als den historischen Fakten wollen die BNN in der DVD-Reihe dem Lebensgefühl der Menschen in unserer Region zu unterschiedlichen Zeiten nachspüren.

Franz Alt
Fernsehjournalist und Buchautor Franz Alt. | Foto: Hora

Für meinen Großvater war Frankreich noch der Erbfeind. Wir machen uns zu wenig bewusst, wie wertvoll die Zusammenarbeit in diesem Grenzgebiet ist.

Hochspannend ist nicht nur das Projekt, sondern auch die Begegnungen, die sich währenddessen im Warteraum oder auf dem BNN-Parkplatz ergeben. Wenn der ehemalige Pfarrer der Karlsruher Stadtkirche Gerhard Leiser dem Gitarristen und Sänger der „Flippers“, Olaf Malolepski, seine Anerkennung für die Song-Texte der Gruppe ausspricht. („Des sin’ die, wo ma sich net uffrege muss.“) Während Leiser vor der Kamera vom alten Karlsruhe erzählt, macht sich Malolepski draußen so seine eigenen Gedanken zum Projekt. Was hat die Stadt Bretten für den gebürtigen Magdeburger eigentlich zu seinem Zuhause gemacht? „Heimat ist da, wo die Familie ist“, sagt der Musiker und später vor der laufenden Kamera lässt er Episoden aufleben, die den Menschen hier bestens vertraut sind. Tanznachmittage in der Weingartener Kärcherhalle etwa. „Das war unser Wohnzimmer und ich kenne einige Paare, die sich da gefunden haben.“

Sängerin „Lou“ Steinle aus Waghäusel.
Sängerin „Lou“ Steinle aus Waghäusel. | Foto: Hora

Warum sagt man Badener und nicht Badenser, möchten Sie wissen? Ganz klar: Weil man auch nicht Frankfurzer oder Heilbronnser sagt.

Um all die prominenten und weniger prominenten Namen ins rechte Licht zu rücken, wurde im Verlagsgebäude der BNN eigens ein provisorisches Filmstudio eingerichtet. Eine knifflige Angelegenheit , wie Kameramann Rainer Beck schnell erkannte. Der helle Raum hatte zwar die passende Größe, doch leider auch zwei riesige Fenster.  Doch der 56-jährige Profi von der Augsburger Medienproduktionsfirma rt1.tv wusste sich zu helfen: Tiefschwarze Planen schafften jene Dunkelkammeratmosphäre, die Beck und sein Kollege Wolfgang Köppendörfer für die Interviews brauchten.

Olaf Malolepski, bekannt von den „Flippers“
Olaf Malolepski, bekannt von den „Flippers“, lebt in Bretten. | Foto: Hora

Karlsruhe, Pforzheim, Bretten – das sind unsere Wohnzimmer. In die-
ser Region sind wir groß geworden.

Die Interviews wurden im sogenannten Chromakey-Verfahren produziert, das auch aus Nachrichtensendungen wie das „Heute Journal“ bekannt ist. „Wir können damit alle möglichen Hintergrundbilder und -animationen für die Interviewsequenzen nutzen“, erklärte Wolfgang Köppendörfer, der das Projekt bei rt1.tv federführend betreut. Was genau zu sehen sein wird, will der TV-Mann nicht verraten. Doch die Geschichte der Region spielt bestimmt die Hauptrolle.

Der ehemalige Karlsruher Stadtpfarrer Gerhard Leiser
Zeitzeuge und großartiger Erzähler: Der ehemalige Stadtpfarrer Gerhard Leiser kennt Karlsruhe und die Region wie kaum ein anderer. | Foto: Hora

 

Was tun mit den Filmschätzchen

Für etliche BNN-Leser gab es bereits eine tolle Überraschung: Sie bekamen nämlich ihre betagten „Filmschätzchen“ zurück – digitalisiert und für die Zukunft gerettet. Manch einer könnte da in Versuchung geraten. Opas geliebte 35-Millimeter-Streifen oder Papis Super8-Filme im Müll zu entsorgen – zumal es wohl in den wenigsten Haushalten noch Abspielgeräte gibt. Das wäre aus Sicht der Landesfilmsammlung Baden-Württemberg der „Mega-Gau“, weil dadurch historisches Filmmaterial unwiederbringlich verloren ginge. Die Einrichtung bietet den BNN-Lesern deshalb an, ihre „Schätzchen“ dauerhaft in der Landesfilmsammlung zu archivieren. Hier die Adresse:

Haus des Dokumentarfilms
Teckstraße 62
70190 Stuttgart
Telefon (07 11) 92 93 09 00