Glaubt an Meditation und innere Motivation: Holger Kujath, Chef einer Karlsruher Chat-Community, erzählt, was diese von Facebook unterscheidet.
Glaubt an Meditation und innere Motivation: Holger Kujath, Chef einer Karlsruher Chat-Community, erzählt, was diese von Facebook unterscheidet. | Foto: Fabry

Knuddels-Gründer Holger Kujath

Computer statt Kinderchor

„Leute kennenlernen und gute Gespräche führen“, so beschreibt Knuddels-Geschäftsführer Holger Kujath den Kern der gleichnamigen Chat-Gemeinschaft, die er noch während seines Studiums ins Leben gerufen hat. Neben Gesprächen spielen die Nutzer innerhalb der Community miteinander, treffen sich oder flirten. Einige haben sogar einen Lebenspartner gefunden und eine Familie gegründet. Der 39-jährige Chef sei sogar schon als Trauzeuge angefragt worden, was er allerdings abgelehnt habe.

Nächtliches Programmieren

Kujaths Interesse für Informatik begann schon früh, bereits in der ersten und zweiten Klasse wollte er einen Computer haben. Das durfte er nicht, stattdessen musste er ein Jahr in den Kinderchor gehen. Mit elf Jahren hat er dann mit dem Programmieren begonnen – vor allem nachts von 4 bis 7 Uhr, damit es seine Eltern nicht bemerkten.

Informatik-Studium in Karlsruhe

Aufgewachsen ist der Gründer in Dortmund mit zwei Halbgeschwistern. Nach dem Abitur zog es ihn 1998 zum Informatik-Studium nach Karlsruhe. „Ich musste nicht lange nachdenken, was ich studiere. Garten- und Landschaftsbau, was meine Eltern machen, kam für mich nie in Frage“, so der Informatiker.

Community mit einem Kern

Der Chatexperte beschreibt in seiner Version die Plattform gerne als ein Café, in dem man sich irgendwo dazusetzen und auch Leute kennenlernen kann. „Im Gegensatz zu Facebook oder Dating-Plattformen sind wir wirklich eine Community, die einen Kern hat“, sagt Kujath.

Die Zielgruppe ist zwischen 18 und 40 Jahre alt. „In unserer DNA ist drin, dass wir einen demokratischen Ansatz haben, sowohl im Team als auch in unserer Community“, so der Geschäftsführer. „Das prägt den Charakter des Portals.“ Unter den mehreren Hunderttausend-Nutzern sind rund 3.000 ehrenamtliche Mitglieder, die eine Funktion wie etwa Administrator oder Moderator haben. Wer länger auf der Plattform ist, erhält ein Wahlrecht oder darf sich für eine Funktion bewerben.

Knuddels auf neuem Kurs

Rund 35 Mitarbeiter arbeiten bei Knuddels, einige sind seit über zehn Jahren dabei. Seit 2015 sitzt das Unternehmen mitten in Karlsruhe am Europaplatz, vorher in Ettlingen. Gegründet wurde es 1999 von Kujath und zwei Freunden. Heute leitet er es gemeinsam mit Mathias Retzlaff. Seit damals hat sich der Markt dramatisch verändert. Was 2004 quasi als Chatraum gestartet ist, ging bis 2007 von der Nutzung und Bekanntheit nur bergauf. „Allerdings gab es damals noch kein Smartphone“, erklärt der Geschäftsführer. Als die Sozialen Netzwerke Facebook und Studi-VZ hinzukamen, gingen die Nutzerzahlen zurück. „Das war gar nicht so einfach für uns“, gesteht der Gründer. Einige Plattformen wie Studi-VZ, „Wer kennt wen“ oder Lokalisten existieren heute nicht mehr. „Es ist deshalb nicht selbstverständlich, dass es uns noch gibt“, sagt er. Seit etwa zwei Jahren habe das Unternehmen einen neuen Kurs aufgenommen und sich von der Technologie bis hin zur Kultur komplett neu entwickelt.

Möglicherweise ist heute für Gründer einiges leichter. Es gibt mehr Förderprogramme und Unterstützung. „In Karlsruhe gründen macht auf jeden Fall viel Sinn. Da die Stadt so schön übersichtlich ist, kennt man sich“, sagt der heute 39-Jährige, der jeden Tag die Treppen dem Fahrstuhl vorzieht und mit dem Mountainbike zur Arbeit fährt.

Die Nutzer glücklich machen

Mittlerweile programmiert Kujath nicht mehr selbst. Er kümmert sich vielmehr um das Produkt, seine Struktur und darum, wie es aussehen kann oder wie „er die Nutzer glücklich machen kann“.

„Rente“ zwischen 2013 und 2015

Von 2013 bis 2015 war Kujath komplett draußen aus dem Geschäft oder in „Rente“, wie er die Zeit liebevoll nennt. Das solle man ab und zu einmal machen, sich bewusst für einige Jahre herausnehmen, um mehr Inspiration zu erhalten, so seine Empfehlung. Wie hat er die Zeit genutzt? Er hat seinen Diplomabschluss nachgemacht. Außerdem ist er viel gereist, hat andere Unternehmen besucht und den Zugang zur Meditation erhalten. Das macht er heute täglich 15 Minuten, nach der Mittagspause.

Mystery Lunch, gemeinsames Frühstück und Beachvolleyball

Wert legt er außerdem auf die freundschaftliche Unternehmenskultur. „Nach vier Wochen ist ein neuer Mitarbeiter bei uns bereits angekommen. Dafür tun wir einiges“, erzählt der gebürtige Dortmunder. Mitarbeiter, die noch nie miteinander gegessen haben, treffen sich beispielsweise einmal die Woche zum Mystery Lunch und dürfen extern gemeinsam essen gehen – auf Kosten des Unternehmens. Dies und weitere Aktivitäten – wie das gemeinsame wöchentliche Beachvolleyball-Spiel, das regelmäßige Training im Fitnessstudio oder das tägliche Frühstück in der Firmenküche – zeigen, dass das Miteinander und auch die Freiheiten gelebt werden. Kujath glaubt fest daran, dass die Motivation von innen kommen muss, wenn man erfolgreich sein will.