Freiheit auf zwei Rädern: Vor 200 Jahren erfand Karl Freiherr von Drais die Laufmaschine, die Urform aller Räder. Allein in Deutschland gibt es 81 Millionen Fahrräder. | Foto: dpa

Drais‘ epochale Erfindung

Das Fahrrad eroberte die Welt

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Vor 200 Jahren begann ein Siegeszug ohnegleichen. Seitdem erobert das Fahrrad die Welt. Es ist Transportmittel, Sportgerät und Lastesel, begeistert jung und alt gleichermaßen. Zu verdanken ist diese epochale Erfindung einem gebürtigen Karlsruher: Karl Freiherr von Drais. Seine Laufmaschine gilt als Urform aller Räder. Heute gelten Drahtesel sogar als Hoffnungsträger urbaner Mobilität.

 

Er hat weder Handbremse, noch Licht und entspricht nicht im entferntesten der deutschen Straßenverkehrsordnung. Doch für die 15-jährige Catherine aus Malawi ist der robuste, nahezu unverwüstliche Drahtesel namens Buffalo ein Geschenk des Himmels. 20 Kilometer ist der Schulweg der jungen Afrikanerin lang, doch mit dem schwarz-weißen Fahrrad, das speziell für den Einsatz im ländlichen Afrika konzipiert wurde, hat sich für Catherine und ihre ganze Familie alles verändert. Plötzlich sind Entfernungen kein Hindernis mehr – weder, um zur Schule zu kommen, noch, um die nächstgelegene Krankenstation zu erreichen.

Der Buffalo macht nie schlapp

Für den Schwarzen Kontinent ist der Buffalo, dessen Namen an die Stärke des wilden Kaffernbüffels erinnern soll, genau das richtige Transportmittel, weil es hart im Nehmen ist,  mit einfachem Werkzeug repariert werden kann und selbst bei größeren Zuladungen nicht schlapp macht: Der Gepäckträger hält ohne weiteres 100 Kilogramm Gewicht aus, und das bei jahrelangen Fahrten über Stock und Stein.

Hilfe schafft Mobilität

Als der US-amerikanische Unternehmer Frederik Day nach dem verheerenden Tsunami in Südostasien nach Möglichkeiten suchte, den Betroffenen zu helfen und den Wiederaufbau zu unterstützen, stellte er schnell fest: Was die Menschen wirklich brauchen, ist Mobilität – um Material in zerstörte Dörfer zu bringen und um größere Strecken zurückzulegen, als dies zu Fuß möglich ist. Day und andere Unternehmen der Radbranche spendeten 24.000 Fahrräder für Sri Lanka, die zum Motor des Wiederaufbaus wurden.

Ein Rad für Afrika

Angespornt vom Erfolg der Aktion und der Bitte verschiedener Hilfsorganisationen, das Programm auf Afrika auszudehnen, gründeten sie die Hilfsorganisation World Bicycle Relief und begannen das wartungsarme Buffalo-Fahrrad zu entwickeln. Dessen Technik ist vielleicht nicht die allermodernste, dafür ist es langlebig. 147 Dollar kostet ein solcher Lastenesel, der in Afrika montiert wird. Kinder wie Catherin bekommen das Velo nicht einfach geschenkt; als Gegenleistung müssen sie sich verpflichten, täglich in die Schule zu fahren und ihre Leistungen zu verbessern. Erst dann geht das Rad in den Besitz der Familie über.

Drais‘ epochale Erfindung

Fast 300.000 Fahrräder für die armen Regionen Afrikas, Asiens und Südamerikas: Ohne die epochale Erfindung eines Karlsruhers wäre diese Erfolgsgeschichte nicht geschrieben worden. Dabei nahm vor exakt 200 Jahren kaum einer Notiz von der Laufmaschine des Karl Freiherr von Drais, die die Urform aller Räder ist. Die Zeit war einfach noch nicht reif für das seltsame Vehikel des Badeners, der im klassischen Sinne ein verkanntes Genie war. Im Großherzogtum gab es keinen wirksamen Patentschutz, der seinen bahnbrechenden Einfall vor Raubkopien bewahrt hätte, und eigene Werkstätten zum Bau seiner Transportmittel hatte der Weiße-Kragen-Erfinder ebenfalls nicht zu bieten.

Zu Lebzeiten verkannt: Karl Freiherr von Drais war ein genialer Erfinder. Doch seine Zeitgenossen nahmen ihn kaum wahr.
Zu Lebzeiten verkannt: Karl Freiherr von Drais war ein genialer Erfinder. Doch seine Zeitgenossen nahmen ihn kaum wahr. | Foto: Technoseum

Auf Augenhöhe mit technischen Pionieren

Der begnadete Tüftler erlebte nicht mehr, wie seine Konstruktion, leicht verändert und verbessert, die Welt eroberte. Selbst im autoverliebten Deutschland stehen rund geschätzte 81 Millionen Fahrräder den 45 Millionen Pkw gegenüber. Und Experten wie der amerikanische Automobilhistoriker James F. Flink sehen Drais auf Augenhöhe mit Pionieren des Fortschritt wie Carl Benz, Otto Lilienthal oder den Gebrüdern Wright: „Keine vorherige technische Innovation – nicht einmal der Verbrennungsmotor – war für die Entwicklung des Automobils so wichtig wie das Fahrrad“, so der Fachmann.

Jungfernfahrt mit dem Fahrrad

Gut eine Stunde dauerte die Jungfernfahrt am 12. Juni 1817 zwischen dem Mannheimer Schloss und der Sommerresidenz in Schwetzingen. Doch dem Mannheimer Intelligenzblatt war die Drais’sche Pioniertat keine Silbe wert, obwohl er mit der Konstruktion aus leichtem Eschenholz schneller unterwegs war als jede Postkutsche. Seine Zeitgenossen hatten schließlich andere Sorgen: Hinter ihnen lagen 20 Jahre Krieg mit dem napoleonischen Frankreich, territoriale und politische Umbrüche in ganz Europa und das „Jahr ohne Sommer“. So sehr sich der Patensohn des Markgrafen Karl Friedrich auch mühte – immerhin stellte er die Tauglichkeit seines „Laufrades“ bei einer Fahrt nach Paris höchstpersönlich unter Beweis –, ein Verkaufsschlager wurde das per Muskelkraft betriebene Gefährt zunächst nicht. Einige begüterte Adelige erwarben Lizenzen für den Bau des pferdelosen Fahrzeugs, doch spätestens mit den ersten Fahrverboten auf Gehwegen war der kurze Hype wieder vorbei. Die Verbannung auf die Straße bremste die Drais’sche Laufmaschine buchstäblich aus.

Der Nachbau der Laufmaschine des Freiherrn von Drais: Bei seiner Jungfernfahrt schaffte erimmerhin 14 Kilometer in der Stunde.
Der Nachbau der Laufmaschine des Freiherrn von Drais: Bei seiner Jungfernfahrt schaffte er immerhin 14 Kilometer in der Stunde. | Foto: dpa

Tretkurbeln am Vorderrad

Drais, der ganz offensichtlich mehr Begabung für Erfindungen als für den Forstberuf zeigte und deshalb von seinem Landesherren bei vollen Bezügen für diese Aufgabe freigestellt wurde, erlebte nicht mehr, wie seine Konstruktion die Welt eroberte. Mitte der 1860er Jahre statteten Ernest und Pierre Michaux das Veloziped mit Tretkurbeln am Vorderrad aus. Allerdings waren die Zweiräder mit ihrer Bandeisenbereifung so schwerfällig und holprig, die zu erzielende Geschwindigkeit so bescheiden, dass Amerikaner und Engländer das Gefährt spöttisch als „boneshaker“, als Klapperkiste, bezeichneten. Die abenteuerlich anmutenden Hochräder, die ab 1870 in Mode kamen, waren nur etwas für junge, reiche und zumeist todesmutige Männer. Schon bald waren die gefährlichen Stahlrösser nicht viel mehr als ein kurioses Vehikel für Kunstradfahrer. Stattdessen setzte sich das Niederrad durch, das das Radfahren von einem elitären Herrensport zu einem ernst zu nehmenden Verkehrsmittel für alle Schichten transformierte.

Zu Lebzeiten verkannt

Es ist viel darüber gerätselt worden, warum der geniale Drais zu Lebzeiten so verkannt, gar als spleenige Schießbudenfigur diffamiert wurde. Selbst als deutsche Radfahrvereine 1890 für die Umbettung ihres Idols und ein Grabdenkmal sammelten – 39 Jahre nach seinem Tod –, streuten badische Monarchisten allerlei Lügenmärchen über den Erfinder des Zweirades aus, der mit Fug und Recht als Urvater des modernen Individualverkehrs gelten kann. Der adelige Drais hatte in ihren Augen die schlimmste Sünde begangen, die ein loyaler Untertan der Monarchie nur tun kann: Er sympathisierte mit Revolutionären, legte per Zeitungsannonce gar seinen Adelstitel ab: Nicht mehr Karl Freiherr von Drais, sondern Bürger Karl Drais wollte er sein.

Spricht alle Altersgruppen und Schichten an: Das Bild zeigt, dass das Fahrrad für den Sonntagsausflug unverzichtbar war.
Spricht alle Altersgruppen und Schichten an: Das Bild zeigt, dass das Fahrrad für den Sonntagsausflug unverzichtbar war. | Foto: Technoseum

Gezielt lächerlich gemacht

Der im Land gebliebene Demokrat wurde gezielt lächerlich gemacht, seine Erfindungen – darunter auch die erste Tastenschreibmaschine und ein Holzsparherd – als „mechanische Hirngespinste“ abgetan. Es fand sich gar ein badischer Medizinalrat, der das gewünschte Gutachten für die Entmündigung des in Ungnade gefallenen schrieb. Drais’ Geschwister verhinderten zwar das Schlimmste, doch sein Ruf war ruiniert. „So entstand das Zerrbild eines verrückten Clochards, der seine Erfindung einer widerstrebenden Mitwelt förmlich aufnötigen musste“, so der Technik-Historiker Hans-Erhard Lessing in seiner Biografie über den Karlsruher Pionier, der die Welt auf Räder stellte.

Das Fahrrad als Hoffnungsträger

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde zwar das Auto zum Liebling aller Politiker und Konsumenten, doch angesichts der Endlichkeit fossiler Energieträger und des die Menschheit gefährdenden Klimawandels, angesichts von Lärmbelästigung und Feinstaubalarms in den Ballungsräumen, angesichts einer stetig wachsenden Weltbevölkerung avanciert das Fahrrad zum Hoffnungsträger urbaner Mobilität. Städte wie Kopenhagen oder Amsterdam machen es vor, und selbst autofreundliche Weltmetropolen wie New York oder Rio de Janeiro ziehen nach. Auf der Suche nach dem Weg aus dem Dauerstau setzten immer mehr Kommunen auf Schnellwege für Drahtesel, testen grüne Wellen und verbannen Autos aus dem Zentrum.

Vorfahrt für das Fahrrad: Kopenhagen setzt voll und ganz auf den Drahtesel. An jeder Ecke gibt es welche zum mieten.
Vorfahrt für das Fahrrad: Kopenhagen setzt voll und ganz auf den Drahtesel. An jeder Ecke gibt es welche zum mieten. | Foto: dpa

Fahrrad gilt als hip

Vor allem im Großstädten gilt das Rad bei seinen Nutzern als hip, als wegweisend, weil Städte erst dann wieder lebenswert sind, „wenn sie nicht im Tempo des Automobils, sondern in jenem der Fußgänger und Fahrradfahrer ticken“, so der Stadtplaner Jan Gehl, der seit Jahren die Verwaltung seiner Heimatstadt Kopenhagen berät. Anfangs wurden seine Thesen belächelt, heute gelten seine Ansichten als wegweisend und finden allerorten Nachahmer. Sein Credo von der Rückeroberung der Stadt hat sich für die dänische Hauptstadt ausgezahlt: Gleich dreimal wurde Kopenhagen zur lebenswertesten Stadt der Welt gekürt, bevor es seinen Spitzenplatz an Tokyo abgeben musste.

Extratipp

Noch bis zum 25. Juni ist im Technoseum (Museumsstraße 1, 68165 Mannheim, Telefon (06 21) 4 29 89) die Ausstellung „2Räder – 200 Jahre“ zu sehen, die sich mit der Geschichte des Fahrrades beschäftigt. Knapp 500 Fahrräder – vom frühen Laufmaschinenmodell bis zum modernen Singlespeed – werden bei der Landesausstellung gezeigt. Das Begleitprogramm umfasst Vorträge, Filme und den Erfinderwettbewerb „Mobilität in der Zukunft“.
www. Technoseum.de

Öffnungszeiten: täglich von 9 bis 17 Uhr. Der Eintritt für Erwachsene kostet acht Euro, ermäßigt fünf Euro. Familien zahlen 16 Euro.

Karlsruhe wird das Fahrradjubiläum mit einem großen Festival während der Heimattage begehen. Unter dem Motto „Ganz schön Drais!“ feiert die Fächerstadt vom 25. bis 28. Mai ihren berühmten Sohn. Am Schloss Karlsruhe finden neben dem Welttreffen historischer Räder verschiedene Rennformate wie beispielsweise die Hochrad-WM sowie eine Kostüm-Ausfahrt statt.
www.heimattage-karlsruhe.de
www.200jahre-fahrrad.de