Gasmasken im Museum der russischen Kleinstadt Schichany. Hier befand sich früher eine Produktions- und Testanlage für Chemiewaffen.

Anschlag auf Sergej Skripal

Das Geheimnis von Schichany

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Zwei Dutzend Plattenbauten, ein Cafe, zwei triste Hotels und Straßen voller Löcher: Das südrussische Städtchen Schichany am Ufer der Wolga dürfte nur in wenigen Reiseführern je erwähnt worden sein – was sicher auch daran liegt, dass neugierige Besucher hier nicht willkommen sind. Das von der Außenwelt durch Zäune und Kontrollposten abgeschirmte Schichany ist jedoch für Chemiewaffenexperten ein fester Begriff.

Hier entwickelten ab 1928 Sowjetunion und später Russland einige der tödlichsten Substanzen, die die Welt heute kennt. Und hierhin soll auch die Spur aus der englischen Kleinstadt Salisbury führen, wo vor einem Monat Ex-Doppelagent Sergej Skripal und dessen Tochter Julia unter der Wirkung eines mysteriösen Nervengifts zusammengebrochen waren.

Nach Informationen der Times stammt der in Salisbury verwendete Kampfstoff Nowitschok aus Schichany. Dort seien kleinere Mengen von Nowitschok gelagert worden, berichtete das Blatt am Freitag. Seine Quelle ist ein britischer Chemiewaffenexperte, der sich auf unklare „Geheimdienstinformationen“ stützt. Wie so oft in den vergangenen Wochen weist der Kreml diesen Bericht entschieden zurück. „Alle Standorte, an denen Chemiewaffen gelagert wurden, sind bekannt. Schichany gehört nicht dazu“, sagt Michail Babitsch, der Kremlvertreter im Föderationskreis Wolga.

Was wissen wir?

Wenn die Experten der renommierten Organisation für das Verbot von Chemiewaffen (OPCW) nächste Woche ihren Untersuchungsbericht im Fall Skripal vorlegen werden, werden sie vermutlich den Anfangsverdacht bestätigen: Das hochwirksame Nervengift aus Salisbury dürfte Nowitschok (zu Deutsch: Neuling) oder eine verwandte Substanz sein, die bis zu zehn Mal stärker wirken soll als der bekannte chemische Kampfstoff VX. Davon geht etwa Gary Aitkenhead, Chef der Chemiewaffen-Forschungsanlage Porton Down, fest aus. Aber auch einige Experten aus Deutschland und der Schweiz haben keinen Zweifel daran, dass das Gift zur Nowitschok-Gruppe gehört.

Sie schließen zudem aus, dass Terroristen oder Kriminelle sich „mit Bordmitteln“ einen derart tödlichen Stoff zusammenmischen könnten – denn es erfordert einen komplexen Herstellungsprozess in einem hoch spezialisierten und gut ausgerüsteten Labor.

Wir wissen auch, dass in Schichany zumindest in der Vergangenheit an dieser Art von Kampfstoffen tatsächlich geforscht wurde. Davon sprach noch 1992 in einem Interview mit einer russischen Zeitschrift ein junger sowjetischer Wissenschaftler, der selbst bei einem Unfall einer Dosis Nervengift ausgesetzt worden war. Er starb kurze Zeit später.

Die Moskauer Zeitung „Nowaja Gazeta“ verfügt zudem nach eigenen Angaben über Protokolle eines russischen Strafverfahrens aus den Jahren 1999 bis 2006, aus denen hervorgeht, dass einer der Entwickler des Nervengiftes eine kleine Dosis davon gestohlen und später an Kriminelle verkauft haben soll.

Was wissen wir nicht?

Es scheint dennoch bislang keinen Beweis dafür zu geben, dass das in Salisbury verwendete Gift aus einem Labor in Schichany oder einem anderen Ort in Russland stammt. Das Problem ist vor allem, dass man im Westen über Nowitschok offenbar sehr wenig weiß – und das Russland seine Labore nicht öffnen will. Um verlässliche Rückschlüsse zu ziehen, fehlen die Vergleichsstoffe russischer Herkunft. Zwar könnten theoretisch auch westliche Staaten in der Vergangenheit Proben des Nervengiftes hergestellt haben – etwa um die eigene Abwehr zu testen – doch darüber müsste die OPCW längst informiert worden sein.

Die Organisation ermittelt im Moment ergebnisoffen. Russland fordert, an diesen Untersuchungen beteiligt zu werden und interpretiert den britischen Widerstand dagegen als eine Verschwörung. Zu Unrecht: Solange ein Staat nicht explizit beschuldigt wird, Chemiewaffen zu entwickeln, hat er kein Recht darauf, Details über die Arbeit der OPCW-Experten zu erfahren.