Wie belastend die Stimmung im Netz sein kann, haben viele schon am eigenen Leib erlebt. Algorithmen von Plattformen wie Twitter oder Facebook gaukeln Nutzern bisweilen jedoch auch eine Lage vor, die düsterer erscheint, als sie ist. | Foto: dpa

Mühsamer Kampf gegen Hassrede

„Das Netz kann ein sehr kalter Ort sein“

Es sind Sätze, die so wohl nicht einmal am Stammtisch kurz vor Kneipenschluss fallen würden. Im Netz hingegen tauchen sie häufig auf: Kommentare voller Hass, Erniedrigungen, Vorurteilen, Anfeindungen. Mit dem Netzwerkdurchsuchungsgesetz (NetzDG) sollen Plattformbetreiber wie Facebook und Twitter stärker in die Pflicht genommen werden. Vielen Nutzern reicht das jedoch nicht. Sie sehen in der Gewalt online eine Gefahr für die Demokratie der Offline-Gesellschaft und gehen mit eigenen Mitteln gegen den Hass vor: mit Sachlichkeit, Netiquette – bis hin zu rechtlichen Schritten. Doch der Kampf gegen Hass ist mühsam und rückt manch einen selbst ins Visier.

Initiativen wie „Ichbinhier“ gehen gegen Hass im Internet vor

Hannes Ley hat die wohl bekannteste Initiative gegen Hass im Netz gegründet. Unter dem Hashtag „Ichbinhier“ setzen sich Ley und seine Mitstreiter für sachliche Diskussionen ein. Ley gründete #Ichbinhier vor gut einem Jahr nach schwedischem Vorbild als Facebook-Gruppe, um der Hasswelle etwas entgegenzusetzen. Das Ziel: Durch viele sachliche Argumente, Kommentare, Likes und Herzen den Algorithmus der Plattform als Mittel gegen feindselige Kommentare zu nutzen. „Das drückt den Hass förmlich nach unten“, erklärt der Hamburger. In wenigen Monaten wuchs die Zahl der Mitglieder auf über 30 000 an. Mittlerweile stagniert sie bei gut 36 800. Grund dafür ist jedoch nicht weniger Hass. Im Gegenteil: „Es ist sehr mühselig, was wir tun. Und manchmal belastend.“

Leys Gruppe stand auch in der Kritik. Erst jüngst, als über die falsche Altersnennung in der KiKa-Doku „Schau in meine Welt – Malvina, Diaa und die Liebe“ (wir berichteten) ein Sturm der Entrüstung losbrach, warfen Nutzer den „Ichbinhier“-Mitgliedern vor, sie würden Probleme schönreden. „Die Kritiker haben ein bisschen recht und gleichzeitig unrecht. Wenn der Hass eskaliert ist, denkt man vielleicht, man müsse erst einmal verteidigen. So kommen wir aber gar nicht dazu, einen differenzierten Dialog zu führen“, sagt Ley. Nicht jedes Mitglied bleibt selbst immer sachlich, nicht jeder argumentiere immer geschickt. Der Gruppengründer bedauert einen ganz anderen Aspekt: Nur rund 5 000 Mitglieder sind wirklich aktiv. Viele liken nur oder sind stille Unterstützer.

Aktive und Wissenschaftler sehen NetzDG als richtigen Ansatz

Zu den Beobachtern gehörte auch Claudia Rauch. Die Referentin für gesellschaftspolitische Jugendbildung der Evangelischen Akademie Baden sah, wie sich die Gewalt 2015 während der Flüchtlingskrise über die Kommentarspalten ergoss. Die Pfarrerin der Karlsruher Alt- und Mittelstadtgemeinde beschloss, nicht zuzusehen, wie Hass und Hetze in Social-Media-Debatten sickerten. „Wenn ich offline eine eskalierte Diskussion oder Beleidigungen miterlebe, gehe ich auch nicht einfach vorbei“, erklärt sie. Die 38-Jährige fürchtet, dass sich das bald auch im „realen Leben“ widerspiegelt. „Die Grenze des Systems verschiebt sich.“

Das Reden über den Hass hat zu einer Selbstverstärkung geführt. Und dazu, dass der Großteil der Bevölkerung still wird, weil er ein Gefühl der Machtlosigkeit hat.

Die Auswirkungen des Internets auf die Zivilgesellschaft sind ein Aspekt, zu dem Wolfgang Schweiger forscht. Der Leiter des Instituts für Kommunikationswissenschaft der Universität Hohenheim hält das NetzDG wie auch Ley und Rauch für einen vernünftigen Ansatz – auch wenn dennoch mehr Kapazitäten für die Strafverfolgung im Internet nötig seien. Dass der Hass im Netz zugenommen hat, lässt sich Schweiger zufolge so nicht belegen. Dennoch äußere mancher sich im vermeintlich anonymen Internet extremer  – auch unter Klarnamen. „Nur: Wer besonders laut ist, ist nicht die Mehrheit“, betont der Professor. Filterblase, Algorithmus und Berichterstattung gaukelten bisweilen eine düstere Netzwelt vor – die so extrem eigentlich gar nicht ist. „Das Reden über den Hass hat zu einer Selbstverstärkung geführt. Und dazu, dass der Großteil der Bevölkerung still wird, weil er ein Gefühl der Machtlosigkeit hat.“

Dass sich der Hass über kurz oder lang auch in der Welt „draußen“ bemerkbar mache, sei wahrscheinlich. Am Beispiel Amerika – dem Wahlkampf, der immer größer werdenden Kluft zwischen Republikanern und Demokraten etwa – lasse sich illustrieren, dass die Nutzung sozialer Medien als Informationsquelle zur Polarisierung beitrage. Es ist daher umso wichtiger, mit lautem Dagegenhalten die Schweigespirale zu durchbrechen, betont der Professor. Sich in Gruppen wie #Ichbinhier zu verbünden, sei eine ausgesprochen gute Idee mit einer wichtigen Botschaft, die gegen eine „gewisse optische Täuschung“ im Netz vorgehe. Weil es beim Kampf gegen den Hass um verfälschte Mehrheitsverhältnisse gehe, sei es wichtig, dass auch die immer stummer werdende „gefühlte Minderheit“ sich äußere.

Wer sich in Diskussionen einmischt, wird nicht selten selbst Opfer von Hassrede. Obwohl auch das Netz kein rechtsfreier Raum ist, werden etwa Beleidigungen dort seltener angezeigt. | Foto: dpa

Das Internet ist kein rechtsfreier Raum

„Das ist Sisyphos-Arbeit“, erzählt Claudia Rauch, die verstehen kann, warum sich Menschen bei Plattformen wie Facebook abmelden. In Veranstaltungen der Evangelischen Akademie hat sie auch darüber schon mit vor allem jugendlichen Teilnehmern diskutiert. Während manche das Dagegenhalten geradezu als Bürgerpflicht sehen, fühlen sich andere gegen die Wucht, mit der der Hass bisweilen einschlägt, nicht gewappnet. „Das Netz kann ein sehr kalter Ort sein. Es ist ok, zu sagen: An manchen Tagen kann ich hier nicht sein.“

Rauch selbst plädiert für ein aktives Entgegentreten. Denn eines ist das Internet nicht: ein rechtsfreier Raum. Rauch hat Anfeindungen schon angezeigt. Ein Schritt, zu dem sie Opfern rät. „Die Leute wissen gar nicht so richtig, was im Netz rechtswidrig ist. Dabei gelten dort die gleichen Gesetze wie offline.“ Im Internet würden sie jedoch seltener angewendet, gerade weil mancher Beleidigungen unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit äußere. Zu häufigen Delikten in Kommentarspalten gehören etwa Verleumdung, Nötigung, Bedrohung oder üble Nachrede.

Die vom Europarat initiierte Bewegung „No Hate Speech“ zählt auf ihrer Homepage zahlreiche Beispiele auf, die zeigen, dass eine Anzeige sehr wohl erfolgreich sein kann: So rief etwa ein 18-Jähriger aus Emden auf Facebook zum Lynchmord eines 17-jährigen Inhaftierten auf: „Aufstand! Alle zu den Bullen. Da stürmen wir. Lasst uns das Schwein tothauen.“ Als Strafe bekam er zwei Wochen Jugendarrest wegen des öffentlichen Aufrufs zu Straftaten. Wegen Volksverhetzung mittels anonymer Hasspostings wurde ein 34-jähriger Berliner verurteilt. Seine Aussage „Ich bin dafür, dass wir die Gaskammern wieder öffnen und die ganze Brut da reinstecken“ kostete ihn 4 800 Euro. In Wilhelmshaven beschuldigte eine Frau den Bürgermeister, fremdzugehen, und verbreitete das Gerücht auf Facebook. Wegen übler Nachrede musste sie 1 950 Euro zahlen.

Oft ist Hetze im Netz subtil

Ley hat andere Erfahrungen gemacht. Im Laufe der Monate ist auch er Opfer geworden. „Sektenführer“ sei noch eine milde Beleidigung gewesen. Ein Anwalt riet ihm wegen geringer Erfolgsaussichten von Anzeigen ab. Das Problem: „Das meiste an Hass im Netz wird subtil geäußert und ist so nicht strafrechtlich relevant. Diffamierend, pauschalisierend, verletzend, ja. Aber das reicht nicht. Stellen Sie sich die Häme und den Shitstorm vor, wenn Sie einen solchen Rechtsstreit verlieren.“

Der #Ichbinhier-Gründer hat seinen eigenen Weg gefunden, mit der Belastung umzugehen. Mittlerweile hat Ley die Zeit im Netz gedrosselt, die Koordination der Gruppe hat er aus der Hand gegeben. Er konzentriert sich neben der Arbeit auf den Verein „Ichbinhier“ und das Buch, das er über seine Erfahrungen geschrieben hat. Ganz raushalten will er sich nicht, wie frustrierend sein Engagement bisweilen auch sein mag. „Ich bin nicht dazu bereit, den öffentlichen Raum im Netz dem Hass zu überlassen. Hier können, nein müssen wir genauso für Demokratie kämpfen wie auf der Straße.“

Weitere Informationen zum Thema Hass im Netz, Hilfe für Opfer gibt es im etwa bei No Hate Speech. Über seine Erfahrungen  mit #Ichbinhier hat Hannes Ley ein Buch geschrieben. „#Ich bin hier. Zusammen gegen Fake News und Hass im Netz“ erscheint am 19. Februar 2018 im Dumont-Verlag