Das Schreiben als Passion: Sie habe immer schon lieber geschrieben als gesprochen, sagt Postkartenschreiberin Sabine Rieker über sich selbst. | Foto: Kraufmann

Beruf: Postkartenschreiberin

Der innere Auftrag

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Es dauert eine kleine Weile, bis Sabine Rieker auf die Anfrage nach einem Interview reagiert. Die Antwort, die dann kommt, könnte zauberhafter nicht sein. Geschrieben in schnörkeliger Schönschrift schickt sie eine Postkarte, auf der sie sich für die Anfrage bedankt, „super gerne“ würde sie ein Gespräch mit den BNN führen. Und weil es sozusagen ihr Markenzeichen ist, an den Empfänger immer auch ein paar persönliche Worte zu richten, steht da noch: „Liebe Tina Mayer, danke fürs Sein“.

Sabine Rieker ist „Die Postkartenschreiberin“. Aus einer Passion hat sie einen Beruf gemacht, mittlerweile lebt die 30-Jährige vom Karten schreiben. Ihr Hauptauftraggeber ist eine Segelschule. Mehrmals im Jahr schreibt sie im Auftrag der Leiterin personalisierte Erinnerungspostkarten an die Teilnehmer. Die Karten gestaltet sie selbst. Ansonsten sind ihre Auftraggeber bunt gemischt, auch Privatpersonen sind darunter. „Viele sehen mich im Café sitzen und fragen dann“, erzählt die Stuttgarterin, die beim Arbeiten gerne mit einem Kaffee unter Menschen ist. Mittlerweile schreibt sie fünf bis sechs Karten am Tag. Einen Festpreis gibt es nach wie vor nicht, die Leute zahlen ihr so viel, wie sie möchten. Sabine Rieker akzeptiert, dass es zwischendurch auch Tage gibt, an denen es nicht so gut läuft mit dem Schreiben. „Dann lasse ich es.“

Es geht nicht ohne

Ihr Ziel sei es immer gewesen, „das zu tun, was ich liebe“, sagt die 30-Jährige, die gebürtig aus der Eifel kommt. Dass das nun ausgerechnet das Postkartenschreiben ist, sei ihr auch erst mit den Jahren klar geworden. Wobei sie schon früh gemerkt hat: „Es geht nicht ohne Schreiben.“ Tatsächlich sei ihr das Schreiben schon immer lieber gewesen als das Sprechen. Seit sie denken kann, schreibt sie Tagebuch – und Briefe an ihre Brieffreundin. Und dennoch vereint Sabine Rieker die alten und den neuen Medien ziemlich gut. Sie ist aktiv in den sozialen Netzwerken, postet ihre Postkarten auf Facebook und auf Instagram. Eine Art digitales Archiv.

Schlüsselerlebnis beim Schreiben

Tatsächlich gab es aber auch ein Schlüsselerlebnis, das Sabine Rieker zeigte, dass das Postkartenschreiben „mehr“ für sie ist. Die ausgebildete Texterin schrieb vor Jahren an eine ehemalige Arbeitskollegin, die an Krebs erkrankt war. Als die Frau starb, schrieb Sabine Rieker trotzdem weiter – und leistete so ein großes Stück Trauerarbeit für die Hinterbliebenen. Für sie selbst sei es auch wichtig gewesen, eine Art Therapie: „Ich war damals gerade in einer schwierigen Phase meines Lebens.“

Die Welt dreht sich zu schnell

„Das Schreiben hat für mich auch eine Ventilfunktion“, sagt Rieker, die Germanistik und Kunstgeschichte studiert hat. Gleichzeitig ist es für sie auch Entschleunigung. „Die Welt dreht sich zu schnell“, findet Rieker. Durch das Schreiben drückt sie immer wieder die Stopptaste ihres eigenen Lebens. Das Schreiben, so sagt sie selbst, sei für sie zu einem „inneren Auftrag“ geworden.