Ist das Kunst oder muss das weg? Karl Hubbuch zeigt sich in seinem Gemälde "Der Maler und seine Modelle" aus dem Jahr 1954 umgeben von minderjährig anmutenden nackten Aktmodellen | Foto: Staatliche Kunsthalle Karlsruhe

Nackt oder sexistisch?

Der Kunst geht es an den Kragen

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Müssen die nackten Susannas aus den Museen?

Der Kunst geht es an den Kragen. „Da regte sich in ihnen die Begierde nach ihr. Ihre Gedanken gerieten auf Abwege und ihre Augen gingen in die Irre.“ Die Rede ist von zwei alten Richtern, die sich in die Frau ihres Gastgebers verguckt haben und ihr beim Bade auflauern. Weil sie nicht bereit ist mit ihnen zu schlafen, bezichtigen sie die treue Susanna des Ehebruchs. Nur durch Intervenieren des Propheten Daniel kam die Wahrheit ans Licht. Viele Jahrhunderte lang war die biblische Geschichte aus dem Buch Daniel (Dan. 13,9) Sujet in der Bildenden Kunst etwa bei Lorenzo Lotto (1517), bei Tintoretto (1555), Lovis Corinth (1890) oder Wassiliy Rjabtschenko (1989). Zu sehen ist stets eine nackte Frau. Ist das Sexismus? Müssen diese Bilder aus den Museen?

Soziale Medien verführen zu blinder Zensur

Vor einem knappen halben Jahrhundert haben wir die sexuelle Befreiung herbeigesehnt. Nun scheint ein Rollback zu beginnen. Die MeeToo-Welle hat nicht nur die Sensibilität für sexuelle Belästigung erhöht. Sie zeigt auch, wie sich die Wahrnehmung durch das Internet und die sozialen Medien gewandelt hat. Eine Folge ist, dass die Künste nicht mehr als eine zum Diskurs anregende Äußerung auf zweiter Ebene verstanden werden, als Verarbeitung und Interpretation von Realität, sondern für bare Münze genommen werden. Sehen ältere Generationen beim Betrachten eines Kunstwerkes noch Abstand und Abstraktion zum wirklichen Leben, so verschwimmt diese Grenze durch die Verbreitung von Bildern im Internet. Alles – von der Pornografie bis zur Bildenden Kunst – hatte vor dem World-Wide-Web seinen Raum und seinen Rahmen. Pornografische Inhalte gab es in Kinos, Videotheken und Magazinen mit Altersfreigabe. Kunst hing im Museum oder war in Katalogen abgedruckt. Tumblr, Twitter, Instagram und Co mischen die Karten neu. Ungefiltert und ungeschützt werden Bilder im Netz verbreitet und erreichen die Nutzer, die sich ohne Wissen um den Kontext mit ihnen unmittelbar auseinandersetzen und identifizieren. Kunst wird auf einer Ebene mit allen Bildern gehandelt und macht entsprechend persönlich betroffen. Da ist es nur eine logische Folge, dass auch die Bildende Kunst ihren geschützten Rahmen dahingehend verliert, dass alle Motivationen und Aspekte sowie sozialgeschichtlichen Zusammenhänge ausgeklammert werden.

Wirbel um Balthus

Beispielhaft zeigt dies der Wirbel um ein angeblich anstößiges Werk des Malers Balthus (1908 bis 2001) im New Yorker Metropolitan Museum. Mehr als 11 000 Menschen haben bisher per Online-Petition gefordert, das Bild abzuhängen. „Thérèse Dreaming“ aus dem Jahr 1938 zeigt ein junges Mädchen auf einem Stuhl sitzend, ein Knie ist angewinkelt, die Unterwäsche sichtbar. „Es ist verstörend, dass das Met so ein Bild stolz zeigt“, schreibt die Organisatorin der Petition. Sie wolle nicht, dass das Bild zerstört oder zensiert wird, aber fordere eine Abhängung oder mehr Kontext. Die Frage nach dem Kontext ist berechtigt, eine Abhängung käme jedoch einer Zensur aus der Gesellschaft heraus gleich.

Museen verteidigen die Freiheit der Kunst

Die Haltung in den Museen scheint klar. Das Metropolitan lehnte eine Entfernung des Balthus-Bildes ab. „Momente wie dieser bieten eine Möglichkeit für Konversation, und Kunst ist eines der bedeutendsten Mittel, das wir haben, um die anhaltende Entwicklung unserer Kultur durch informierte Diskussion und Respekt für kreativen Ausdruck zu ermutigen“, hieß es in einer Stellungnahme.
Auch die Kunsthalle Karlsruhe besitzt Werke, die Anlass zum Anstoß geben könnten. Darunter solche der Künstlergruppe „Die Brücke“, die wie Balthus vorzugsweise Minderjährige nackt malten. Oder auch das Gemälde „Der Maler und seine Modelle“ aus dem Jahr 1954, auf dem sich Karl Hubbuch umgeben von drei Aktmodellen darstellt. Die Schlitze auf dem Venushügel sind deutlicher als das genaue Alter. Doch mindestens eine, wenn nicht zwei sehen minderjährig aus. „Zweifellos: Mit jedem Akt künstlerischer Freiheit können auch die Grenzen der Freiheit anderer berührt sein. So mussten weibliche Modelle für männliche Künstler oft als Symbole einer Freiheit fungieren, die für die Modelle selbst nicht galt. Aktdarstellungen können Zeugnis für einen Akt der Bemächtigung seitens des Künstlers sein. Die Bilder von jungen Mädchen in den Atelier- oder den Badeszenen der Expressionisten wurden so gedeutet“, erklärt die Direktorin der Kunsthalle, Pia Müller-Tamm. „Die gesteigerte Sensibilität für die Instrumentalisierung von Weiblichkeit, für sexuelle Übergriffe und Unterdrückung in allen Sphären des gesellschaftlichen Lebens ist das ethische Fundament einer emanzipierten Gesellschaft“, betont die Kunsthistorikerin.

In der Kunst gelten andere Gesetzte als im Leben

„Im Blick auf die Kunst gilt es meines Erachtens jedoch, Unterschiede zu machen: In der Kunst gelten andere Gesetze als im Leben. Das heißt: Es reicht nicht aus, die vermeintlich sexistischen Sujets von Bildern der Kunst zu registrieren und – quasi reflexhaft – moralische Verdikte gegen ihre Urheber auszusprechen“, so Müller-Tamm. Sie insistiert auf dem Freiraum der Kunst. „Kunstwerke stellen Herausforderungen eigener Art dar: Künstlerinnen und Künstler bewegen sich allzu oft und beinahe notwendigerweise in Bildern und Motiven, die sie kritisieren.“ Man könne sie kritisch deuten oder affirmativ, je nach Kontext. Doch das Entscheidende sei: Die interessantesten Bilder der Kunstgeschichte visualisieren ihrer Meinung nach keine moralischen Exempla, sondern vermitteln ein Bewusstsein für die Vieldeutigkeit von Bildern.
Wie lange können die Museen die Kunst angesichts der ausufernden medialen Verurteilung durch die Möglichkeiten von Internet und sozialen Medien gegenüber Vorwürfen des Sexismus schützen? Ist eine „Susanna im Bade“ erniedrigende Zurschaustellung der Weiblichkeit zur Ereiferung männlicher Begierden? Oder ist sie das, was die biblische Erzählung bezweckt: Warnung? Das Wissen um den Kontext ist auch nötig, um etwa das Gemälde „Das Frauenbad mit Spiegel“ (um 1515) von Hans Baldung zu deuten. Zwei nackte Frauen betrachten sich in einem Spiegel. Dieser wie auch ein altes Weib symbolisieren in der Kunst der frühen Neuzeit die Vergänglichkeit aller Schönheit und irdischer Freuden, waren also eine Mahnung der die Bildsprache steuernden Kirche, den Lastern zu entsagen. „Gerade in der Darstellung von weiblichen Körpern ereignen sich die Innovationen und Formexerzitien der jüngeren Kunstgeschichte“, so Müller-Tamm. „Es gilt, ambivalente Werke nicht zu denunzieren und sie durch Rückprojektion heutiger Moralurteile zu verwerfen. Unsere Vermittlungsaufgabe besteht vielmehr darin, einen Verständnishorizont herzustellen, der sich aus einer genauen Betrachtung der Bilder selbst und aus ihrem jeweiligen Zeitkontext ergibt.“