Es werde Licht! Bei Yuval Sharon ist Lohengrin ein Elektriker, der mit seiner Frau in einem Transformatorenhäuschen lebt, sie aber mit seinen Vorlieben vergrätzt. | Foto: Enrico Nawrath

Bayreuths neuer Lohengrin

Der machtgeile Elektriker

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Lohengrin als Unsympath – man kann den Schwanenritter so, wie ihn Regisseur Yuval Sharon bei den Bayreuther Festspielen präsentiert, nicht mögen. Denn dieser Lohengrin, der zwar Strom in eine energielose Gesellschaft und damit Leben in die Bude gebracht hat, entlarvt sich vor den Augen seiner bis dato gefügigen Elsa als Freund von Machtspielchen.

Fesselspielchen im Brautgemach

Wer will das schon: einen Mann, der sich jede Frage über seine Herkunft und Vergangenheit verbittet und dann auch noch – überfordert vom erwachenden Selbstbewusstsein seiner Angetrauten – zur Fessel greift? Keine emanzipierte Frau, zu der sich Elsa gerade entwickelt, weil ihr Ortrud die Augen geöffnet hat.

Der Held als Heuchler

Wenn Lohengrin in der Hochzeitsnacht das orangefarbene Seil aus dem Nachtkästchen zieht, ist das in Sharons Deutung nur am Rande eine Anspielung auf sexuelle Vorlieben. Vielmehr führt der Regisseur, der in Karlsruhe Wagners Walküre und Doctor Atomic inszenierte, den Helden als Heuchler vor. Erst im Brautgemach zeigt er Elsa wie sie ihm zu gehorchen und seine Lust zu erfüllen habe. Er steht auf Beherrschung, gegen die er in der Öffentlichkeit eintritt.

Scheidung von dem Mann mit dem Blitz: Elsa hat die verbotene Frage gestellt. Doch statt Reue zu zeigen, zieht sie mit Rucksack-Batterie von dannen. | Foto: Enrico Nawrath

Scheidung von dem Mann mit dem Blitz

Sharon entlarvt Lohengrin als ungerechten Helden. Drum möchte man sich auch diesmal nicht die Haare raufen, wenn Elsa die verbotene Frage stellt. Man ist froh, dass Lohengrin geht und Elsa zu sich selbst finden kann. Nicht Elsa scheitert, sondern Lohengrin – Scheidung von dem Mann mit dem Blitz.

Märchen in Blau

In ein blaues Gesamtkunstwerk, das die Bühne in ihrer gesamten Höhe, Tiefe und Breite ausfüllt, lassen Yuval Sharon und sein Team die Besucher eintauchen. Lohengrin wird zum Märchen in Blau, das dem Publikum recht gut gefällt, schlussendlich aber fast zu hübsch ist. Die Bühnenbildner Neo Rauch und Rosa Loy betten die Handlung in eine neoromantische Industriearchitektur des frühen Elektrifizierungszeitalters. Doch ist diese stark verschmolzen mit der Natur, in der das Volk von Brabant und ihr König mit Insektenflügeln an einem riesigen Strommast siedeln. Großformatige Malereien dramatisch wirkender Wolken oder im zweiten Akt einer Moorlandschaft hinterfangen die Szene im klassischen Stil des Kulissentheaters.

Zuhause in der Trafostation

Elsa und Lohengrin wohnen in einer Trafostation. Der fremde Ritter war zusammen mit einem Blitze schleudernden Kurzschluss erschienen, um Elsa vor ihrer Hinrichtung zu retten. Lohengrin als Elektriker, er bringt den Strom zum Fließen und damit die Energie, die dem Volk schmerzlich fehlt. Die Brabanter tragen Kragen wie auf den Gemälden von Anthonis van Dyck. Elsa im Duchesse-Kleid und Lohengrin im Edel-Blaumann sind von Kopf bis Fuß in Delfter Blau gegossen. Als Zeichen der Macht hält Lohengrin ein Schwert in Blitzform.

Elsa kommt auf den Geschmack

Lohengrin besiegt Telramund im Flug, indem er ihm einen Flügel ausreißt. Hilft alles nichts. Elsa kommt auf den Geschmack und Orange bei ihr in Mode: die Komplementärfarbe als Symbol der Befreiung. Ortrud ist mit ihrem großen Netz auf dem Rücken die Spinne unter den Fliegen, eine Lebenskünstlerin, die in einer von Männern dominierten Welt gegen die Heuchelei der Brabanter ankämpft und Elsa zur Revolution bewegt.

Trennung mit Kurzschluss

Elsa begehrt auf gegen Mr. Electric, der ihr nicht nur übel ins Gewissen redet, sondern sie auf die Worte „Höchstes Vertraun hast du mir schon zu danken, da deinem Schwur ich Glauben gern gewährt; wirst nimmer du vor dem Gebote wanken“ an einen glühenden Isolator fesselt und ihr zu Leibe rückt. „Nichts kann mir Ruhe geben, dem Wahn mich nichts entreißt, als – gelt es auch mein Leben – zu wissen, wer du seist!“ Leitung und Isolator flackern jetzt gefährlich, ein Kurzschluss durchjagt sie als Elsa das Verbotene fragt. Nach der Gralserzählung gibt Lohengrin Elsa eine große Rucksack-Batterie mit auf den Weg. Dann erscheint ihr Bruder, der Herzog von Brabant, als grünes Waldmännlein. Elsa sinkt nicht entseelt zu Boden, sie beginnt ein neues Leben.

Publikum ist begeistert

Das Publikum feiert dieses ansprechende Märchen, das Hans Neuenfels’ beliebte Lohengrin-Deutung ablöst. Dennoch springt der Funke nicht so über, wie es diese Hochspannungsidee erwarten lässt. Vielleicht fehlt die Prise Salz in diesem süßen Teig. Die Entwicklung Elsas von der brav die Arme zur Fessel kreuzenden Elfe zur selbstbewussten Frau wird nicht herausgearbeitet. Hinzu kommt ein für Sharons Ansatz nicht wirklich homogenes Solistenensemble. Der Sopran von Anja Harteros ist beinahe zu dramatisch für die anfangs unterwürfige Elsa, hebt sich gleichwohl gerade deswegen sehr gut ab vom metallischen Glanz Piotr Beczałas.

Beczała als perfekter Lohengrin

Dass er für Roberto Alagna einsprang, ist ein Geschenk. Ein perfekter Lohengrin. Er schafft es, seinem tragfähigen Tenor neben Kraft auch Seidenes, Wärme und Sehnsucht zu verleihen. Georg Zeppenfeld ist erneut ein hervorragend sonorer König. Tomasz Konieczny ein giftiger, schön charakterisierender Telramund, der sich steigert, während die nach Jahren an den Hügel zurückgekehrte Waltraud Maier im zweiten Aufzug eine fantastisch glutvolle, modulationsfähige Ortrud zeigt, die aber im dritten an ihre Grenzen stößt und forciert.

Thielemann dirigiert glänzenden Wagner

Nicht immer ist der Festspielchor im Metrum, ein kleiner Abstrich in dieser musikalisch beachtlichen Vorstellung. Getragen und auch befeuert, stets sängerfreundlich umspült wird all dies durch das strahlende Dirigat Christian Thielemanns. Auch mit seiner zehnten und letzten für ihn bislang auf dem Grünen Hügel noch ausstehenden Wagner-Oper beweist er sich als hervorragenden Wagner-Klangzauberer. Er treibt an, fordert höchste Präzision, kann herrlich große Bögen auskosten und fächert die Musik in weitaus mehr Farben auf als es die Palette der Bühnenbildner dieser Inszenierung erlaubt.