Der Oberbürgermeister Acherns, Klaus Muttach (CDU, Mitte), im Gespräch mit dem Acherner Redaktionsleiter Michael Moos und BNN-Volontärin Jule Müller. | Foto: Hora

Acherns OB Muttach bei BNN

Der Mann, der (fast) keine offenen Wünsche hat

Manchmal muss ein Oberbürgermeister eben seinen Friseur aufsuchen, um aus erster Hand zu erfahren, wo es in seiner Stadt gerade nicht rundläuft. Diese Erfahrung machte neulich Acherns OB Klaus Muttach. Kurz nach Beginn der Sanierung der Rheinbrücke zwischen Rheinau und dem elsässischen Gambsheim bekam der CDU-Politiker in einem Friseursalon allerhand Ärgerliches zu hören. Die Brücke ist für Autofahrer bis August gesperrt, es verkehrt ein Bus-Shuttle für die Pendler und Touristen, die zu Fuß über den Rhein laufen müssen. „Meine Friseurin muss aus dem Elsass fahren, und mit dem aktuellen Fahrplan von Rheinau nach Achern klappt es bei ihr gar nicht“, räumt Muttach ein. Und schiebt noch verständnisvoll hinterher: „Wir sind alle froh, wenn es vorbei ist“.

Den dreifachen Familienvater könnte man wohl einen glücklichen Verwaltungschef nennen. Diesen Eindruck hinterlässt Muttach zumindest am Donnerstag als Gast der BNN-Redaktionskonferenz, wenn er die wirtschaftliche Lage seiner Stadt mit knapp 26 000 Einwohnern beschreibt. Mögen andere angrenzende Kommunen neidvoll zur prosperierenden Technologieregion Karlsruhe hinaufschauen, nicht jedoch das selbstbewusste Achern im Ortenaukreis. „Wir sehen die Erfolge der Nachbarn gelassen“, stellt Klaus Muttach klar und verweist auf die sprudelnden Steuereinnahmen und die mit 1,6 Prozent niedrigste Arbeitslosigkeit im BNN-Verbreitungsgebiet. „Wir haben nicht genug Fachkräfte. Dass Achern dabei aber insgesamt keinen Mangel an Arbeitsplätzen hat, ist ein großer Gewinn und ein Pfund, mit dem wir wuchern können“, sagt der 1963 geborene Politiker, der seit 2007 in der wachsenden Stadt am Fuße des nördlichen Schwarzwaldes das Sagen hat.

Eine der Zutaten in Muttachs Erfolgsrezept scheint eine relativ große Volksnähe zu sein. So hält der Oberbürgermeister nicht nur regelmäßig eine Sprechstunde auf dem Wochenmarkt ab, sondern er diskutiert auch bei gutem Wetter in der Mittagspause gerne im Freibad mit Bürgern über Kommunalpolitik, nur mit Badehose bekleidet. Wann immer es geht, fährt der OB mit dem Fahrrad ins Rathaus, einen Blumenstrauß hinter den Lenker geklemmt, wenn er auf dem Weg einem Jubilar gratulieren möchte. Auf seinen Fahrten durch die Stadt erlaubt sich Muttach hin und wieder einen Plausch mit den Passanten über deren Probleme und die Herausforderungen für die Stadt.

Dazu gehört, wie auch in vielen anderen Gemeinden, die angespannte Lage auf dem Wohnungsmarkt. „Er steht unter großem Druck“, gibt Muttach zu. Seit den 1990er Jahren hat die Stadt gut 5 000 Einwohner hinzugewonnen. Um die Wohnungsnot zu mindern, will Achern nun demnächst bis zu 1 000 neue Wohnungen bauen, teils auf ehemaligen, konvertierten Industrieflächen.

Ein anderes bewegendes Thema für die Bürger ist die medizinische Versorgung. In der kommenden Woche fällt der Kreistag eine Vorentscheidung für die Neugestaltung des Klinik-Angebots in der Ortenau. Es läuft wohl hinaus auf die Schließung einiger Standorte und die Stärkung von anderen. Schon kochen die Emotionen hoch. „Ja, man macht sich damit nicht nur Freunde“, kommentiert der CDU-Fraktionsvorsitzende im Kreistag, der das Problem ganz pragmatisch sieht: „Was machen wir, wenn wir krank werden? Wir fahren dorthin, wo die besten Spezialisten sind“. Und die gebe es halt nicht immer im lokalen Krankenhaus. Seine Lösung lautet: Anstelle einer „gefühlten Versorgung, die es heute nicht gibt“, lieber nach den „rationalen Lösungen für die Zukunft“ zu suchen. Dafür wolle man im Kreis in den kommenden zwölf Jahren insgesamt 600 Millionen Euro investieren, sagt zufrieden der OB.

Viel zu tun gebe es auch bei der Mobilität. „Das Verkehrsaufkommen steigt, die Staus nehmen zu, alle sind genervt“, beschreibt der BNN-Gast das Problem. Eine universelle Lösung sieht er nicht. Allerdings würde es helfen, wenn die Verkehrskonzepte der Kreise nicht an ihren jeweiligen Grenzen enden würden. So sei es für viele Menschen in Achern, das am Nordrand des Verbundgebiets Ortenau liegt, zu umständlich, in den KVV wechseln zu müssen, um nach Baden-Baden oder Karlsruhe reisen zu können. „Für den Personennahverkehr sollten keine Verbund- oder Landesgrenzen gelten“, wünscht sich Muttach.

Gibt es also wirklich nichts, was die frohe Laune des glücklichen Oberbürgermeisters von Achern trüben würde? Doch, gibt es. „Was mich stört, ist, dass man auf der Landesebene oft große Pläne macht und dann die Kommunen im Stich lässt“. Wenn die grün-schwarze Koalition in Stuttgart den Kommunen neue Aufgaben übertrage, dann sollten sie auch ordentlich finanziert werden, fordert er. Muttach, der seit 25 Jahren Kommunalpolitiker ist und der um keinen Preis in den Landtag wechseln würde, hat einen Vorschlag: „Der Landesinnenminister sollte einmal vier Wochen lang in meinem Rathaus arbeiten. Dann würde er unsere Lage besser verstehen“.

„Eurodistrikt“ sucht nach seiner Aufgabe

13 Jahre nach der Gründung des grenzüberschreitenden Kooperationsraums Straßburg-Ortenau ist die Zusammenarbeit zwischen deutschen und französischen Kommunen in dem sogenannten Eurodistrikt noch nicht weit vorangekommen. Bei seinem Besuch der BNN-Zentralredaktion zog Acherns Oberbürgermeister Klaus Muttach  eine ernüchternde Bilanz des Modells, das 2003 vom damaligen Kanzler Gerhard Schröder und Frankreichs Präsidenten Jacques Chirac ins Leben gerufen worden war. „Es sucht heute noch seine Aufgabe“, stellte Muttach fest.

Er hält den Eurodistrikt für wichtig etwa bei der Zusammenführung von Bürgern auf beiden Seiten der Grenze. Allerdings werde die Kooperation unter anderem durch die teils unterschiedliche Arbeitsweise der deutschen und französischen Verwaltung auf Kommunalebene ausgebremst. „Dort schaut man mehr nach Paris, wir arbeiten mehr in Eigenverantwortung“, fasst der CDU-Politiker zusammen