Blick auf den Telemarkkanal
Am Telemarkkanal gibt es viele idyllische Plätze. Der Preis für den traumhaften Blick vom Rui Platz ist ein kurzer, steiler Aufstieg von Dalen. | Foto: Jock

Am Telemarkkanal

Weltwunder in ganz viel Idylle

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Die Hoffnung ist ein schwarzes Loch. Im Kupferbergwerk Åmdals Verk in der norwegischen Provinz Telemark jedenfalls. Ein Holzschild im Stollen, in den Karianne Lie die Besuchergruppe führt, weist ins dunkle Nichts. Im Schein der Grubenlampen ging es jahrzehntelang für die Bergleute auf diesem unterirdischen Pfad zur Grube „Hoffnung“. Der Name, der auf die deutsche Herkunft vieler der frühen Mineure zurückgeht, war Programm: Stets dabei war die Hoffnung, etwas zu finden – und die Grube wieder lebend verlassen zu können. Tatsächlich seien die Bergleute, die zwischen 1691 und 1945 hier unter Tage gingen, von größeren Unfällen verschont geblieben, betont Karianne. Frische fünf Grad, die Feuchtigkeit in bis zu 315 Metern Tiefe, die gefährlichen, engen Klettersteige und die harte körperliche Arbeit hinterließen aber ihre Spuren. Und der einzige, den das Kupfer und kleinere Gold- und Silberfunde reich machten, räumt Karianne ein, war im 19. Jahrhundert ein englischer Besitzer.

Eine Zauberlandschaft

Das Abtauchen in die Vergangenheit, von Karianne noch mit einer Reihe Modelle zur Technik im Bergwerk unterstützt, hat seinen Preis: Die steile Serpentinenstraße, die es wieder hinauf zu radeln gilt. Auch hier ist Hoffnung im Gepäck: Dass nach der nächsten Kurve endlich der Pass erreicht ist. Und dass bei der ebenso steilen Abfahrt hinunter nach Bandakskli die Sonne durch die Wolken blinzelt. Dann nämlich glitzert die Wasseroberfläche des Sees Bandak, in dem sich die nahen Berge und die roten und gelben Holzhäuschen am Ufer spiegeln – und verwandelt das ohnehin idyllische Panorama in eine Zauberlandschaft.

Nostalgische Kanalschiffe

Keine Seltenheit in der Telemark: Die norwegische Provinz zwischen den Schären am Skagerrak und der Hochebene Hardangervidda, ist üppig mit großartiger Natur gesegnet. Als Wiege des Skisports gab sie einem eleganten Abfahrtsstil und der perfekten Skisprung-Landung ihren Namen. Und einem Wasserweg, der bei seiner Eröffnung 1892 als „achtes Weltwunder“ gepriesen wurde. Um die Flößerei vor allem von Nadelhölzern zu ermöglichen, wurde durch vier Seen der 105 Kilometer lange Telemarkkanal zwischen Dalen und Skien gebaut. Heute transportieren die nostalgischen Kanalschiffe ausschließlich Touristen – samt ihrer Fahrräder und Paddelboote, wenn sie sich nicht mehr auf ihre Muskelkraft verlassen möchten.

Räder werden auf die MS Henrik Ibsen verladen
Wer sich nicht mehr auf seine Muskelkraft verlassen möchte, kann sein Rad auch mit aufs Schiff nehmen. | Foto: Jock

Vrangfoss: Historisch Schleuse mit fünf Stufen

Die aber brauchen die beiden Jungs, die die „MS Victoria“ begleiten und die mächtigen Tore der insgesamt 18 Schleusen auf- und zu hebeln – auch deren Technik ist nostalgisch. An Bord und am Ufer klicken Kameras, während das Wasser in die Schleusenklammern rauscht und den 1882 gebauten Dampfer in Zeitlupe nach oben hievt. Die Vrangfoss zwischen Ulefoss und Lunde hat gleich fünf Stufen – Zeit genug also, sich von dem Wunderwerk des 19. Jahrhunderts und der grandiosen Landschaft bezaubern zu lassen.

Das Rauschen des Eidslev, der neben der Schleuse in die Tiefe donnert und ein Kraftwerk antreibt, verebbt, sobald das letzte der acht Meter hohen Schleusentore sich wieder hinter der „Victoria“ geschlossen hat. Ein langer gemauerter Damm trennt ihr Fahrwasser noch eine Weile vom Fluss, dann vereinen sich die Wasserlinien. Bewaldete Hügel und nackte Felsen säumen den Fluss, spiegeln sich im Wasser und rücken im Laufe der Fahrt näher. Einzelne Nebelschwaden schweben noch dicht über der Wasseroberfläche, fast andächtig lassen die Fahrgäste die Blicke schweifen. Die Hoffnung auf Sonne erfüllt sich nicht, nur spärlich tupft blauer Himmel die nahezu geschlossene Wolkendecke. Noch eine enge Kurve, dann wird das Ufer flacher, und das Wasser öffnet sich zum Nomevatn. Nur am Rand schiebt sich die „Victoria“ durch den See, der Heimat so mancher geschützter Vogelarten, und rasch verjüngt sich der Wasserweg wieder. Tonnen, die die Fahrrinne markieren, tanzen in der zunehmenden Strömung. Eine gewaltige Brücke, die auf mehreren gemauerten Pfeilern im Fluss lagert, zeigt an, dass Lunde mit der nächsten Schleuse nicht mehr weit ist – und viel zu schnell ist die 50-minütige Fahrt vorbei. Freilich könnte man auch die komplette Strecke per Schiff zurücklegen – in neun bis zehn Stunden.

 

In  Lunde begegnen sich die Kanalschiffe

An der Schleuse bei Lunde begegnet die „MS Victoria“ der nur wenig jüngeren „MS Henrik Ibsen“ – und am Ufer treffen die Kanalreisenden aus beiden Richtungen aufeinander. Ingerid und ihre Mitstreiterinnen hoffen, hier ihre handgestrickten Socken und Mützen, die Patchwort-Decken und Topflappen zu verkaufen, „Wir haben den ganzen Winter produziert“, berichten sie.

Mit großen Hoffnungen in die Telemark

Mit großen Hoffnungen ist auch Axel Schramke vor 15 Jahren von Magdeburg in die Telemark gezogen. „Nach der zigten Umschulung kam zu Hause einfach nichts mehr“, sagt der gelernte Maurer und Polier. Im Skihotel hat er gearbeitet, Bäder gefliest, Hausmeister in einer Flüchtlingsunterkunft war er. Nun ist der 58-Jährige Schleusenwärter in Vrådal und lässt die„MS Fram“ passieren. Auf dem Nisser, dem größten See der Telemark, hat diese bis in die 1970er-Jahre als Schlepper harte Arbeit geleistet, erzählt Jesper Gisselbæk Aagaard. Der Däne managt das Quality Straand Hotel in Vrådal, für das die „Fram“ nun Feriengäste über den See schippert. Bei den zweieinhalbstündigen Rundtouren fährt wieder viel Nostalgie mit, dafür sorgt schon die Besatzung: Kapitän Reidar Skogheim ist 77, „Decksjunge“ Olav Tveitan nochmal fünf Jahre älter. Sein Vater Magnus war 60 Jahre lang Kapitän der Fram, daher habe er als Junge schon an Bord geholfen, erzählt Olav. Dann schleudert er zielsicher wie eh und je das Tau zum Festmachen des Schiffes. Und lässt Hotelmanager Jesper hoffen: Dass Olav auch für die nächste Saison nochmal anheuert. Und Reidar den Nostalgiedampfer weiterhin auf Kurs hält.

Eintauchen in die Geschichte der Flößerei

Schleusenwärter Axel vertäut die Fram, schiebt den Steg hinüber und öffnet das kleine Museum, in dem man ebenfalls in die Geschichte der Flößerei auf dem Telemarkkanal und dem ein paar Meter höher gelegenen Nisser eintauchen kann. Ob seine Hoffnungen sich erfüllt haben? Klagen will der Magdeburger nicht – ein bisschen mehr Norwegisch hätte er aber schon gerne gelernt, bekennt er. Aber dazu war er bei seinen Jobs in der Idylle der Telemark ein bisschen zu oft Einzelkämpfer.

Hier ist manchmal einfach zu viel Idylle

Sein Landsmann Ralf aus Osnabrück, der im „Straand“ als Kellner arbeitet, hat keine Sprachprobleme – seine Frau ist Norwegerin, die drei Kinder wachsen hier auf. Im Paradies, findet Ralf, schwärmt von der üppigen Natur, dem Zelten am Wasser, der Outdoor-Begeisterung der Norweger. Aber hin und wieder, bekennt der Osnabrücker, muss er raus, aufs Motorrad oder gleich für ein paar Tage nach Berlin. „Hier ist mir manchmal einfach zu viel Idylle“, sagt er, „davon wirst du verrückt.“

Zu Hause bei Henrik Ibsen

In der Idylle verbrachte auch Norwegens großer Dichter seine Kindheit – auch wenn Henrik Ibsen das erst mal so nicht gesehen hat. Als er sieben war, ging sein Vater bankrott, und seine Familie musste das stattliche Kaufmannshaus im Herzen von Skien aufgeben und in ihr Landhaus Venstøp im Umland umziehen. Dort ist heute ein liebevoll gestaltetes Museum – das den Abstecher von der Radstrecke allemal lohnt.

Dalen Hotel: Märchenschloss mit  Drachenköpfen

Noch mehr norwegische Geschichte gibt es am anderen Ende des Kanals: Um das West-Telemark-Museum in Eidsborg sind alte Höfe und Werkstätten gruppiert, darunter das älteste nicht kirchliche Holzgebäude Europas von 1167. In der Stabkirche auf dem Gelände, einst dem Heiligen Nikolaus geweiht, feiert die Gemeinde nach wie vor Gottesdienst. Auch ein Aktivitätenpark gehört zum Areal, inklusive des Telemarkkanals in Miniatur, auf dem kleine Besucher Holzboote durch die Schleusen bugsieren.
Allerdings fehlt dem Modell Entscheidendes: Die grandiose Radstrecke, die beispielsweise kurz vor Dalen direkt am Wasser entlang führt. Und das Märchenschloss ganz am Ende des Telemarkkanals – das Dalen Hotel mit seiner markanten gelben Holzfassade, den Türmchen und Drachenköpfen. Seit 1894 beherbergt das luxuriöse Haus betuchte Kanaltouristen, die es mit viel Liebe zum Detail in seine Gründerzeit zurückversetzt. Auf Aufzug, Telefon am Bett oder Fernseher hofft der Gast vergebens – braucht er aber auch nicht, wenn er sich in einem der Salons niederlässt, im prunkvollen Speisesaal diniert oder auf der Terrasse seine Kaffee genießt. Und die Idylle auf sich wirken lässt.

Dalen Hotel
Das Dalen Hotel mit seinen Drachenköpfen und Türmchen wartet am Ende des Telemarkkanals – und versetzt seine Gäste 100 Jahre zurück. | Foto: Jock

Information

Anreise mit dem Auto: Das Autopaket der Fjord Line ist unschlagbar günstig: Für 62 Euro bringt sie den Pkw mit zwei Personen vom dänischen Hirtshals nach Langesund. Wohnmobile plus zwei Personen ab 99 Euro.

Mit dem Flugzeug: Ab Karlsruhe/Baden-Baden fliegt Eurowings via Hamburg nach Oslo. Hin und Rückflug ab 180 Euro. Direktflüge ab Frankfurt bieten SAS und Lufthansa ab etwa 140 Euro hin und retour. 110 Kilometer südwestlich Oslos und damit deutlich näher am Telemarkkanal ist der Flughafen Torp-Sandefjord, den KLM (über Amsterdam) und SAS (über Kopenhagen) bedienen (ab 130 Euro). Anbindung zum Telemarkkanal per Zug und Bus.

Langesund: In dem pittoresken Küstenstädtchen, wo die Fjord Line anlegt, kann man sich für die Tour am Telemarkkanal warmradeln: An der Küste entlang etwa zum Geopark Steinvika, zum Tangen Fort im Naturschutzgebiet und zum Krogshavn.

Unterkünfte: Gibt es am Kanal in allen Preislagen, teilweise sind sie auf Radfahrer und derer Bedürfnisse spezialisiert, etwa das familienfreundliche Quality Straand Hotel in Vrådal. Insbesondere Campingplätze sollte man vorab reservieren. Eine Sehenswürdigkeit ist das noble Dalen Hotel, das 1894 für betuchte Kanaltouristen gebaut wurde – und noch den Geist der Jahrhundertwende atmet. (Doppelzimmer ab 250 Euro)

Radfahren: Entlang des Telemark-Kanals führt die gut ausgeschilderte Nationale Radroute 2 („Kanalruta“). Asphaltiere Abschnitte auf der wenig befahrenen Straße und unbefestigte Strecken wechseln sich ab. Die Route verläuft teilweise direkt am Kanal, hat aber auch steile Anstiege und unbeleuchtete Tunnel. Fahrräder ausleihen kann man beispielsweise am Campingplatz in Lunde.

Schifffahrten: Die historischen Kanalschiffe fahren von Mitte Mai bis Mitte September zwischen Skien und Dalen. Die MS Fram legt von Mitte Mai bis Mitte Oktober in Vrådal zu Fahren auf den Seen Nisser und Vråvatn ab.
Auskünfte: Norwegisches Fremdenverkehrsamt, Caffamacherreihe 5, 20355 Hamburg, Telefon (0 40) 2 29 41 50.
www.vistnorway.com
www.visittelemark.com