Gar nicht so einfach: Biathlon-Schnupperkurs mit Lisa Ratschiller im Biathlon-Zentrum Martell. | Foto: Manfred Spitz

Besondere Herausforderung

Eine „Lehrstunde“ mit der Südtiroler Biathletin Lisa Ratschiller in Martell

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Weiße Winterlandschaften. Kleine Zielscheiben in einer Reihe nebeneinander. Davor Sportler, die versuchen, im Liegen oder Stehen mit einem Gewehr so schnell wie möglich ins Schwarze zu treffen; um gleich darauf mit ihren Langlaufskiern wieder loszusprinten – so kennt man Biathlon aus dem Fernsehen. Nicht mehr lange, dann beginnt für die Biathleten die neue Wettkampfsaison. Um im Winter fit zu sein, müssen sie natürlich über den Sommer einiges tun. Auch ohne Schnee. Ein Besuch im Biathlon-Zentrum Martell.

Sommertraining im Biathlon-Zentrum Martell

Es ist Ende August, warm, und die Landschaft grün. Im Südtiroler Martelltal treffen wir Lisa Ratschiller. Die 20-Jährige vom ASV Martell trainiert, wie etliche andere jungen Sportler an diesem Tag, im heimischen Biathlon-Zentrum. Bis zu 25 Stunden beträgt im Sommer ihr Wochenpensum. Nur Laufen. Oder Roller-Runden drehen. Immer und immer wieder.

Schießübungen kommen dann noch dazu. Die Anlage in Martell mit ihrer drei Kilometer langen Skirollerbahn ist bei internationalen Mannschaften beliebt für Trainingslager. Auch bei den deutschen Nationalteams. Die Damen des Deutschen Ski-Verbandes (DSV) um die fünfmalige Weltmeisterin 2017 und „DSV-Skisportlerin des Jahres“, Laura Dahlmeier, waren im Spätsommer wieder da. In Martell haben sie an ihrer Form für den bevorstehenden Olympia-Winter gefeilt.

Ausdauer und Konzentration gefragt

Zwei völlig unterschiedliche Sportarten mit unterschiedlichen Anforderungen in Einklang zu bringen, das ist die Herausforderung beim Biathlon. Während des Laufens – im Winter mit Langlaufski, im Sommer mit Skirollern – müssen die Athleten körperlich an ihre Grenzen gehen und die Strecke so schnell wie möglich absolvieren. Oft erreichen sie dabei einen Puls von bis zu 180 Schlägen pro Minute. Wenn sie an die Schießanlage kommen, heißt es entspannen. Blitzschnell. Und den Schuss akkurat auf die  – 50 Meter entfernte – Scheibe bringen. „Das“, sagt Lisa Ratschiller und lacht, „geht nur über Training. Aber man gewöhnt sich mit der Zeit daran. Wir haben alle eine schnelle Regeneration.“

Selbsterfahrung beim „Gäste-Biathlon“

Was liegt näher, als beim Gäste-Biathlon Lisas Sport selbst auszuprobieren. „Am besten fangen wir mit dem Liegendschießen an“, meint sie. Das sei einfacher, weil man sich da abstützen könne und das Gewehr ruhiger in der Hand liege. Also: Körperspannung aufbauen – Einatmen – Ausatmen – und beim Ausatmen schießen. Dann geht’s auf die Piste. „Das mit den Skirollern lassen wie lieber“, meint Lisa schmunzelnd und schickt ihre „Biathlon-Lehrlinge“ zu Fuß auf die Strecke. Jetzt laufen, ein paar hundert Meter, so schnell es geht. Schießen. „Strafrunden“ (um den Mattenwagen) für jeden Fehlschuss. Dann das ganze von vorne. Vier mal. Puh … Das reicht. Je nachdem, wie doll man aus der Puste ist, fällt das Zielen (vor allem aber das Treffen) richtig schwer. Und das vier Kilogramm schwere Gewehr scheint beim Stehendschießen „Tonnen“ auf die Waage zu bringen …

Lisa Ratschiller begann mit sechs Jahren

Mit vier Jahren hat Lisa Ratschiller ihren ersten Langlaufkurs gemacht. Und als Sechsjährige beim ASV Martell mit Biathlon begonnen. „Wir haben etwa 20 Kinder unter 14 und zehn bis 15 über 14 Jahre, die Biathlon betreiben“, erzählt sie. Biathlon-Wettbewerbe gebe es in Italien seit kurzem für Kinder ab sieben Jahre, so die Südtirolerin. In Deutschland gibt es erste Wettkämpfe auf regionaler Ebene für die Altersstufe elf und jünger. Ab 13 kann man sich für den Deutschen Schülercup qualifizieren. Die jüngsten schießen mit Lasergewehren. Dann mit dem Luft- und schließlich (ab der Jugend 16) mit dem Kleinkalibergewehr; so wie die Erwachsenen.

Vor zwei Jahren Heimsieg in Martell

Als Schülerin erzielte Lisa Ratschiller, die in Bozen im dritten Semester Wirtschaft und Politik studiert („das Hauptaugenmerk gilt jetzt dem Biathlon“), einige Top-Resultate. Vor zwei Jahren, bei der Saisoneröffnung des „Italiencups“ in Martell, hat die Lokalmatadorin den Sprintwettbewerb der Jugend gewonnen. „Heimtriumph für nervenstarke Lisa“, titelte eine lokale Zeitung, von allen 143 Startern schaffte sie es als einzige, am Schießstand fehlerfrei zu bleiben. „Das Schießen ist mir schon immer leicht gefallen. Ich bin ehrgeizig, ich will treffen“,  macht Lisa Ratschiller deutlich.

Lisa Ratschiller (20) in Aktion: Während eines Wettkampfes im vergangenen Winter in Antholz. Ihr Ziel für kommende Saison ist die Qualifikation zur Junioren-WM. | Foto: privat

Südtirolerin war bei Winter-Universiade in Kasachstan

Auch bei der Winter-Universiade, den Weltsportspielen der Studenten, Anfang März in Almaty (Kasachstan) überzeugte sie im Schießen; beim Laufen tat sie sich schwer. „Da war ich nicht fit“, betont die Martellerin, die schon das Jahr 2016 krankheitsbedingt „abhaken“ musste. Ihren Platz im Landeswintersportverband Südtirol hat sie verloren. Bei ihrem Verein ASV Martell und der Sportschule Mals im Vinschgau arbeitet sie nun daran, wieder in den Landeskader zurück zu kommen – und „als nächste Stufe“, so Ratschiller, „den Sprung in den italienischen C-Kader zu schaffen“.

Ziel der 20-Jährigen aus Martell: Junioren-WM 2018

„Als nächstes geht es jetzt zum Höhentraining auf das Stilfserjoch“, so Ratschiller. „Ab dem 11. November haben wir auch in Martell eine Schneepiste.“ Und dann beginnt schon bald der neue Biathlon-Winter. Lisas Ziel? „Mich für die Junioren-Weltmeisterschaft zu qualifizieren“, sagt sie. Die findet im März in Estland statt. „Ich war schon oft nah dran. Jetzt wird es hoffentlich mal klappen, dass ich zeigen kann, was ich kann.“

Begriff: Das Wort Biathlon kommt aus dem lateinischen („bi“ = zwei) und griechischen („athlon“ = Athlet). Ursprünglich war Biathlon eher eine Überlebensstrategie (jagen von Beute auf Skiern) als ein Sport. Heute versteht man unter Biathlon eine Kombinationssportart, die Skilanglauf und Sportschießen vereint. Dabei ist Ausdauer (Langlauf) und Präzision (Schießen) gefragt.

Geschichte: Seit dem Jahr 1960 gehören die Biathlon-Männerwettbewerbe zum Programm der Olympischen Winterspiele. Die Frauen gaben erst 1992 ihr Olympiadebüt. Außerdem gibt es Weltmeisterschaften, den Biathlon-Weltcup, kontinentale sowie nationale Wettbewerbe. Seit 1988 wird Biathlon auch bei den Winter-Paralympics für Sportler mit Behinderung ausgetragen. –  In Deutschland ist ab den 1990er-Jahren das Publikumsinteresse rasant gewachsen, seit der Jahrtausendwende gehört Biathlon bei uns zu den populärsten Wintersportarten. Eine große Tradition hat Biathlon auch in Italien, vorwiegend in Südtirol.

Biathlon-Saisonhighlights 2017/2018: Erste Station des IBU (Internationale Biathlon Union) BMW World Cups in der Saison 2017/2018 ist am 24. November Östersund in Schweden. Insgesamt werden an neun Wettkampforten, darunter im Januar Oberhof und Ruhpolding,  36 Wettbewerbe ausgetragen. Das Weltcup-Finale ist ab 20. März 2018 in Tyumen (Russland). Die Ergebnisse der Olympischen Winterspiele in Pyeongchang (Südkorea),  die vom 9. bis 25. Februar 2018 stattfinden, fließen allerdings nicht in die Weltcup-Gesamtwertung  ein.

IBU-Cup: Sowohl bei den Damen als auch bei den Herren ist der IBU-Cup die zweithöchste internationale Wettkampfklasse des Winters nach dem Biathlon-Weltcup. Starter sind sowohl junge Athleten, die man langsam an den Weltcup heranführen möchte, aber auch erfahrene Athleten, deren Leistung nicht ausreicht um dauerhaft von ihrem Verband für die Weltcup-Mannschaft nominiert zu werden. Deshalb findet zwischen IBU-Cup und Weltcup – gerade bei den stärksten Nationen  – immer wieder ein Austausch zwischen Welt- und IBU-Cup statt. Vom 1. Bis 3. März 2018 macht der IBU-Cup auch in Martell (Italien) Station. Am 15./16. Dezember ist das Südtiroler Martell – wie schon vergangene Saison –  als Station in den „Deutschland-Pokal“ eingebettet.

Disziplinen: Es gibt im Biathlon Wettbewerbe für Männer und Frauen (Einzel, Sprint, Verfolgung, Massenstart), Staffeln und Mixed-Staffeln. Die Streckenlänge variiert je nach Disziplin zwischen 7,5 und 20 Kilometer. – Am Schießstand müssen fünf Schüsse auf die 50 Meter entfernte Scheiben abgegeben werden. Zuerst wird im Liegen geschossen, dann im Stehen. Der zu treffende Bereich einer Scheibe beträgt im Durchmesser 4,5 Zentimeter (Liegend-Schießen) beziehungsweise 11,5 Zentimeter (Stehend-Schießen). -Geschossen wird je nach Disziplin zwischen zwei und viermal. Pro Fehler (jede nicht getroffene Scheibe) muss der Biathlet eine Strafrunde laufen. Die ist meistens 150 Meter lang. Bei manchen Wettkämpfen gibt es keine Strafrunde, da bekommt der Athlet dann bei jedem Schießfehler sofort eine Minute auf die Laufzeit „aufgebrummt“.

Typen: Eine Biathlon-Legende ist Ole Einar Björndalen. Der 42-jährige Norweger gewann bei Weltmeisterschaften 20 Goldmedaillen und war acht Mal Olympiasieger. Nach den Winterspielen im März 2018 in Südkorea will er aufhören. Rekordweltmeisterin ist Magdalena Neuner (2007 bis 2012 zwölfmal Gold). Zweimal war die 30 Jahre alte Garmisch-Partenkirchnerin Olympiasiegerin. Bei der letzten WM im März in Österreich holte Laura Dahlmeier (24) vom SC Partenkirchen fünf Mal Gold in Serie – das hat vor der Bayerin noch kein anderer Biathlet geschafft!