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Neuer Social-Media-Hype

Hauptsache echt! Auf Be Real zeigen sich Menschen, wie sie wirklich sind

Ungefiltert und unretouchiert – so sollen sich Menschen auf Be Real zeigen. Wie funktioniert die derzeit meistgeladene kostenlose App und wie echt ist sie?

ARCHIV - 24.03.2017, Sachsen, Leipzig: Der Instagram-Star Pamela Reif macht ein Selfie auf der Buchmesse. Den Fotos der jungen Frau folgen 2,8 Millionen Menschen im Netz. (zu dpa: «Verhandlung um Werbung von Influencerin Pamela Reif auf Instagram» vom 23.01.2019) Foto: Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Immer perfekt: Instagram-Stars wie die Karlsruherin Pamela Reif überlassen bei ihrer Selbstdarstellung nichts dem Zufall. Die App Be Real will dazu einen Gegenpol setzen und zeigt Menschen, wie sie gerade sind. Foto: Jan Woitas picture alliance/dpa

Es ist ein schlimmer Moment im Leben eines Handy-Nutzers: Da lümmelt man gemütlich auf dem Sofa, scrollt sich auf Instagram durch die Glitzerwelt der Schönen und Superschönen, denkt an nichts Böses – und ganz plötzlich glotzt einem das eigene Gesicht entgegen.

Mit Doppelkinn, hängenden Mundwinkeln und höchst unzufriedenem Ausdruck. Wieder einmal hat sich aus unerfindlichen Gründen die Innenkamera aktiviert. Schnell weg mit dem unvorteilhaften Anblick und hoffen, dass es niemand sieht.

Andererseits – so sind echte Menschen nunmal. Im wahren Leben. Ohne Filter und stundenlange Selbstinszenierung. „Niemand sieht beim Bauchmuskeltrainung zu Hause vor dem Fernseher aus wie Pamela Reif und keiner isst jeden Abend perfekt gerolltes Sushi“, sagt Emilie Kühn.

Deshalb hat sich die Karlsruher Abiturientin die App „Be Real“ aufs Handy geladen. „Sie zeigt ein echtes Bild davon, wie man gerade aussieht und wo man gerade ist“, erklärt die 19-Jährige. Egal, ob ungeschminkt im Supermarkt oder im Urlaub in Florenz – dort allerdings dann bei strömendem Regen in der meterlangen Warteschlange vor dem Museum.

Gegenentwurf zu Instagram, TikTok und Co.

Als Gegenentwurf zu den bekannten Social-Media-Apps wie Instagram, TikTok und Co mit ihren perfekten Welten haben die beiden Franzosen Alexis Barreyat und Kevin Perreau im Dezember 2019 ihre eigene Plattform gebaut und auf den Markt gebracht. Be Real – sei echt – ist Name, Programm und Aufforderung zugleich.

„Ich war den Bullshit auf anderen Social-Media-Plattformen leid und habe meine eigene gegründet“, erklärt Alexis Barreyat auf seiner Linkedin-Seite. Viel mehr ist über die Gründer nicht zu erfahren. Mit ihrer Idee dürften sie allerdings Millionäre geworden sein. Amerikanischen Börsenanalysten zufolge soll die Plattform, die kostenlos ist und ganz ohne Werbung auskommt, aktuell über 600 Millionen Dollar wert sein. Tendenz steigend.

Screenshot Be Real
Beim Spülen, beim Radfahren oder im Supermarkt: Die App Be Real will echte Menschen in echten Situationen und nicht in inszenierter Perfektion zeigen. Damit trifft sie vor allem bei jungen Menschen einen Nerv. Foto: Screenshot Be Real / Rake Hora

Die Sehnsucht nach dem Unperfekten und dem Makel ist offenbar groß. Nach Angaben des Datenanalysedienstes Apptopia haben inzwischen über 43,4 Millionen Menschen die Anwendung auf ihren Handys installiert.

Besonders groß ist Be Real in Frankreich und den USA, aber auch in Deutschland ist sie seit Sommer die Nummer 1 der kostenlosen Apps. Besonders beliebt ist Be Real bei jungen Menschen wie Emilie, den Vertretern und Vertreterinnen der Generation Z – den Jahrgängen zwischen 1997 und 2012.

Die Funktionsweise ist denkbar einfach: Wer Be Real auf seinem Handy installiert hat, erhält einmal am Tag, zu irgendeiner Uhrzeit, die Aufforderung, ein Foto von sich zu posten. „Dann hat man zwei Minuten Zeit, das Bild zu machen und zu teilen“, erklärt Emilie.

Aufgenommen und gepostet werden immer zwei Fotos gleichzeitig. Das eine schießt die Selfie-Kamera, das andere die Außenkamera. Betrachter können also sehen, in was für einem Umfeld das Selfie entstand.

Keine Möglichkeit zur Bildbearbeitung

Unter der Funktion „Meine Freunde“ werden die Fotos nur im Freundeskreis geteilt. Ohne explizite Erlaubnis haben Fremde keinen Zugriff. Wer der Aufforderung nicht nachkommt und kein Foto von sich postet, kann auch die Bilder seiner Freunde nicht sehen. Möglichkeiten zur Bildbearbeitung gibt es bei Be Real nicht.

Wer mit einem Schnappschuss nicht zufrieden ist, kann ein neues Bild von sich aufnehmen. Allerdings ist dann für alle ersichtlich, wie oft ein Foto verworfen wurde. Auch eine Message-Funktion gibt es nicht. Freunde können lediglich mit einem RealEmoji – einem kleinen Selfie von sich – reagieren.

Keine Likes, keine Follower, keine Werbung – macht das Spaß? „Ich finde die App richtig gut“, sagt Emilie. Sie nutze Be Real nur einmal am Tag. Weil aber die Aufforderung zum Fotografieren jederzeit kommen kann, lässt sie ihr Gerät kaum aus den Augen.

„Außer, wenn ich schlafe. Da kann ich natürlich nicht antworten“, sagt sie. Am nächsten Morgen geht es aber auch noch. „Dann steht eben daneben, wie viel Zeit seit der Benachrichtigung vergangen ist.“

Der Karlsruher Social-Media-Experte Axel Petropoulos ist vom Hype um die App nicht überrascht. „In der ganzen Social-Media-Welt setzt sich die Erkenntnis durch, dass Fake nicht mehr gefragt ist. Das Reale kommt viel besser an als das Gefakte.“

Jugendschutz hat Bedenken

Obwohl sich Be Real als Alternative in der Debatte zu falschen Schönheitsidealen, Fakes und Suchtpotenzialen bei der Social-Media-Nutzung sieht, ist die App aus Sicht des Jugendschutzes nicht ganz unbedenklich. Vor allem die Standortfreigabe sehen die Macher der Seite www.jugendschutz.net kritisch.

„Einmal angenommen, wird die Standortinformation voreingestellt und muss jedes Mal aktiv ausgeschaltet werden.“ Hinterlegte Standorte könnten von allen Nutzern eingesehen werden. Auf diese Weise könne man sehen, an welchen Orten sich ein Nutzer regelmäßig aufhält. Auch sieht sich Be Real durch die strenge europäische Datenschutzrichtlinie nicht gebunden.

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