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Erinnerungen an die Königin

Mit ihrer legendären Ausstrahlung gewann die Queen nicht nur im Königreich sehr viele Herzen

Wer die britische Königin einmal in Person erlebt hat, konnte sich ihrer Ausstrahlung kaum entziehen, erinnert sich BNN-Autor Alexei Makartsev. Er berichtet aus seiner Zeit als London-Korrespondent.

Immer im Mittelpunkt: Die Queen gab früher oft und gerne Gartenpartys im Buckingham-Palast, für die sie meist Kleidung in ungewöhnlichen Farbtönen anzog, um in der Menschenmenge sofort aufzufallen.
Die Queen gab früher oft und gerne Gartenpartys im Buckingham-Palast, für die sie meist Kleidung in ungewöhnlichen Farben trug, um in der Menschenmenge sofort aufzufallen. Foto: John Stilwell / AFP

Die Queen trug Blau, als ich sie das erste Mal in Person sah. Knalliges Blau, das zum stahlgrauen Londoner Himmel an jenem Nachmittag so gar nicht gepasst hat. Ich stand hinter dem Palast und streckte den Hals, um die Königin erkennen zu können, die etwas weiter weg in einer Menschentraube verborgen war. Dann schritt ein Mann in Frack zur Seite und – zack, plötzlich leuchtete dieses schrille Blau auf. Mein Puls wurde schneller.

Hut, Anzug, Tasche, Schuhe, alles im gleichen Ton. Elizabeth II. lächelte eine junge Frau an, drehte sich langsam in meine Richtung, und ... einen Augenblick später war sie wieder verdeckt. An der Bewegung der Traube erkannte ich, dass die Palastchefin von ihren Ushers – den für die Konversationsregie zuständigen Höflingen – nicht in meine Richtung geführt wurde, sondern zu einer Dame mit einem skurrilen Vogelnest-Hut, die im Unterschied zu mir wohl etwas Bedeutendes geleistet hatte.

Benimmregeln für royalen Plausch

Dabei hatte ich für den unwahrscheinlichen Fall, der Queen gegenüber zu stehen, die Protokollregeln verinnerlicht: 1) Nicht ansprechen, 2) nach einer angedeuteten Verbeugung mit „Ihre Majestät“ beginnen, aber auf keinen Fall „freut mich, Sie kennenzulernen“ und 3) immer „Maam“ sagen. Lächerlich?

Nicht für einen London-Korrespondenten, zu dessen Jobbeschreibung es auch gehört hatte, die Familiendramen der Royals im Auge zu behalten, sich in den letzten Verästelungen des Windsor-Stammbaumes auszukennen, und, noch mitten in der Nacht geweckt, die favorisierte Gin-Marke der Königin aus dem Stegreif nennen zu können.

In meinen Jahren in London war ich mehrmals bei ihr „daheim“: um über Ausstellungen zu berichten, zweimal eingeladen von der Queen (besser gesagt, von der Protokollabteilung des Hofes) zu Gartenpartys und einmal zum Thronjubiläumsfest in brütender Hitze, bei dem wir den makellosen Rasen Ihrer Majestät ruinierten und Selfies vor ihrem auberginefarbenen Rolls Royce machten.

Palastmöbel millimetergenau ausgerichtet

Einmal führte mich eine junge Bibliothekarin durch den Palast zu der Stelle, an der Elizabeth II. mit dem Schwert ihres Vaters die verdientesten Bürger des Königreichs zu Rittern schlug. „Ich bin so stolz darauf, im Ballsaal der Queen als Führerin arbeiten zu dürfen“, sagte Valerie Carroll und verschob vorsichtig einen Sessel, damit er millimetergenau nach dem Teppichmuster ausgerichtet stand. Nicht, weil sie das machen musste. Valerie tat es aus dem Riesenrespekt vor der Königin und der uralten Institution, die sie verkörperte.

Ich sah sie zweimal live, in Blau und Pink. Die Kapelle spielte „God Save the Queen“. Beobachtet von gut 3.000 Augenpaaren, trank „Her Majesty“ Tee im „königlichen Teezelt“, dann schritt sie gemächlich die Menge ab. Ihr warmes Lächeln schien an ihrem Gesicht festgeklebt zu sein. Die Menge jauchzte beglückt. „Wo ist sie?“, fragte ein Gast, jemand sagte leise: „Dort drüben, die Lady in Pink.“

Ihre Ausstrahlungskraft war jedoch enorm. „Sie ist so klein, aber wunderbar“, sagte mir mit feuchten Augen ein Kriegsveteran mit einem Orden auf der Brust. Ich stimmte zu.

Die Königin sparte nicht an Essen

Beide waren wir beeindruckt, dass sich die damals 81-Jährige in den eineinhalb Stunden als Party-Gastgeberin nicht einmal hinsetzen musste. Nicht weniger beeindruckend war die Essensmenge, die sie auftischen ließ. Die Gurkensandwiches und Schokokuchen, garniert mit dem typisch britischen Smalltalk am Stehtisch („Es ist windig, nicht wahr?“ – „O ja, das ist es wirklich, nicht wahr?“) werde ich wohl nie vergessen.

Mein Sohn hat keine guten Erinnerungen an die Queen. Als Siebenjähriger war er einmal in seiner Londoner Grundschule per Los mit ausgewählt worden, um die Königin bei ihrem Besuch im Richmond Park begrüßen zu dürfen. Die Schüler bereiteten sich gründlich auf das Event vor, büffelten die Umgangsformen und machten sich schick. Am großen Tag froren sie stundenlang wartend im Nieselregen, umsonst. Die vorbeifahrende Monarchin vergaß es oder hielt es nicht für nötig, ihr Fenster kurz herunterzulassen, um den kleinen Zuschauern zuzuwinken.

Goldene Prunkbarkasse zieht Blicke an

Die Kinder wurden für diese Enttäuschung teils entschädigt, als vor dem Diamantenen Thronjubiläum im Sommer 2012 die königliche „Gloriana“ um die Ecke von unserem Wohnviertel auf der Themse geparkt wurde. Die edle Prunkbarkasse aus vergoldetem Holz und mit handgeknüpften Teppichen nach Vorbildern aus dem 18. Jahrhundert war ein Geschenk der dankbaren Nation an die Queen.

Später schauten wir im Fernsehen zu, wie die Königin und Prinz Philip auf der „Gloriana“ eine gigantische Flussparade aus rund 1.000 Schiffen quer durch London anführten. Es gab Musik, Glockengeläut und Feuerwerke. Zum Abschluss der Jubiläumsfeier stand sie mit ihrem Sohn auf dem Palastbalkon. “Ihre Majestät...” Prinz Charles schaute verlegen auf seine Füße, setze vor dem Mikrofon nochmal an: „Ihre Majestät, Mami...“ Unter den Zuschauern auf der Mall brach Jubel aus.

Dankbare Nation zollt Tribut

Die Queen sah vor sich ein Meer aus Köpfen und Flaggen, das bis zum Admiralsbogen in der Ferne reichte. Wohl weit mehr als 100.000 Menschen standen hier, um der Krone zu huldigen und gemeinsam die Nationalhymne zu singen. Über den Palast donnerten alte Kriegsflugzeuge hinweg, die Kunststaffel der „Red Arrows“ färbte den Himmel in die Nationalfarben rot, weiß und blau.

Elizabeth II. schaute minutenlang wortlos, sprachlos auf ihre beschwingten Untertanen. Und dann funkelten fröhlich die Augen der Lady im goldglitzernden Kleid. Die Seniorin lächelte dankbar, drehte sich um und ging weiter regieren. Ihr blieben noch zehn Jahre.

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