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Zum Tod der Königin

Das Leben von Queen Elizabeth II. – ein Nachruf

Mit dem Tod der Queen geht eine Ära zu Ende. Nachfolger ist Prinz Charles. Ein Nachruf von Alexei Makartsev.

Königin Elizabeth II. scheint es gesundheitlich nicht gut zu gehen.
Königin Elizabeth II. ging zuletzt gesundheitlich nicht gut zu. Foto: Jane Barlow/Pool PA/dpa

Queen Elizabeth II. begründete einmal ihre Vorliebe für Kleider, Hüte und Taschen in schrillen Farben mit dem Wunsch, überall sofort erkannt zu werden: „Ich muss gesehen werden, damit man an mich glaubt.“ Es wird jetzt manchen Briten sehr schwer fallen, zu glauben, dass sie die zierliche, immer freundlich lächelnde, scheinbar unermüdliche Frau mit schneeweißem Haar nie wieder erleben werden.

Die Rekord-Monarchin des Vereinigten Königreichs ist mit 96 Jahren gestorben, lange nachdem sich bei ihren Landsleuten ein beruhigendes Gefühl eingestellt hatte, ihre unverwüstliche Queen könnte vielleicht ewig da sein und ihrem Land zuverlässig dienen – so wie die Uhr am Londoner Big Ben, die jede Viertelstunde schlägt.

Für einen großen Teil der britischen Nation, der nie ein andere Staatsoberhaupt gekannt hat, war Elizabeth II. ein solch fester und vertrauter Bestandteil des Alltags wie das Teetrinken, der englische Nieselregen und der ständige Wechsel der Jahreszeiten.

Briten wuchsen mit der Königin auf

Unzählige Briten wuchsen auf mit dem Profil der Königin auf Briefmarken und Münzen, mit ihren jährlichen zeremoniellen Militärparaden, den Gartenpartys im Palast, den festlichen Fernsehgrüßen zu Weihnachten und den Thronreden bei der Eröffnung jeder neuen parlamentarischen Saison.

Ihr Tod wird deshalb viele Inselbewohner erschüttert haben. Er dürfte in ihnen das Gefühl einer großen Leere hinterlassen. Unterdessen können die Historiker endlich einen Schlussstrich unter die zweite elizabethanische Epoche Britanniens ziehen. Es gibt einen Konsens darüber, dass die Queen in Zeiten großer Veränderungen die britische Gesellschaft geeint, die altehrwürdige Monarchie fit für das 21. Jahrhundert gemacht und als Oberhaupt des Commonwealth aus 56 Staaten mit rund 2,5 Milliarden Einwohnern die globale Politik mitgeprägt hat.

Königin Elizabeth II. ist im Alter von 96 Jahren gestorben.
Königin Elizabeth II. von Großbritannien ist tot. Foto: Victoria Jones/PA Wire/dpa

All das war noch nicht absehbar, als am 21. April 1947 eine attraktive junge Frau mit schulterlangen dunklen Haaren mit fester Stimme in die Fernsehkamera sprach: „Ich erkläre hier vor euch allen, dass ich mein ganzes Leben, mag es lang oder kurz sein, in euren Dienst stellen werde.“ Mit 21 Jahren hatte Elizabeth ihrem Land und dem damaligen Imperium einen Schwur geleistet, den sie stoisch und mit eisernem Willen bis zu ihrem letzten Tag befolgt hat.

Es ist dieses außergewöhnliche Pflichtbewusstsein, das alle Biographen der Königin hervorheben. Doch wo kam es her? Die älteste der zwei Töchter von George VI. und dessen Ehefrau Elizabeth hatte bereits mit 13 Jahren den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges erlebt. 1941 hielt sie ihre erste öffentliche Rede, eine patriotische Radioansprache in der BBC, gerichtet an die evakuierten Kinder in England.

Dabei weigerte sich die Königsfamilie selbst, ungeachtet der deutschen Bombardements, im sicheren Kanada Zuflucht zu suchen. Die Eltern der Prinzessin (Kosename: Lilibet) wollten vielmehr in harten Zeiten an der Seite ihres Volkes gesehen werden. Leutnant Elizabeth Windsor wurde im Krieg als Lkw-Fahrerin und Automechanikerin ausgebildet. Viele Jahre später schrieb eine Zeitung anerkennend, sie sei die einzige Monarchin in der britischen Geschichte, die ohne fremde Hilfe Reifen und Zündkerzen wechseln könne.

1939 lernte Elisabeth ihren zukünftigen Ehemann Philipp als Kadetten der Königlichen Marineschule kennen. Das Paar heiratete 1947, nachdem sich Leutnant Mountbatten in Kampfeinsätzen Ruhm und Ehre verdient hatte. Die jungen Royals genossen fünf Jahre lang ein halbwegs normales Eheleben, ehe Philip auf einem Safaritrip in Kenia 1952 seiner Frau eine traurige Nachricht überbringen musste. König Georg VI. war gestorben, sie war somit die neue Queen: „Elizabeth die Zweite, von Gottes Gnaden Königin des Vereinigten Königreiches Großbritannien und Nordirland und ihrer anderen Königreiche und Territorien, Oberhaupt des Commonwealth, Verteidigerin des Glaubens.“

1953 als Königin gekrönt

Nach einer einjährigen Trauer- und Vorbereitungszeit wurde die 38. englische Monarchin am 2. Juni 1953 in der Westminster-Abtei gekrönt. 27 Millionen Briten schauten während der ersten derartigen Live-Übertragung zu, wie die 2,2 Kilogramm schwere St. Edward-Krone auf Elizabeths Haupt gesenkt wurde. Die politische Last auf den Schultern der unerfahrenen 27-Jährigen wog ungleich schwerer.

Als Elizabeth Staatsoberhaupt wurde, hatte im Kreml noch Stalin das Sagen. Doch der Zerfall des Empire hatte bereits begonnen. Die Welt stand vor großen Umbrüchen, und auch im Vereinigten Königreich, wo noch die Todesstrafe galt und Homosexuelle verfolgt wurden, kündigten sich gewaltige gesellschaftliche Veränderungen an. „Lasst uns hoffen, dass heute ein neues elizabethanisches Zeitalter beginnt, das nicht minder ruhmreich sein wird als das erste“, sagte 1953 der damalige Premier Clemens Attlee. Sie hat die großen Erwartungen nicht enttäuscht.

Queen Elizabeth verspürt weiterhin leichte erkältungsähnliche Symptome.
Queen Elizabeth in einem geb Foto: Steve Reigate/Daily Express/PA Wire/dpa

Elizabeth II. hat es geschafft, durch die Transformation der Royals den Wert der konstitutionellen Monarchie zu steigern – nicht nur in den Augen ihrer Landsleute, sondern auch der Menschen in den Commonwealth-Staaten. Das geschah teils durch größere Volksnähe, durch die Öffnung und Demokratisierung des Königshauses, das den gepflegten Rasen des Buckingham-Palastes auch von Normalsterblichen zertrampeln ließ, den Medien einen relativ großzügigen Zugang zum Leben der Blaublüter gewährte und sich in neuer Bescheidenheit geübt hat.

Elizabeth, die angeblich selbst ihr Essen in Tupperdosen packte und im Palast umherging, um alle überflüssigen Lichter auszuschalten, gab den Ton der Moderne bei den Windsors an. So wie die pflichtbewusste Königin viele Jahre lang klaglos ihre Routine aus jährlich etwa 300 Auszeichnungen, Staatsempfängen, Schul- und Krankenhausbesuchen, Einweihungen, Ehrungen, Konferenzen und anderen Terminen absolvierte, musste auch jedes andere Familienmitglied unermüdlich dem Volk dienen.

Staatschefin, Oberbefehlshaberin und zusätzliche Pflichten

Die Queen hatte als Staatschefin und Oberbefehlshaberin der Streitkräfte noch zusätzliche Pflichten: Sie unterzeichnete Gesetze, verkündete im Parlament die Regierungsprogramme und – obwohl politisch strikt neutral – beriet britische Premierminister. Fünfzehn von ihnen hat sie in ihrer langen Zeit auf dem Thron erlebt, viele schätzten ihre wöchentlichen Audienzen im Palast.

„Sie hat schon alles gesehen und gehört und kann brillante Fragen stellen, die dich zum Nachdenken zwingen“, erzählte einmal der frühere Premier Cameron. Der heutigen Regierungschefin Liz Truss - gerade erst durch die Queen ins Amt eingeführt - war diese Möglichkeit nicht vergönnt.

Die Royals kosten jeden Briten umgerechnet weniger als einen Euro im Jahr, dabei generiert das Königshaus als einer der größten Tourismusmagnete der Welt jährlich je nach Schätzung 500 Millionen bis mehrere Milliarden Euro Einnahmen für Großbritannien. Als unschätzbar sehen Fachleute jedoch den psychologischen Effekt der elizabethanischen Monarchie für das Land: Die Queen verlieh dem Königreich über Jahrzehnte Stabilität und diente den Briten als Symbol der Kontinuität in einer sich schnell verändernden Welt. Sie gab ihren Landsleuten in den Worten eines Premiers große Zuversicht als „ständiger Anker, der allen Stürmen getrotzt hat“.

Dabei musste Elizabeth auch manche persönliche Rückschläge hinnehmen und Krisen in ihrer Familie meistern. Im Jahr 1992 – die Königin nannte es selbst „annus horribilis“, das „schreckliche Jahr“ – brannte das Windsor Castle, trennte sich Prinz Andrew von Sarah Ferguson, wurde die Scheidung der Prinzessin Anne rechtskräftig und sorgte die scheiternde Ehe von Charles und Prinzessin Diana für bissige Schlagzeilen. Die Queen konnte nicht verhindern, dass das strahlende Ansehen der Royals einige Kratzer abbekam.

Rückzug in Schloss Balmoral

Die Krise brach mit voller Wucht über das Haus Windsor ein, als Elizabeth den Fehler machte, sich nach Dianas Unfalltod 1997 in das schottische Schloss Balmoral zurückzuziehen und das Begräbnis der „Prinzessin der Herzen“ als eine rein private Angelegenheit zu betrachten. Die bestürzte Nation prangerte die angebliche Kaltherzigkeit der Monarchin an und verlangte einen großen Staatsakt für Diana. Die Queen lenkte schließlich ein und zog aus diesem Tief eine Lehre: Nie wieder sollte ihre Familie als volksfern angesehen werden.

Zudem wurde fortan die Berichterstattung über das Königshaus bis ins Detail geplant und penibel gesteuert – sehr zur Freude der Presse, die im Gegenzug einen deutlich offeneren Zugang zu den jüngeren Royals bekam. Die medial clever in Szene gesetzte „Traumhochzeit“ von William und Kate und die Geburten deren Kinder strahlten in Folge auf die glückliche Großmutter ab.

Königin Elizabeth II. auf Schloss Balmoral.
Foto: Jane Barlow/Pool PA/AP/dpa

Elizabeth erlebte einen ihren größten Triumphe während der internationalen Feiern des „diamantenen Thronjubiläums“ 2012, als das ganze Commonwealth den unerschütterlichen „Felsen“ an der Spitze der Monarchie pries und die ohnehin nicht sehr präsenten Republikaner in London fast völlig verstummten. Die britische Nation dankte ihrer Königin mit einer vergoldeten Prachtbarkasse und einer riesigen Schiffsparade auf der Themse bei kühler Witterung, die der damals 91-jährige Prinz Philip mit einer Blasenentzündung bezahlen musste.

Elizabeth stellte zu Lebzeiten zahlreiche Bestleistungen anderer Monarchen in den Schatten. Sie blieb nicht nur länger auf dem Thron als die legendäre Rekordhalterin Victoria, sondern sie beantwortete auch angeblich mehr als 3,5 Millionen Briefe, unternahm mehr als 250 Staatsbesuche in über 100 Länder und saß als Modell für mehr als 130 offizielle Porträts.

Insgesamt mehr als eine Million Menschen besuchten die berühmten Gartenpartys der Queen im Palast – auch der Autor dieser Zeilen. Viele Korrespondenten in London dürften über dieses Paradoxon gegrübelt haben: Die Königin war weltberühmt und omnipräsent, sie musste in all den Jahrzehnten mehr Menschen getroffen haben als es Päpste, Präsidenten und Popstars tun. Und trotzdem wusste man relativ wenig über die zurückhaltende Privatperson Elizabeth.

Aufwachen mit Dudelsackmusik

Die Monarchin wachte jeden Morgen auf zur Musik ihres persönlichen Dudelsackspielers – das erzählten zumindest „wohlinformierte Quellen“ im Palast. Sie trank immer vor dem Mittagessen einen Schluck Gin mit Dubonnet. Sie schaute gerne bei Pferderennen zu, wettete aber nie. Sie nahm es dem Herzog von Edinburgh nicht übel, wenn er sie „Würstchen“ nannte. Sie fuhr auch im hohen Alter gerne in den königlichen Parks am Steuer ihres Jaguars. Und sie war angeblich eine leidenschaftliche Fotografin.

Zum Ende ihres langen Lebens hin störte sich Elizabeth jedoch daran, dass bei ihren öffentlichen Auftritten alle nur noch Selfies mit der Queen machen oder ihr zum Knipsen die Handys entgegen strecken würden. „Ihre Majestät vermisst den Augenkontakt mit ihren Landsleuten“, hörte man aus dem Palast. Spätestens dann wurde vielen Briten klar, dass die am längsten regierende Königin der Weltgeschichte mit den neuen Zeiten nicht mehr mithalten konnte und wollte. Noch schmerzlicher soll Elizabeth laut Kennern der königlichen Familie ihren treuen Gefährten Philipp vermisst haben, der im April 2021 im Alter von 99 Jahren starb.

An ein ruhiges Leben als Pensionärin hat Elizabeth angeblich nie gedacht. Und so beantworteten die Palastquellen immer wieder die Fragen von Journalisten nach einem möglichen Rücktritt der Queen mit dem Satz: „Lebenslänglich heißt für sie wirklich lebenslänglich“. Sie hatte es ihrem Volk versprochen und ihr Versprechen jetzt erfüllt.

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