Skip to main content

Versunkener Schatz

Schiffs-Schrott für Reisen ins Weltall? KIT-Forscher erklärt Wirkung von strahlungsarmen Stahl

Seit den Atombombenexplosionen 1945 und den späteren Atomtests ist die Welt ein wenig radioaktiv verseucht. Das bereitet den Physikern Probleme, die sensible Messungen vornehmen. Für ihre Detektoren nutzen sie das strahlungsarme Metall von alten Kriegsschiffen.

Das deutsche Kriegsschiff SMS Derfflinger sank wie der Rest der Kaiserlichen Hochseeflotte im Juni 1919 in der schottischen Bucht Scapa Flow. Der Stahl der deutschen Wracks ist strahlungsarm und deswegen bei Physikern beliebt. Foto: Ken Welsh via www.imago-images.de imago images/Design Pics

An einem schönen Sommertag im Jahr 1919 macht eine schottische Schulgruppe einen Bootsausflug zwischen den Orkney-Inseln, als etwas Merkwürdiges passiert. Die Kinder wollen die Kaiserliche Hochseeflotte des Deutschen Reiches sehen, die seit Monaten in der malerischen Bucht Scapa Flow ankerte. Deutschland hatte den Krieg im Jahr zuvor verloren, Flotte samt Besatzung befanden sich nun in britischer Internierung.

Statt die Schiffe des Feindes von gestern von fern zu besichtigen, erlebten die Kinder jedoch, wie die deutschen Schlachtschiffe, Kreuzer, Zerstörer und Torpedoboote sich plötzlich tiefer ins Wasser legen, Schlagseite bekommen und sinken.

Nach nur wenigen Stunden hat die maritime Streitmacht des Kaiserreichs aufgehört zu existieren. Insgesamt 74 Schiffe finden an jenem 21. Juni kampflos ihr Ende. Die meisten sinken auf den Grund des 15 mal 12 Kilometer großen Naturhafens, einige wenige werden von der Royal Navy gerade noch rechtzeitig in flacheres Gewässer abgeschleppt. Die deutschen Matrosen bringen sich in Rettungsbooten in Sicherheit, acht Seeleute werden aber getötet.

Hobby-Historiker geht der Geschichte der versunkenen Flotte nach

Knapp 90 Jahre später ärgert sich Rainer Tröndle aus Waghäusel über eine zugeschickte CD mit Lernmaterialien über das Kaiserreich. Der Leiter des Medienzentrums des Landkreises Karlsruhe interessiert sich für Militärgeschichte. Tröndle will die Informationen vom Datenträger im Unterricht einsetzen, doch die Texte enthalten Fehler. Und so macht er sich selbst an die Arbeit. Er besorgt sich Fachbücher, fährt auf die Orkneys und schreibt einen wissenschaftlichen Aufsatz zum Thema „Rüstung der Seemächte”. Die Geschichte der versunkenen Flotte in Scapa Flow lässt den Hobby-Historiker seitdem nicht mehr los.

„Es war eine geheime Operation des Admirals Ludwig von Reuter”, erzählt der inzwischen pensionierte Hauptschullehrer im Gespräch mit den BNN. „Die Schiffe waren im Flow interniert, während in Versailles die Friedensverhandlungen liefen. Von Reuter gab eigenmächtig den Befehl zur Selbstversenkung, damit die Kriegsbeute dem Feind nicht in die Hände fiel.”

Der Admiral wurde in der Heimat als ein Held gefeiert. Tröndle nennt jedoch dessen Überraschungsaktion unklug: „Die Briten konnten mit der Flotte ohnehin nichts anfangen. Und Deutschland musste den Kriegsgegnern als Ersatz Werftausrüstung liefern, die es selbst gebraucht hat”.

Hochwertiger Stahl am Meeresboden

Der spektakuläre Untergang an Schottlands Küste vor 101 Jahren ist nicht nur für die Historiker interessant. Der Schatz in der Bucht Scapa Flow lässt heute auch die Herzen von Ingenieuren und Physikern höher schlagen. Hunderttausende Tonnen hochwertigen Stahls aus dem vornuklearen Zeitalter, der frei von Radioaktivität ist: Dieses spezielle Material - In der Fachsprache „low background steel” genannt - eignet sich besonders zur Abschirmung von sensiblen Messgeräten, die in der Medizin, dem Satellitenbau, für die Herstellung von Geigerzählern und in der Teilchenphysik genutzt werden.

„Bei den Bombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki 1945 und in den weiteren überirdischen Atomtests entstanden Radionuklide, die sich seitdem durch die Luft überall verbreitet haben. Sie sind für Menschen in ihrer Verdünnung nicht gefährlich. Aber deren Strahlung stört empfindlich die Detektoren, die wir nutzen, um ganz seltene Prozesse nachzuweisen.” Thomas Müller, Direktor am Institut für Experimentelle Teilchenphysik beim KIT, geht davon aus, dass das Material der versunkenen Schlachtschiffe auch dazu genutzt werden könnte, um eines der größten Geheimnisse der Gegenwart zu lüften – das Wesen der Dunklen Materie.

Auf der Suche nach einem großen Rätsel

„Auf ihrer Reise durch unsere Galaxie trifft die Erde jeden Augenblick auf eine Art unsichtbares, ruhendes Gas, das alles durchdringt – die Dunkle Materie. Wir glauben fest daran, dass es sich bei ihr um Teilchen handelt, aber ihre Eigenschaften sind völlig unbekannt”, erzählt Müller. Um das Rätsel zu lösen, nutzen die Physiker zum Beispiel das verflüssigte Edelgas Xenon in einem Detektor.

„Xenon ist eine kalte schwere Flüssigkeit, die im Detektorgehäuse ruht. Sollte ein Teilchen der Dunklen Materie einen Xenon-Kern treffen, gibt es ein elektrisches Signal und einen Lichtblitz”. Um auszuschließen, dass Radioaktivität das Signal erzeugt, könne die Umhüllung des Detektors aus dem alten, strahlungsarmen Stahl gefertigt werden, so der Teilchenphysiker.

Das KIT beteiligt sich derzeit an der Planung des internationalen Experiments „Darwin”, bei dem eine mit 50 Tonnen flüssigen Xenons gefüllte Messkammer tief in einem Bergmassiv die unsichtbaren Teilchen nachweisen soll. Für den Bau der Kammer soll auch hochreines Metall verwendet werden.

Alte deutsche Wracks wurden bei Schottland geborgen

Zwar können Forscher grundsätzlich den „low background steel” selbst herstellen, doch es ist oft billiger, die vor 1945 gesunkenen Stahlschiffe zu bergen und ihr Material zu benutzen. Die Überreste der deutschen Armada an der Küste der Orkneys liegen in 50 bis 100 Meter tiefe und sind relativ leicht erreichbar. „Zwischen 1923 und 1939 wurden etliche Schiffe gehoben und abgewrackt, darunter 30 Torpedoboote und der Schlachtkreuzer ,Hindenburg’”, erzählt Rainer Tröndle. „Seitdem wurde aus der Scapa Flow bei Bedarf immer wieder deutscher Stahl herausgeholt.”

Nach unbestätigten Informationen sollen die Überreste der Kaiserlichen Hochseeflotte es sogar bis ins All geschafft haben. Es wird darüber spekuliert, dass die US-Raumfahrbehörde Nasa das spezielle Metall von deutschen Schiffen in ihrem ersten künstlichen Erdsatelliten Explorer 1 verbaut haben könnte.

Oder sogar in den berühmten Voyager-Sonden, die seit mehr als vier Jahrzehnten zu fernen Welten fliegen. Offiziell wurde dies aber von den USA nie bestätigt.

nach oben Zurück zum Seitenanfang