Unheimliche Begebenheiten: Die Mitarbeiter der Parapsychologischen Beratungsstelle in Freiburg haben es täglich mit Spuk zu tun. Nicht immer ist er übersinnlicher Natur. | Foto: icephotography/Adobe Stock

Bei den Freiburger Spukjägern

Die Geister, die wir rufen

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Die ältere Dame, die manchmal durch Karins Wohnung geisterte, war den Bewohnern des Mietshauses im Norden der Stadt sehr wohl bekannt. Kurze, graue Haare, leicht gebückter Gang, Brille und meistens in dunkler Hose und einer Bluse mit großer Schleife unterwegs – kein Zweifel, das konnte nur Frau W. aus dem dritten Stock sein. Karin hätte über die Präsenz der Seniorin in ihrer Wohnung auf eine Weise also ganz beruhigt sein können. Immerhin war sie keine Unbekannte. Dumm nur, dass Frau W. bei ihrer ersten Begegnung mit Karin längst tot war. Vor einigen Wochen schon hatte sich die immer wieder unter schwersten Depressionen leidende Dame das Leben genommen. Ihre Wohnung wurde ausgeräumt, von Grund saniert und schließlich neu vermietet. An Karin.

Tote geistert durch die Wohnung

Dass die junge Frau aus der Nähe von Heidelberg, ihren wirklichen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen mag, ist verständlich. Dabei hat die gelernte Einzelhandelskauffrau eigentlich kein Problem damit, ihre unglaubliche Geschichte zu erzählen. „Aber ich mache das nur noch bei Leuten, die ich näher kenne und die wissen, dass ich nicht komplett verrückt bin“, sagt sie.

„Bitte, halten Sie mich nicht für verrückt!“

Die Angst nicht ernst genommen zu werden ist für die Anrufer bei der Parapsychologischen Beratungsstelle in Freiburg das zweitgrößte Problem. Sandra Pohl und Manuela von Lucadou erleben das täglich. Telefongespräche mit den beiden Mitarbeiterinnen der deutschlandweit einzigartigen Einrichtung für die Hilfe bei unerklärlichen Phänomenen und unheimlichen Begebenheiten beginnen meist mit ein und demselben Satz: „Bitte, halten Sie mich nicht für verrückt.“ Dies gesagt, sprudelt das eigentliche Problem aus den Anrufern heraus. Von nächtlichen Klopfgeräuschen ist die Rede, einem unheimlichen Flüstern, das manchmal aus der Küche eines ganz gewöhnlichen Hauses zu vernehmen ist, von Wasserhähnen, die sich plötzlich ganz von selber aufdrehen oder von schemenhaften Gestalten, die am Fußende eines Bettes stehen und durch die Wand wieder verschwinden.

Beratungsstelle in Freiburg

Die Geschichten, die Sandra Pohl und Manuela von Lucadou schon gehört haben, würden Gruselfans in dunklen Nächten am Lagerfeuer einen wohligen Schauer über den Rücken jagen. Aber für die studierte Pädagogin Pohl und die Ethnologin von Lucadou haben die Berichte keinen Unterhaltungswert. Meistens sind sie Abbilder des Seelenlebens eines Anrufers, Ausdruck seiner Sorgen und Nöte.
Wer sich endlich dazu durchringen kann in Freiburg anzurufen, hat meist schon eine lange Leidensgeschichte hinter sich. Der hat erst an seiner Wahrnehmung, dann an seinem Verstand gezweifelt und sich in manchen Fällen sogar von Freunden und Familie zurückgezogen, weil die mit der immer größer werdenden Verzweiflung des von einem unheimlichen Phänomen Heimgesuchten nichts mehr anfangen konnten.

Ein Flüstern in der Küche

So geschehen im Fall des Mannes mit dem unheimlichen Flüstern in der Wohnung. Nach Wochen rieten ihm seine genervten Freunde, endlich einen Arzt aufzusuchen. Doch auch der konnte die Stimmen nicht erklären. Eine Schizophrenie wenigstens schloss der Mediziner aus. Erst Walter von Lucadou, der Leiter der Freiburger Beratungsstelle, kam dem seltsamen Phänomen auf den Grund. Der zweifach promovierte Physiker und Psychologe fand nach kurzer, aber intensiver Recherche eine ganz handfeste Erklärung für das Phänomen: In der Nähe der Wohnung des vermeintlich Verrückten befand sich ein Sendemast für Radiowellen. Immer, wenn der Wohnungsinhaber seinen Teekessel auf den Herd setzte und diesen anmachte, fungierte der alte Pott als Empfänger für das Rundfunksignal. Zu schwach, um das Gesendete gut verständlich zu machen, aber stark genug, um als undeutliches Flüstern wahrgenommen zu werden.

Deutschlands erfolgreichster Geisterjäger

Es sind Geschichten wie diese, die Walter von Lucadou den Ruf als „Deutschlands erfolgreichster Geisterjäger“ eingebracht haben. Der „Ghostbuster aus dem Schwarzwald“ titelte einst eine Zeitung und unweigerlich stellt man sich einen hektischen Typen im beigefarbenen Overall vor, der Erste-Hilfe-mäßig mit einem Notfallkoffer voll piepsender und blinkender Messgeräte zum Ort eines Spuks eilt. Aber der inzwischen 72-jährige ist genau das Gegenteil. Nur die alte Villa in der Freiburger Hildastraße, in der die 1988 gegründete und vom Land finanzierte Beratungsstelle untergebracht ist, erfüllt ein paar Klischees. Von den dunklen, holzvertäfelten Wänden blicken aus alten, leicht vergilbten schwarz-weiß Fotografien bedeutende Forscher und Vordenker aus Physik, Psychologie und Parapsychologie auf den Besucher herab, der auf einer staubigen Antiquität von Sofa Platz nimmt. Hans Bender führt die Ahnenreihe an. Der 1907 in Freiburg geborene Parapsychologe gilt als Ikone der Spukforschung. 1950 gründete er das Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene. Von Lucadou, der sich schon als ganz junger Mann für Spukphänomene zu interessieren begann, wurde sein eifrigster Schüler.

Deutschlands erfolgreichster Geisterjäger: Der promovierte Psychologe und Physiker Walter von Lucadou. / Foto: Patrick Seeger | Foto: dpa

Alte Villa in Freiburg

Auch mit über 70 lässt ihn die Faszination für das Thema nicht los. Wenn Lucadou nicht in der alten Villa in der Hildastraße ist, reist er im Namen seiner Wissenschaft zu Kongressen auf der ganzen Welt. Der Mann mit dem grauen Haar, dem Bart und der Brille strahlt eine tiefe Seriosität aus. Die färbt auch auf seinen Fachbereich ab und wer sich mit Lucadou oder seinen Mitarbeitern unterhält, hat keine Zweifel mehr an der Sinnhaftigkeit der Einrichtung, die sich im Grunde ja mit Dingen beschäftigt, die es eigentlich gar nicht gibt.
Oder vielleicht doch? Sandra Pohl und Manuela von Lucadou, die Schwiegertochter des großen Meisters, schütteln synchron die Köpfe. Nein! Geister, Dämonen, Kontakte ins Jenseits – die gibt es ganz sicher nicht. Aber Spukphänomene, die gibt es zu Hauf in unserer ach so aufgeklärten Welt. Umfragen bestätigen das. Fast 70 Prozent aller Deutschen geben an, schon einmal eine Erfahrung gemacht zu haben, die sie sich nicht erklären können. Sie berichten von Zufällen, die unmöglich Zufälle sein können und von unerklärlichen Wahrnehmungen aller Art. Am weitesten verbreitet ist aber der Spuk, bei dem sich eine sehr vertraute Person kurz vor dem Tod oder noch auf dem Totenbett von räumlich entfernten Lieben verabschiedet. Sei es durch eine Uhr, die plötzlich stehen bleibt, ein Bild, das von der Wand fällt oder durch eine körperliche Erscheinung.

70 Prozent aller Deutschen haben Spuk erlebt

Auch bei der Freiburger Beratungsstelle berichten viele der rund 3 000 Anrufer pro Jahr von solchen Begebenheiten. Das Team um Walter von Lucadou wird den Teufel tun, die Erlebnisse in Frage zu stellen. Zuhören lautet die oberste Devise bei der Jagd nach den Geistern und Dämonen, die einen Anrufer plagen. In der Beratungsstelle braucht es keine Beweise für einen Spuk. „Es gehört ohnehin zu seinem Wesen, das man ihn nur schlecht nachweisen oder reproduzieren kann“, sagt Sandra Pohl.

Der Steinspuk

Nur in ganz seltenen Fällen, begibt sich Walter von Lucadou vor Ort, um ein Spukphänomen zu untersuchen. Einer seiner bekanntesten Fälle ist der des Mannes, in dessen Haus unzählige Steine durch die Gegend flogen. Unter den Augen der verständigten Polizisten wurden eimerweise Kiesel aus dem Haus geschleppt. „Als Walter dort war fiel sogar ein Stein in seine Suppe“, erinnert sich Sandra Pohl. Er hatte ihn nicht geworfen, der Mann hatte ihn nicht geworfen, sonst war niemand im Raum. Wie kann das sein?
Nicht immer liegt die Erklärung so klar und sauber auf der Hand wie im bereits beschriebenen Fall vom Teekessel. Walter von Lucadou kann bis heute nicht genau erklären, wie es zum Steinschlag kam. Eine Theorie hat der Physiker zwar, aber sie stammt aus dem Bereich der Quantenphysik und ist so kompliziert, dass eine Zeitungsseite wohl kaum ausreichen würde, sie halbwegs nachvollziehbar zu machen. „Das Wie eines Spuks ist aber auch nicht entscheidend. Entscheidend ist, dass wir den Leuten helfen konnten“, ist Walter von Lucadou überzeugt.

Nachricht aus dem Totenreich?

Wie also helfen? „Für jeden Spuk gibt es auch einen Grund“, sagt von Lucadou. Vereinfacht ausgedrückt, sind Spukphänomene wie Magengeschwüre, die man von zu viel Stress bekommt. Eine psychosomatische Reaktion. Aber eine, die außerhalb des eigenen Körpers stattfindet. Das Problem äußert sich als Störung der Umgebung. Bei der Suche nach den Ursachen kommt die Psychologie ins Spiel. Im Fall des „Steinspuks“ führte die Spur zur 14-jährigen Tochter des Hauses. Sie war zu einer Art Aschenputtel-Dasein verdammt, musste Putzen und für Ordnung sorgen. „Mit den Steinen hat sie das konterkariert“, erklärt Assistentin Pohl.
Die Mitarbeiter der Beratungsstelle haben gelernt, einen Spuk so zu interpretieren, wie man auch einen Traum deuten würde. Ähnlich wie beim Steinspuk verhielt es sich auch im Fall des Wasserspuks. „Eine Frau rief uns an, weil in ihrer Wohnung immer wieder Wasser lief“, berichtet Manuela von Lucadou. Mal lief die Badewanne voll, mal ein Waschbecken und all das, ohne dass die Bewohnerin je einen Hahn aufgedreht hätte. „Wir haben in langen Gesprächen herausgefunden, dass die Frau vor Jahren schon eine nahe Verwandte verloren und die Trauer nie richtig aufgearbeitet hatte.“ Ihre Mutter war im Gartenteich ertrunken.
Walter von Lucadou hat in seiner langen Erfahrung mit den seltsamsten Phänomenen aller Art eines gelernt: Ein Spuk, so erschreckend er im ersten Moment auch sein mag, ist selten etwas Fürchterliches. „Man bekommt ihn leichter in den Griff als eine psychosomatische Reaktion“, ist er überzeugt. Ist die Ursache erst einmal erkannt, löst er sich meist in Wohlgefallen auf.

Die Tür geht nicht mehr auf

So war es auch in Karins Fall. Allerdings musste noch viel passieren, bevor sie schließlich die Nummer der Freiburger Beratungsstelle wählte. Immer häufiger nahm sie, wenn sie von der Arbeit nach Hause kam und es sich auf dem Sofa gemütlich machte, am Rande ihres Blickfelds Frau W. wahr, die lautlos über den Flur und in die Küche zu schweben schien. Damit nicht genug. Kurze Zeit später ließen sich eine Tür in der Wohnung plötzlich nicht mehr öffnen. „Sie war nicht abgeschlossen, es gab gar keinen Schlüssel dazu, trotzdem ging sie nicht mehr auf.“ Karin rief erst den örtlichen Schlüsseldienst (, der die Tür nach langen Versuchen mit roher Gewalt aufbrechen musste) und schließlich die Freiburger Beratungsstelle. Ihr Telefonat begann wie so viele mit den Worten: „Bitte, halten Sie mich nicht für verrückt …“