Mit voller Kraft und tiefer Entschlossenheit triumphierten die "Rolling Stones" bei ihrem Arena-Konzert in Stuttgart. | Foto: Markus Mertens

Altrocker voller Spielfreude

Rolling Stones in Stuttgart: Die heilige Vielfaltigkeit

Es sind gerade mal zwei Stücke gespielt, da lehnt sich Keith Richards auf seine Gitarre, guckt ins weite Rund der ausverkauften Stuttgarter Mercedes-Benz-Arena und lächelt, ein bisschen ungläubig und ein bisschen stolz. Als wäre er wirklich verwundert darüber, dass die gut 40 000 Zuschauer wegen der Rolling Stones so aus dem Häuschen sind. Sind sie aber, natürlich.

Hits aus 56 Jahren Bandgeschichte

Schon die ersten Akkorde am Samstagabend reißen mit. Richards stimmt Street Fighting Man an. Kraftvoll, konzentriert, präzise. Der Rest der dienstältesten Rockband steht in nichts nach. Frontmann und Sänger Mick Jagger hat das Publikum sofort im Griff, rennt gegen Ende des Openers auf einem Steg hinein in den Innenraum und alle Hände recken sich ihm entgegen. Es ist ein früher Höhepunkt des insgesamt gut zweistündigen Konzerts. Darauf folgen viele weitere große Momente: Die Stones spielen allerdings kaum Raritäten, sondern setzen stattdessen auf die großen Hits aus 56 Jahren Bandgeschichte. Es sind fast allesamt Heiligtümer der Rockmusik.

Standgas gibt es hier nicht – in Stuttgart gaben Mick Jagger und die Rolling Stones alles. | Foto: Markus Mertens

Immer neu im achten Lebensjahrzehnt

Wie sagt Jagger so schön auf Deutsch: „Wir spielen zum dritten Mal hier. Das Stadion heißt immer anders. Aber die Songs bleiben die gleichen.“ Tatsächlich datiert das neueste Stück im Programm von 1981 und heißt Start Me Up – sieht man einmal von Ride ’em On Down vom jüngsten Blues-Cover-Album Blue And Lonesome ab. Aber auch da hat das Original schon etliche Jahrzehnte auf dem Buckel.
Trotzdem kommt die Musik erstaunlich frisch daher. Die Stones gewinnen den Stücken gerne neue Seiten ab, spielen selten zweimal einen Song identisch. Außerdem merkt man den Musikern eine geradezu jugendliche Freude an dem an, was sie tun. Ist es überhaupt erlaubt, so viel Spaß bei der Arbeit zu haben? Noch dazu in diesem Alter? Allesamt im achten Lebensjahrzehnt, die Gesichter von tiefen Falten durchzogen, könnten Jagger (74), Richards (74), Drummer Charlie Watts (77) und Gitarrist Ron Wood (71) längst in Rockerrente sein.

Die rund 40.000 Fans in Stuttgart verfolgten die imponierende Show der Rolling Stones mit ausgelassener Geste. | Foto: Markus Mertens

Wieder ein Jahr älter – wieder ein Jahr besser

Vielleicht ist die Wertschätzung für solche Abende wie nun in Stuttgart gerade deshalb mit der Zeit sogar noch größer geworden. Schließlich schwingt bei jedem Auftritt der Altrocker mit: (This Could Be) The Last Time – um sich eines Stones-Titels zu bedienen.
So richtig mag man das aber nicht glauben, wenn man die Band spielen sieht und hört. Wieder ein Jahr älter, wieder ein Jahr besser. Die Stones haben sich durch konstantes Touren ihrer Bestform aus den frühen 70er-Jahren genähert, in der man sie nach wie vor getrost als größte Rock ‘n’ Roll-Band der Welt bezeichnen kann. Vielleicht ist es ein Nebenprodukt des Alters, aber auf der Bühne ist jetzt weniger Show, weniger Gehampel, weniger Tempo. Den Songs tut das nur gut.

Keith Richards hat sich gesteigert

Maßgeblichen Anteil an der Performance hat Richards. Er hat sich gegenüber der ersten Runde der No-Filter-Tour im vorigen Jahr extrem gesteigert, Unsauberkeiten abgelegt. Er zieht sein Programm nun konzentriert durch, vom raffinierten Tumbling Dice und dem lässig begonnenen Honky Tonk Woman über sein Soloset bis hin zum brachial-scheppernden Brown Sugar und dem Jahrhundertriff Satisfaction, bei dem dann auch in den hintersten Sitzreihen alle Menschen stehen, tanzen, glücklich sind.
Überhaupt ist die Stimmung prächtig. Nur einmal wird ein wenig gebuht. Als Jagger fragt, ob denn auch Zuschauer aus Karlsruhe da sind. Immerhin: Es sind so viele Badener im Schwabenland, dass der Jubel an dieser Stelle das Gebuhe klar übertrifft.

Und der Po immer noch knackig

Die Höhepunkte des Abends? Musikalisch zählt dazu das neu arrangierte Sympathy For The Devil, bei dem der leibhaftige Jagger vom Leid der Welt singt, ehe Richards und Wood ein perfektes Gitarrengewitter losbrechen lassen. Sie verweben ihre Licks derart ineinander, dass es beim ersten Hören schwer ist zu sagen, wer nun was spielt. Modisch fallen besonders die roten Socken von Watts und die knallgrünen Sneaker von Richards auf. Und körperlich ragt die Performance des noch immer laufstarken Jagger heraus, der für einen 74-Jährigen ein bedenklich knackiges Hinterteil hat. Die Schlusspointe setzen die Altrocker schriftlich. Am Ende der Show ist auf den vier monolithischen Leinwänden zu lesen: „Bis bald“.