„Der Kopf der Hexe“ nennen Einheimische den skurril geformten Fels vor der Insel Spargi. | Foto: bba

Sardiniens Norden

Die Insel der magischen Steine

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Im Herzen der historischen Steinstadt Aggius sieht sich der Besucher plötzlich einem fast zwei Meter großen Huhn gegenüber. Ein paar Meter weiter prangt ein Mufflon an einer Garagentür. Hoch oben an einer Häuserwand schweben mehrere Webstühle. Ein skurriles Schauspiel. „Wir wollten die Geschichte des Ortes als Museum unter freiem Himmel erlebbar machen“, erklärt Paolo Carboni und beschreibt mit seinen braungebrannten Händen einen weiten Bogen über das trutzige Steinstädtchen, das rund 50 Kilometer vom obersten Zipfel Nordsardiniens entfernt liegt.

Farbenpracht aus der Natur

Der stämmige Senior, früher Feuerwehrmann und heute passionierter Hobby-Ortshistoriker, hat die Initiative „tutt’a piedi“ (alles zu Fuß) ins Leben gerufen. Er führt Besucher gegen kleines Entgelt durch die Umgebung und den Stadtkern. Die Malereien und Installationen, die sich an fast jeder Ecke des schmucken Örtchens im Herz der Granit-Region Gallura entdecken lassen, gehören zu einem Kunstprojekt. Die Bürger haben es vor etwa zehn Jahren ins Leben gerufen, um Aggius für Touristen interessanter zu machen. Webstühle und die farbenfrohen Muster sardischer Teppiche auf Garagentoren erinnern an eines der wichtigsten Handwerke der Region. „Mohn, Kork, Eiche und Efeu: Mit diesen Naturmaterialien verliehen die Weberinnen den Stoffen ihren Farbenreichtum“, erklärt Alessandra Tansu, Mitarbeiterin im örtlichen „Meoc“, einem der größten Volkskundemuseen der Insel.

Ausgezeichnet authentisch

Doch noch mehr als Webkunst und Tierwelt prägt vor allem ein Element das Antlitz von Aggius – und eigentlich ganz Nordsardiniens: der Stein. Nahezu alle Häuser sind hier aus dem charakteristischen grauen Granit gebaut. Renovierungsarbeiten müssen bei der Stadt angemeldet werden. So wird dafür gesorgt, dass das historische Zentrum ästhetisch aus einem Guss bleibt. Für seine Authentizität wurde der Ort mit der Orangenen Flagge, der „borghi autentici“ ausgezeichnet. Der Stein – mal in Form hoch aufragender Berge, mal nur hervorspitzelnd zwischen Olivenbäumen, wildem Fenchel und Rosmarin – zieht sich wie ein Leitmotiv die gesamte Küste entlang. Durch ihn hebt sich Nordsardinien vom Inselsüden ab, der mit langen Sandstränden und weichen Hügeln deutlich zahmer daherkommt. Wer es optisch abwechslungsreich mag, intime Buchten und versteckte Flecken vorzieht, ist auf der Nordhälfte der zweitgrößten Mittelmeerinsel richtig.

Im „Tal des Mondes“

So lädt etwa der Leuchtturm am westlichsten Ende des Capo Testa, rund eine Stunde Fahrzeit nördlich von Aggius, Kletterer und Entdecker zum Herumkraxeln ein – spektakulärer Meerblick inbegriffen. Korsika ist von diesem ehemaligen militärischen Sperrgebiet aus nur etwa zwölf Kilometer übers Wasser entfernt. Von Santa Teresa mit seinem spektakulären Stadtstrand „Rena Bianca“ aus lässt sich Bonifacio bequem per Fähre in einer Stunde erreichen. Doch zunächst gibt es am Capo Testa selbst einiges zu entdecken: Das Felsgestein nimmt hier besonders skurrile Formen an. Um den Leuchtturm erstreckt sich ein surreal anmutendes Gelände, das direkt aus einem Science-Fiction-Streifen gefallen zu sein scheint. Nur die wilden Ziegen, die zwischen den Steinen herumhüpfen, versichern den Besuchern, dass sie sich mit beiden Füßen noch fest auf der Erde befinden. Aus dem Augenwinkel betrachtet, scheinen sich Tiere, Gesichter und gebeugte Riesen aus dem Erdreich zu erheben.

Ein Mekka der Hippies

Kein Wunder, dass Einheimische den grau aufragenden Gebilden gar magische Fähigkeiten nachsagen und es als „Tal des Mondes“ bezeichnen. Außerdem war der Ort in den 1970er-Jahren weithin als „Tal der Hippies“ bekannt. Auch heute noch wohnen einige Blumenkinder in den Höhlen und zwischen den Felsen des Tals, in der Hoffnung, die heilsamen Kräfte dieser zauberhaft wirkenden Umgebung aufzusaugen. Wer mit seinen Kindern hier herkommt, hat den Jackpot gezogen: Die können sich nach Lust und Laune zwischen den Felsen austoben, während die Eltern den Blick über die türkis glitzernde Fläche genießen.

Konzert der Sinne

Doch nicht nur den Augen hat Nordsardinien etwas zu bieten: Der wilde Bruder des sanften Südens spricht alle Sinne an. Während der Wind, der Maestrale, über das Gesicht streicht und die Wellen gegen das Ufer branden, kommen auch Freunde des olfaktorischen Genusses auf ihre Kosten. Denn Nordsardinien gibt seinen Gästen das Gefühl, kopfüber in einen Gewürztopf oder einen Blumenstrauß gefallen zu sein. Myrthe, wilder Fenchel, Rosmarin und Eukalyptus buhlen um Aufmerksamkeit in den Nasen des Betrachters. Dass Spaziergänger auf den gewundenen kleinen Pfaden, die nahe der Küste entlangführen, eine nahezu unberührte Natur genießen können, liegt an Sardiniens Geschichte. Und an strengen Gesetzen.

Geschützte Küsten

Denn die ursprünglichen Einwohner mieden die Küste aus Angst vor Überfällen durch Piraten oder Besatzer. Kein Wunder, schließlich fielen im Lauf mehrerer Jahrhunderte abwechselnd Römer, Ostgoten, Araber und Spanier über die Insel her. Weshalb die traditionelle sardische Küche, entgegen der Erwartungen vieler Touristen, auch heute noch eher von Spanferkel als von Fisch dominiert ist. Als es in der jüngeren Geschichte immer mehr Menschen an die Küste zog, schob die Regierung den Riegel vor: Privatleute dürfen seit etwa 50 Jahren nicht mehr das Küstenpanorama verbauen.

Grüner Hotelgenuss

Zu den wenigen Auserwählten, die sich an der Küste niederlassen durften, gehört die Hotelkette Delphina. Wer eines der insgesamt acht Vier- bis Fünf-Sterne-Häuser in Familienbesitz besucht, die sich um den Zipfel Nordsardiniens herumschmiegen, versteht wieso: Zum einen hat sich das Edelressort durch den Betrieb mit 100 Prozent grünem Strom und Lebensmitteln aus der Region der Nachhaltigkeit verschrieben. Außerdem fügen sich die niedrigen ockerfarbenen Steinhäuschen, umgeben von Rosenbüschen und Olivenbäumen, mit ihren geschwungenen Formen harmonisch in die Landschaft ein. „Die Vegetation auf den Hotelgeländen besteht aus einheimischen Pflanzen, die an das Klima gewöhnt sind und so weniger gegossen werden müssen. Das spart Strom“, erläutert Tamara Amadu, Marketing Managerin von Delphina Hotels & Resorts. Die Anlagen liegen auf der Westseite der Insel zwischen Castelsardo und der Isola Rossa, im Osten zwischen Cannigione nahe der berühmten Costa Smeralda und Santa Teresa Gallura verstreut.

Fügt sich in die Landschaft ein: Ein Haus der Hotelanlage Valle dell’Erica | Foto: bba

Länger leben: Die „Blue Zones“

Ein besonderes Schmankerl für Spa-Freunde sind die Thalasso-Pools: Unterschiedlich beheizte Salzwasserbecken (zwischen 20 und 30 Grad Celsius), die ähnlich wie Kneipp-Kuren den Kreislauf und die Durchblutung anregen. Hier können Entspannungshungrige luxuriös und trotzdem mit gutem Gewissen die Seele baumeln lassen. Und vielleicht sogar ihr Leben verlängern: Sardinien ist eine von weltweit fünf „Blue Zones“, wo die Menschen, vermutlich aufgrund des guten Klimas und der frischen Küche, deutlich länger und gesünder leben. Der „New York Times“ Bestseller-Autor Dan Buettner arbeitete als solche Okinawa (Japan), Nicoya (Costa Rica), Ikaria (Griechenland), Loma Linda (Kalifornien) und eben das zu Italien gehörende Sardinien heraus.

Die Thalasso-Pools im Hotel Valle dell’Erica | Foto: bba

Einsame Buchten, hippes Stadtleben

Seine Zeit auf der Insel allerdings nur im Hotel mit Schlemmen und Spa zu verbringen, wäre wirklich verschenkt. Schließlich verfügt die Insel über eine wundervoll intakte Tier- und Pflanzenwelt und quirlige Städtchen. Beides findet sich im Maddalena-Archipel, einem Naturpark mit fast 70 Inselchen. Der einsamste Ort hier: Die „Spiaggia Rosa“, der „rosafarbene Strand“. Einst war dieser lauschige Ort auf der kleinen Insel Budelli ein Naturspektakel, das Touristen in Scharen ins Archipel lockte. Doch weil viele Gäste zur Erinnerung den bonbonfarbenen Sand mitnahmen und unvorsichtige Schiffer die Mikroorganismen zerstörten, ist der kleine Küstenstreifen mit der Zeit ausgeblichen. Seit rund 30 Jahren darf kein Besucher mehr den Abschnitt betreten.

Der Wächter des Strandes

Über die Einhaltung des Gesetzes wacht direkt vor Ort Muoro Budelli. Der rüstige Über-80-Jährige, der sich selbst den Namen der Insel gegeben hat, hat dem Schutz des kleinen Paradieses sein Leben gewidmet. „Freunde und Unterstützer versorgen ihn in seiner kleinen Hütte mit Essen und den Dingen des alltäglichen Lebens. Er verlässt das Gebiet nie“, erzählt Jacopo Andelmi, der Bootstouren zum Archipel anbietet.

Muoro Budellis Haus an der „Spiaggia Rosa“ | Foto: bba

Für Shopping-Queens: La Maddalena

Den berückend stillen, funkelnden Stränden der kleinen Inseln steht das hippe Stadtleben der Stadt La Maddalena gegenüber. Einen Cappuccino trinken und dabei den Blick über den Hafen schweifen lassen, wo alle paar Minuten Schiffe anlegen und abfahren? Oder doch lieber in den zahlreichen Feinkost-, Schuh- und Schmuckläden stöbern, wo der leuchtend rote Korallenstein in allen Farben und Formen angeboten wird? Besucher haben in den engen Steingässchen zwischen filigranen Metallbalkonen die Qual der Wahl. Wer entspannt bummeln möchte, sollte allerdings außerhalb der Hochsaison herkommen – im Sommer schieben sich die Touristen hier Ellenbogen an Ellenbogen über das Kopfsteinpflaster.

– Anreise: Eurowings fliegt täglich von Stuttgart nach Olbia. Die schnellsten Flüge dauern unter zwei Stunden, Hin- und Rückflug gibt es ab etwa 270 Euro.
– Übernachten: Zimmer in der Nebensaison bei Delphina Hotels & Resorts in den Vier-Sterne-Häusern ab 96 Euro, in den Fünf-Sterne-Häusern ab 130 Euro pro Person inklusive Halbpenion. Die insgesamt acht Hotelanlagen liegen zwischen Castelsardo  im Westen und Cannigione auf der Ostseite Nordsardiniens. www.delphinahotels.de
– Auskünfte: Allgemeine Infos auf www.sardinien.com, Wandertouren um Aggius herum: tuttapediaggius.weebly.com, Fähre von Santa Teresa di Gallura nach Bonifacio beispielsweise unter www.sardinias.de/faehre/sardinien-korsika