Hier endet Europa: Das Felsenplateau Cabo da Roca ist der westlichste Punkt des europäischen Festlands. Die Aussicht und die Sonnenuntergänge sind spektakulär. | Foto: Cascais Tourismus

Portugals Costa do Sol

Die königliche Badewanne

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Am Ende der Welt ist gerade ganz schön viel los: Zwei Busse haben eine Touristengruppe ausgespuckt. Wie Ameisen wuseln die Asiaten über die schmalen, sandigen Pfade des Felsplateaus, hängen über die Holzbrüstung, um die donnernden Atlantikwellen zu fotografieren, und blicken gebannt auf den Ozean, als erwarteten sie, jeden Augenblick Vasco da Gama mit seinen Schiffen am Horizont zu entdecken. Von Portugal aus brach der Seefahrer und Entdecker zu seiner Reise nach Indien auf.

Cabo da Roca – wo Europa zu Ende ist

Das größte Fotogedränge herrscht aber an einer schlichten Steinplatte: „Wo das Land endet und das Meer beginnt…“, – unter den Worten des portugiesischen Nationaldichters Luis de Camões prangt es schwarz auf weiß: Wir befinden uns am westlichsten Punkt des europäischen Festlands. Willkommen am Cabo da Roca!
Wem das Foto fürs Familienalbum nicht reicht, der kann sich seinen Besuch amtlich bestätigen lassen. Die Urkunde gibt es in dem kleinen Tourismusbüro unweit des Leuchtturms, der schon seit 1772 die Schiffe entlang der Klippen leitet. Früher dachten die Menschen, dass hier tatsächlich die Welt zu Ende ist. Heute wissen sie es besser, kommen aber trotzdem gerne an diesen besonderen Ort.

Magische Sonnenuntergänge

Die Aussicht ist atemberaubend, der Sonnenuntergang magisch. Und wenn man den richtigen Zeitpunkt erwischt, kann man diese satte Naturpracht fast ganz für sich alleine genießen, auf den tiefblauen Ozean blicken und ein berauschendes Gefühl von Freiheit und Abenteuer verspüren.
Von Lissabon ist es nicht weit ans Ende der Welt: Cabo da Roca ist nicht einmal eine Autostunde entfernt. Der westlichste Punkt Europas ist eine der vielen Besonderheiten der Costa do Sol.

 

Portugals Costa do Sol

Sonnenküste, Portugiesische Riviera, blaue Küste – sie hat viele Namen, die Region, die sich westlich und nordwestlich an die Hauptstadt anschließt, und im Umkreis von gerade mal 50 Kilometern eine unglaubliche Vielfalt aufbietet: Wilde Küsten- und Dünenlandschaften, tiefgrüne Wälder und Berge. Breite, lange, feinsandige Strände und kleine, versteckte, romantische Buchten. Der Atlantik, der sich an vielen Küstenabschnitten wild zu meterhohen Wellen auftürmt und Surfer aus der ganzen Welt anlockt, sich an anderen Stellen aber auch ganz zahm und familienfreundlich zeigt. Es gibt ursprüngliche Bauerndörfer und die mondänen Seebäder Estoril und Cascais.

Sintra – die mystische Stadt

Über all dem thront Sintra – diese Stadt mit märchenhaften Palästen und verwunschenen Gärten, die irgendwie nicht von dieser Welt ist. Und manchmal scheint Sintra, die schon berühmte Schriftsteller und Poeten schwärmen ließ, und die die Unesco 1995 zum Weltkulturerbe erklärte, sogar aus der Welt verschwunden zu sein: Wenn mal wieder Nebelfetzen die bunten Palastmauern umhüllen und langsam komplett verschlucken. „Im Sintra-Gebirge, das sich bis zum Atlantik erstreckt, herrscht ein einzigartiges Mikroklima. Es ist immer wechselhaft, mild und feucht hier – deshalb gibt es auch diese üppige Vegetation“, erzählt Paula Viegas, die mit ihrem Mann eine kleine Reiseagentur betreibt und Touristen auch durch Sintra führt.

Freimaurer zieht es nach Sintra

Die Geschichte der ehemaligen Sommerresidenz der portugiesischen Könige und die vielen spannenden Geschichten rund um die königlichen und exzentrischen Bewohner kennt Paula Viegas aus dem Effeff. Manchmal chauffiert sie Freimaurer die kurvige Straße nach Sintra hoch, „zumindest, wenn sie sich als solche zu erkennen geben“. Sie sind weniger an den Königspalästen interessiert, als an dem Anwesen „Quinta da Regaleira“.

Die „Quinta da Regaleira“ in Sintra sollte man sich als Besucher auf keinen Fall entgehen lassen. Der exzentrische Millionär Antonio Augusto de Carvalho Monteiro ließ sich das Fantasieschloss von dem italienischen Architekten Luigi Manini bauen. Foto: Patrizia Kaluzny

Ein Mann namens António Augusto de Carvalho Monteiro, dessen Familie von Portugal nach Brasilien ausgewandert war und dort mit Kaffee und Edelsteinen ein Vermögen gemacht hatte, ließ sich das Fantasieschloss samt einer Kapelle, Tempeln und einem riesigen Park Anfang des 20. Jahrhunderts vom italienischen Architekten Luigi Manini bauen. Monteiro, der zu den reichsten Menschen zählt, die je in Portugal gelebt haben, war nicht nur Unternehmer und feinsinniger Kunstsammler: „Monteiro, o millionario“, wie ihn die Portugiesen nannten, war auch ein Exzentriker und Freimaurer mit großer Leidenschaft für Mythologie und den sagenumworbenen Templer-Orden.

In dem riesigen Park rund um die „Quinta da Regaleira“ stößt man überall auf Symbole der Templer und Freimaurer. Foto: Patrizia Kaluzny | Foto: Patrizia Kaluzny

Die Architektur und der Park sind gespickt mit entsprechenden Symbolen. Der Millionär ließ sich sogar einen „Brunnen der Initiation“ bauen, der 30 Meter tief in die Erde geht. Eine Treppe führt spiralförmig abwärts, hinab in das Schattenreich. Heute ist der Brunnen ein beliebtes Fotomotiv. Welche Freimaurer-Rituale dort einst abgehalten wurden – Paula Viegas zuckt lachend die Schultern: „Das ist eines von vielen Geheimnissen der Freimaurer.“

Die Weinberge von Colares

Wenn man die surreale Welt des Herrn Monteiro am Ortsausgang von Sintra wieder verlässt und die Straße Richtung des Dörfchen Colares nimmt, stößt man bald auf die nächste Besonderheit: Ein winziges grünes Weintal. Auf gerade mal 40 Hektar wird dort ein eigenwilliger Exot angebaut. „Das Außergewöhnliche an den roten Ramisco-Trauben und den weißen Malvasia-Trauben ist, dass die Reben sehr nah am Atlantik auf Sand wachsen“, erzählt Isabel Guerreiro, während sie den Tisch mit portugiesischen Petiscos deckt – Ziegen- und Schafskäse, Oliven, Sardinen, Tintenfischsalat… In ihrem kleinen Laden „Arts and Wine – Terra Ignis“ in Cascais verkauft sie Kunsthandwerk und lokale Spezialitäten, veranstaltet Lesungen, Konzerte und Weinproben.

Die ältesten Rebstöcke Portugals

Eine Liebe hegt sie für die Weine aus der Region. Nicht nur die Lage und das Klima („unter anderem die salzige Luft“) machen das Tröpfchen aus dem Sintra-Gebirge zu einer Rarität: „Die Reben gehören zu den ältesten in Portugal. Als Ende des 19. Jahrhunderts die Reblaus große Teile des Weinbaus in Europa zerstörte, blieb Colares verschont, weil der Schädling nicht durch den Sand durchdringen konnte. Deshalb sind die Rebstöcke bis heute wurzelecht und nicht veredelt“, verrät Isabel Guerreiro. Nach der Gärung reift der Wein noch bis zu zehn Jahre in Mahagonifässern, bevor dann von Hand abgefüllt wird. Keine Massenware, pro Jahr gibt es gerade mal rund 1 000 Flaschen.

Zum Baden nach Cascais

Diente früher Sintra der Königsfamilie als Rückzugsort vor der sommerlichen Hitze Lissabons, zieht es heute die Bewohner der Hauptstadt in das knapp 25 Kilometer entfernte Cascais. Sie kommen zum Baden, treffen sich mit Freunden zum geselligen Essen in einem der Fischlokale, bummeln durch die malerischen Gassen und flanieren auf der Strandpromenade, die Cascais mit Estoril verbindet. Es gibt Pläne die Promenade bis zum Lissabonner Stadtteil Belém auszubauen.

Das mondäne Seebad Cascais ist nur rund 25 Kilometer von Lissabon entfernt. Den Grundstein für den Tourismus in dem einstigen Fischerdorf legte König Luis I., der das Baden im Meer für sich entdeckte. | Foto: Cascais Tourismus

Jahrhunderte lang lebten nur Fischer in Cascais. Das änderte sich, als 1870 die königliche Familie die Zitadelle zur Sommerresidenz auserkor, weil König Luis I. das Baden im Meer für sich entdeckte. Die Bucht von Cascais wurde zur königlichen Badewanne. Adelsfamilien und reiche Lissabonner folgten. Paläste und prunkvolle Villen entstanden – in einigen genießen heute Hotelgäste alle Annehmlichkeiten. Cascais erhielt sogar die erste elektrische Straßenbeleuchtung Portugals. Im Zuge der Kriegswirren wurde Cascais zudem für viele Monarchen, die abdanken und ihr Land verlassen mussten, zum Zufluchtsort. Aus dem Fischernest wurde ein Hotspot, ein Treffpunkt der High Society, der Reichen und Schönen. Und doch ist Cascais im tiefsten Herzen seiner Bewohner immer ein Fischernest geblieben. Und das möchte man auch bitte schön weiter sein! Obwohl der Ort inzwischen gut 35 000 Einwohner zählt, lehnt Cascais stoisch das Stadtrecht ab.

Mondänes Seebad voller Kontraste

Das mondäne Seebad und das Fischerdorf – besonders gut werden diese Gegensätze unterhalb der Zitadelle sichtbar. Direkt neben der Marina mit den schicke Jachten liegen die kleinen, bunten Fischerbooten vor Anker. Eines hat gerade angelegt. Die beiden Fischer laden ihren Fang auf einen Rollwagen um, einige Fische zappeln noch. Seezunge, Franzosendorsch, Rochen und Tintenfische sind den Männern ins Netz gegangen. Ganz zufrieden sind sie nicht. Es sei nicht der allerbeste Tag gewesen. Jetzt müssen sie rasch zur Versteigerungshalle beim Fischmarkt.

 

Im „O Pescador“ speisen auch die Könige

Möglich, dass sich etwas von dem Fang am Abend in der Küche des Lokals „O Pescador“ wiederfindet. Seit 1964 werden dort, unweit der Markthalle, Fische und Meeresfrüchte serviert. „Wir haben seit 45 Jahren den gleichen Chefkoch“, erzählt Maria José Pinto, deren Vater die Taverne als Treffpunkt für die Fischer eröffnete. An der Karte hat sich in all den Jahrzehnten kaum etwas verändert, ebenso an der maritimen Deko, man speist umgebend von Reusen, Netzen, alten Positionsleuchten und Modellschiffen aus Holz. Und doch kann es passieren, dass am Nachbartisch plötzlich der frühere spanische König Juan Carlos Platz nimmt.

Schauspieler Peter O`Tool war Stammgast

Die vielen Fotos an den Wänden verraten es: Maria José Pinto und ihr Vater haben schon so ziemlich jeden bedeutenden Monarchen Europas verköstigt. Der Schauspieler Peter O’Toole war Stammgast, ebenso wie die früheren Rennfahrer Ayrton Senna und Nelson Piquet, wenn der Formel-1-Zirkus jedes Jahr in Estoril Station machte. Mick Jagger, Norah Jones, Joss Stone… Die Prominentenliste ist lang. Warum es sie alle ins einfache „O Pescador“ zieht? Die Wirtin zuckt mit den Schultern: „Ich weiß es nicht, Mund-zu-Mund-Propaganda vielleicht?“

Der Fisch, der vor unserer Küste gefangen wird, hat Persönlichkeit.

Das Geheimnis liegt auf dem Teller. „Unser Fisch kommt ausschließlich hier von der Küste. Die Fanggründe liegen vor Cascais, Cabo da Roca und Praia do Guincho.“ Es soll der beste Fisch der Welt sein. „Das kalte Wasser, der Wind – das macht das Fleisch richtig hart.
Der Fisch hier hat Persönlichkeit“, schwärmt Maria José Pinto, deren Familie seit vier Generationen in Cascais lebt, in der Vila de Pescadores. „Wir sind und bleiben ein Fischerdorf, wer hier zur Welt kommt und aufwächst, bleibt immer mit dem Meer verbunden.“ Und wenn es Senhora José Pinto doch mal im Urlaub in die Ferne zieht, macht sich schon nach wenigen Tagen wieder die Sehnsucht breit. Dann will sie ganz schnell zurück nach Cascais – ans Ende der Welt.

 

Anreise: Cascais liegt nur rund 25 Kilometer vom Internationalen Flughafen Lissabon entfernt, der von vielen deutschen Flughäfen bedient wird. Von Frankfurt beispielsweise gibt es täglich mehrere Verbindungen mit der portugiesischen TAP und Lufthansa.
Von Lissabon gelangt man nach Cascais mit einem Mietauto über die Autobahn A5 oder man nimmt die reizvolle Küstenstraße (Avenida da Marginal EN6).
Vom Lissaboner Bahnhof Cais do Sodre fahren die Züge im Halbstundentakt nach Estoril und Cascais.