In der WM-Kolumne "Privet Rossija!" (Hallo Russland!) stellt der gebürtige Russe Alexei Makartsev sein früheres Heimatland, dessen Kultur, Bräuche und Menschen aus verschiedenen Blickwinkeln vor – mal ernst, mal augenzwinkernd.
In der WM-Kolumne "Privet Rossija!" (Hallo Russland!) stellt der gebürtige Russe Alexei Makartsev sein früheres Heimatland, dessen Kultur, Bräuche und Menschen aus verschiedenen Blickwinkeln vor – mal ernst, mal augenzwinkernd. | Foto: Bodamer/Zemlianichenko/dpa/Montage: BNN

Privet Rossija!

Die Russen fühlen sich verändert

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Ich habe einmal den Karneval in Nizza erlebt. Die schöne französische Stadt, ihre Straßen, Häuser, Cafés und Gärten waren noch dieselben wie am Tag zuvor, aber die Menschen waren durch den rauschenden, ausgelassenen Trubel völlig verwandelt. Etwas Ähnliches ist jetzt in Russland geschehen. Das Land hat die gleichen Probleme wie vor Beginn der Weltmeisterschaft. Doch die Russen fühlen sich verändert.

Der große Stolz auf ein perfekt organisiertes und von Ausschreitungen offenbar gänzlich ungetrübtes Sportfest hat manche alten Seelenwunden aus der wilden Zeit des postkommunistischen Umbruchs geheilt. Bei vielen ist die Schwermut einer erstaunlichen Leichtigkeit gewichen. Die Menschen in Russland sind, so scheint es heute, toleranter, selbstbewusster, hilfsbereiter und gelassener geworden.

Positive Stimmung

Einige Tage vor dem Abpfiff im Luschniki habe ich meine Freunde in Moskau gefragt, wie sie die Auswirkungen der Mega-Fußballparty bewerten. Die Reaktionen waren ausnahmslos positiv. „Wir glauben jetzt mehr an uns und dass wir im Herzen gute Menschen sind“, sagte Ksenija. „Wir haben gelernt, dankbar zu sein. Darum wurde die Niederlage des russischen Teams zu einem echten Sieg für alle Fans“, freute sich Olga. „Der Fußball hat das ganze Land geeint, ein völlig ungewöhnliches Gefühl“, staunte Anna. „Wir sind stolz – mal nicht auf unsere Panzer und Raketen, sondern auf die Menschen, die das wahre Gesicht Russlands sind. Übrigens ein ganz nettes Gesicht“, schrieb Alexander. Am häufigsten hörte ich den Satz: „Hoffentlich werden die vielen WM-Gäste jetzt in ihrer Heimat erzählen, wie Russland wirklich ist“.
Wie ist es also? Komplex. Bisweilen schwierig, widersprüchlich, aber auch freundlich und herzenswarm, steht uns das größte Land der Welt heute tatsächlich näher als es viele denken. Dass manche negativen Klischees und Vorurteile über Russland nicht stimmen, haben viele der zum Fußballturnier gereisten westlichen Fans gemerkt, die nun in den Internet-Foren von der herzlichen Aufnahme in den WM-Städten schwärmen.

Hält das Stimmungshoch?

Niemand weiß, wie lange das Stimmungshoch anhalten wird. Viele meiner Freunde sind da eher pessimistisch. Aber etwas von dem lebensfrohen Geist des russischen Sommermärchens wird zwischen Kaliningrad und Wladiwostok sicher bleiben.

Die WM der Russen

Es ist bemerkenswert, dass viele Russen heute dafür nicht der Staatsmacht dankbar sind, sondern zuallererst ihrer Nationalelf, anderen Teams, den ausländischen Besuchern, den freiwilligen Helfern – und sich selbst. So gesehen, haben sich bislang die Pläne des Präsidenten Wladimir Putin nicht erfüllt, die Patriotismuswelle in politisches Kapital umzumünzen. Putin hatte den Russen „seine“ WM geschenkt. Sie machten daraus ihre WM.

Zeit für neue Brücken

Eines hat sie klar gezeigt: dass die Isolation und Abwendung vom großen EU-Nachbarn im Osten keine kluge Politik ist. Diejenigen, die zum Boykott der Weltmeisterschaft aufgerufen hatten, lagen falsch. Vielmehr ist es Zeit, neue Brücken nach Russland zu bauen, im Vertrauen, dass es sich weiter öffnen wird.