Das Raubtier Wolf streift nun auch durch Baden-Württemberg - und erhitzt die Gemüter. Vielen Menschen macht es Angst, dass dieses Raubtier in den Südwesten zurückkehrt. Foto: dpa | Foto: dpa

BNN-Interview mit Wolfsexperte

„Die Wölfe können überall auftauchen“

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Seit ein Wolf mehrere Lämmer nahe Heilbronn gerissen hat und Agrarminister Peter Hauk (CDU) sofort den Abschuss von „Problemwölfen“ forderte, ist die Rückkehr des Raubtieres ein hitzig diskutiertes Thema im Land. Felix Böcker erfährt alltäglich, dass der Wolf „so stark polarisiert, wie kaum ein anderes Thema“: Der Wildökologe ist bei der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg (FVA) fürs „Wolfsmonitoring“ zu ständig. Er und seine Kollegen sichten Spuren, analysieren das Verhalten der Wölfe, die im Südwesten bisher nur als Einzeltiere, aber noch nicht im Rudel auftreten. Bei echten Problemtieren ist ein Abschuss schon heute gesetzlich erlaubt. BNN-Redakteurin Elvira Weisenburger sprach mit Wolfsexperte Felix Böcker über Ängste der Menschen und Risiken durch den Wolf.

Manche Menschen machen sich bereits jetzt Gedanken darüber, wie sie sich verhalten sollen, wenn sie beim Spazierengehen einem Wolf begegnen. Was raten Sie?

Böcker: Da muss ich vorausschicken, dass die Chance, hierzulande einem Wolf zu begegnen, statistisch extrem gering ist. Ich bin selbst oft in Wolfsgebieten in Nord- und Ostdeutschland unterwegs – und ich bin noch nie einfach so beim Herumlaufen einem Wolf begegnet. Ich habe Wölfe gesehen, ja, aber nur durch gezieltes Vorgehen, langes Warten und Stillsitzen.

Wolfsexperte Felix Böcker sammelt für die Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt des Landes alle Informationen über Wölfe, die durch den Südwesten ziehen. Foto: FVA

Falls der unwahrscheinliche Fall doch einmal eintritt: Wie verhalte ich mich als Spaziergänger, der dem Wolf begegnet?

Böcker: Eines sollte man wissen: Der Wolf weicht Menschen aus, genauso wie andere Wildtiere auch – aber der Wolf ist kein Fluchttier wie das Reh. Er läuft nicht sofort weg, wenn er einen Menschen sieht. Er schaut kurz, versucht die Situation einzuschätzen, dann merkt er: ,Der Mensch macht mir nichts’ und entfernt sich. Wenn der Mensch sich unwohl fühlt, weil sich der Wolf nicht so schnell wegbewegt wie erwartet, dann sollte er auf sich aufmerksam machen, zum Beispiel die Arme hochheben.

Man kann auch schreien, singen oder klatschen

Soll man stumm mit den Armen wedeln oder empfiehlt sich auch Schreien, um das Tier zu verscheuchen?

Böcker: Man kann auch schreien, singen oder klatschen. Man sollte nur auf keinen Fall auf das Tier zugehen und es bedrängen – das gilt für alle Wildtiere. Der Wolf hält normalerweise Abstand zum Menschen.

Der Wolf, der diesen Sommer mehrfach in der Bodenseeregion fotografiert wurde und dann erschossen im Schluchsee trieb, scheint relativ nah an die Menschen herangekommen zu sein …

Böcker: Bei jüngeren Wölfen kann es eher sein, dass sie nicht ganz so große Distanz halten. Dieser Wolf war ja ein erst einjähriges Tier, das auf Wanderschaft war, um sich ein Revier zu suchen. Dabei überquerte er auch Offenflächen. Zum Teil wurde er aus dem Auto heraus fotografiert. Dem Auto gegenüber zeigen die Wölfe ein etwas anderes Verhalten als dem Menschen gegenüber. Sie verknüpfen das Fahrzeug nicht mit dem Menschen und kommen deshalb mitunter näher ran. Alles, was wir über diesen Wolf wissen, war völlig im Rahmen des Normalen. Auch die jungen Wölfe halten eine Restdistanz ein.

Wie viele Meter Abstand beträgt denn eine solche Restdistanz?

Junge Wölfe zeigen mitunter weniger Scheu vor dem Menschen als ausgewachsene Tiere. Foto: dpa

Böcker: Die kann auch mal 50 Meter unterschreiten, aber es ist schwierig, hier Zahlen und Mindestabstände zu nennen. Es kommt auf den Einzelfall an. Wildtiere lassen sich nicht in Regeln packen. In Niedersachsen gab es voriges Jahr den Fall eines Wolfes, der sich immer wieder Menschen genähert hat – dieses Tier wurde dann auch gezielt im Auftrag des Umweltministeriums getötet.

Kein Mensch kann eine hunderprozentige Garantie geben

Die Angst vor solchen „Problemwölfen“ wurde von Tierschützern am Anfang in Deutschland meist weggewischt. Der scheue Wolf, den Menschen absolut nicht fürchten müssen, wird hingegen ständig beschworen. Ist es Zeit für eine ehrlichere öffentliche Diskussion?

Böcker: Kein Mensch kann eine hundertprozentige Garantie geben. Dass es Ausnahmesituationen gibt, hat der Fall in Niedersachsen gezeigt. Deshalb ist unser Wolfsmonitoring ja auch so wichtig – damit wir den einzelnen Wolf einschätzen und gegebenenfalls eingreifen können.

Lässt sich das Verhalten wirklich berechnen? Könnte ein verhaltensgestörtes Tier nicht urplötzlich einen Menschen angreifen?

Böcker: Ein wildes Tier wird nicht von einem Moment auf den anderen einen Grund verspüren, sich plötzlich dem Menschen zu nähern. Der Wolf sollte deshalb auch nicht die positive Erfahrung machen, dass es sich lohnt, den Menschen nahe zu kommen, weil sie Futter anbieten. Hier ist es wichtig, die Öffentlichkeit gut zu informieren.

Riskant: Essensabfälle können Wölfe anlocken

Worauf sollten die Bürger denn achten, um Wölfe nicht versehentlich anzulocken?

Böcker: Das fängt mit Essensabfällen oder Schlachtabfällen an, die frei zugänglich lagern. Aus anderen Bundesländern kennen wir einzelne Fälle, in denen Tiere sich aktiv immer wieder Autos genähert haben, weil sie wahrscheinlich von Menschen angefüttert wurden. Und es ist äußerst wichtig, dass Schäfer und Bauern ihre Tiere durch Zäune schützen, damit sich die Wölfe nicht daran gewöhnen, bequem solche Beute zu reißen.

Zum ersten Mal hat ein Wolf in Baden-Württemberg drei Lämmer gerissen. In Niedersachsen fordert aktuell sogar der Wolfsberater den Abschuss von fünf Jungwölfen, die ständig Nutztiere reißen, auch eingezäunte. Wie groß ist die Gefahr, dass sich ein Wolf schnell auf Schafe oder auch Rinder als Nahrungsquelle spezialisiert, anstatt Wild zu jagen?

Die ersten Opfer des Wolfs im Südwesten: Diese Lammkadaver fand der Schafshalter am 7. Oktober auf einer Wiese bei Widdern im Kreis Heilbronn. Der Wolf hat sie gerissen.
Foto: Michael Straußberger/dpa

Böcker: Auf diese Frage gibt es keine eindeutige Antwort. Ja, es gibt ein gewisses Risiko, dass sich Wölfe auf Nutztiere spezialisieren. Der Heilbronner Fall gibt jedoch keinerlei Anlass zur Sorge, dass dieses Tier gezielt Nutztiere reißt und dafür auch Zäune zu überwinden versucht. Die Schafe waren nur durch einen Wassergraben geschützt. Das ist für einen Wolf natürlich kein Hindernis.

Sollten jetzt alle Tierhalter im Land prophylaktisch Zäune hochziehen– obwohl erst in wenigen Gegenden des Südwestens durchziehende Wölfe gesichtet wurden?

Einen hundertprozentigen Schutz gibt es nicht

Böcker: Jeder ist gut beraten, das zu tun, denn die Wölfe können überall auftauchen. Schon leichte Elektrozäune können als Schutz ausreichen – wenn sie unter ausreichender Spannung stehen und richtig aufgestellt sind, so dass sie keine Schlupflöcher bieten. Einen hundertprozentigen Schutz gibt es nicht, aber ein Grundschutz bietet in jedem Fall deutlich mehr Sicherheit, als wenn gar nicht geschützt wird.

Für Wanderschäfer ist das allerdings schwierig…

Böcker: Richtig, nicht überall können Zäune gestellt werden. Das sind kniffelige Fragen, die diskutiert werden müssen. Da sind Alternativen und Unterstützung für die Betroffenen gefragt. Nicht nur bezüglich der Maßnahmen, sondern auch was den Mehraufwand angeht.

Zum Beispiel die speziell trainierten Herdenschutzhunde, für deren Haltung das Land jetzt die Auflagen lockern will?

Böcker: Unter anderem, ja.

Hundebesitzer sollten darauf achten, dass ihr Tier in der Nähe bleibt

Nicht nur Schäfer, auch private Hundebesitzer fürchten den Wolf. Wie sollen sie sich verhalten?

Böcker: Hundebesitzer, die in Wolfsgebieten unterwegs sind, sollten auf jeden Fall darauf achten, dass der Hund in ihrer Nähe bleibt. Wer unsicher ist, sollte ihn angeleint lassen. Der wilde Wolf hat normalerweise Respekt, wenn der Hund mit dem Menschen unterwegs ist. Es gibt aber auch Fälle, in denen junge Wölfe einfach neugierig auf den Hund reagieren. Der Hundebesitzer sollte dann genauso mit Stimme und Körpersprache reagieren wie Spaziergänger ohne Hund auch.

Wann besteht die Gefahr, dass der Wolf einen Hund angreift?

Böcker: Aus Jagdsituationen in Skandinavien sind Fälle bekannt. Dort entfernen sich die mit GPS ausgerüsteten Jagdhunde sehr weit vom Jäger, um Wild zu stellen. Da treffen Wolf und Hund häufiger aufeinander und es kam auch zu Angriffen. Es kann also zu der Situation kommen: Ein Artgenosse dringt in mein Revier ein.

Bei unerwünschten Begegnungen ist es wichtig, früh einzugreifen

Der kanadische Verhaltensforscher Valerius Geist hat geschildert, wie Wölfe stufenweise ins Territorium der Menschen eindringen und zuletzt auch Bewohner seines Dorfes angriffen. Er plädiert dafür, Wölfe frühzeitig auf Distanz zu halten und aus Dorfnähe zu vertreiben. Was halten Sie von seinem Modell der Eskalationsstufen?

Böcker: Es mag Situationen geben, auf die es zutrifft – für andere Situationen gilt es nicht. Es beschreibt nicht den Regelfall. Über Vergrämungsmaßnahmen muss man im Einzelfall entscheiden. Wölfe werden nachts auch mal am Dorfrand entlang laufen, genauso wie Füchse. Wenn es aber zu unerwünschten Begegnungen mit Mensch, Hund oder Auto kommt, ist es wichtig, früh einzugreifen.