Mit eingebautem Assistenten: Das Google Pixel 3 gibt es in drei Farben und zwei Größen. | Foto: Warnecke

Das Software-Smartphone

Ausprobiert: Pixel 3 und Pixel 3 XL

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Den Spitznamen Google-Handy verdient das neue Pixel 3 wie kein anderes Telefon zuvor. In Zeiten, da die meisten Smartphones einander zum Verwechseln ähnlich sehen und Bauteile aus dem Zulieferer-Regal die technische Leistung angleichen, will der Internetkonzern unter Beweis stellen, dass seine Fähigkeiten bei maschinellem Lernen und künstlicher Intelligenz den Unterschied machen. Die Ergebnisse sind oft beeindruckend – zeigen jedoch manchmal auch die heutigen Grenzen der Google-Software auf.

Der nervige Blaustich ist weg

Eine Bemerkung vorweg: Bis auf die Größe der OLED-Bildschirme unterscheiden sich die beiden Modelle in ihren Funktionen nicht. Das größere Pixel 3 XL verfügt über ein 6,3-Zoll-Display mit einer auffällig großen Aussparung am oberen Display-Rand (Notch). Das kleinere Model Pixel 3 kommt ohne Notch aus, hat dafür aber relativ breite Ränder oben und unten an seinem 5,5-Zoll-Display. Der Bildschirm im Standardmodell hat eine Auflösung von 2160 mal 1080 Pixeln, die XL-Version kommt sogar auf 2960 mal 1440 Pixel – deutlich mehr als bei den Vorgängermodellen. Bei den Displays konnte man im Test auch nicht mehr den Blaustich erkennen, der manche Besitzer des Pixel 2 XL genervt hatte.

Nur ein Objektiv für die Hauptkamera

Google bewirbt seine neue Smartphone-Generation aber vor allem als Spitzenkamera. Hier hat der Konzern die Messlatte schon mit dem Pixel 2 hoch gehängt, das viel Lob von Experten einheimste. Jetzt will Google demonstrieren, dass seine Algorithmen leisten können, wofür andere Anbieter komplexere Kameras mit mehreren Objektiven brauchen. Apples iPhone XS hat zwei Objektive, das P20 von Huawei drei, das brandneue Galaxy A9 von Samsung sogar vier. Google dagegen bleibt auch beim Pixel 3 bei nur einem Objektiv für die Hauptkamera an der Rückseite – mit einem 12,2-Megapixel-Sensor wie im Pixel 2.

Gleich kommt das  Vögelchen: Im Porträt-Modus erzeugt das Pixel 3 auch ohne zweite Kamera die so beliebte Unschärfe im Motiv-Hintergrund.  Foto: Andrea Warnecke

Ein Lächeln als Auslöser

Statt zusätzlicher Informationen aus der Optik zu generieren, sollen Algorithmen den Inhalt des Bildes und die Lichtverhältnisse erkennen. Zu den neuen Funktionen gehört zum Beispiel „Top Foto“: Das Pixel 3 bemerkt automatisch, wenn jemand im Bild gerade die Augen geschlossen oder einen wenig schmeichelhaften Gesichtsausdruck hat. Das Handy nimmt aber zur Sicherheit ein paar Bilder vorher und nachher auf und schlägt von sich aus das beste Motiv vor. Im „Fotobox“-Modus der Selfie-Kamera braucht man gar nicht mehr selber auf den Auslöser zu drücken: Das Pixel macht ein Foto, sobald der Nutzer lächelt – oder auch das berüchtigte „Duckface“ macht.

Eine Gans ist eben kein Gesicht

Auch den Porträt-Modus mit unscharfem Hintergrund (Bokeh-Effekt) erzeugt das Pixel 3 allein mit Software. Das funktioniert in den meisten Fällen ziemlich gut. Bei exotischeren Porträt-Motiven wie etwa einer Gans hatte der Algorithmus hingegen Mühe, zwischen Tier und Hintergrund zu unterscheiden. Glänzen kann die Kamera hingegen im Modus HDR+ mit seinem erweiterten Kontrastbereich. Auch bei Bildern, die gleichzeitig grelles Licht und Schattenbereiche haben oder gegen die Sonne aufgenommen wurden, sind Details, die sonst oft im Dunkeln untergehen, gut erkennbar. Das Pixel 3 nimmt dafür mehrere Aufnahmen mit unterschiedlicher Belichtung auf und setzt sie optimal zusammen.

Guter HDR-Plus-Modus: Wo Licht und Schatten im Bild aufeinander treffen, ist die Pixel-3-Kamera voll in ihrem Element.    Foto: Warnecke

Anleihen aus der Software-Verarbeitung von Satellitenbildern sorgen beim Pixel 3 dafür, dass auch ohne ein echtes optisches Teleobjektiv stark gezoomte Aufnahmen nicht unscharf erscheinen. Auch hier werden mehrere Aufnahmen erzeugt, die dann virtuell zu einem neuen „SuperRes“-Foto zusammengefügt werden. Eine von Google angekündigte Nachtsicht-Funktion ließ sich im Test noch nicht ausprobieren. Sie soll per Software-Update nachkommen – übrigens auch für 2er-Pixel.

Im Gegensatz zur Hauptkamera spendiert Google der Frontkamera beim Pixel 3 zwei Objektive. Damit passen beim Gruppenselfie auch ohne Stick mehr Leute aufs Bild. Und auch hier kommt eine Softwarefunktion zum Einsatz: Sie beseitigt die Verzerrungen, die sonst bei Weitwinkel-Objektiven auftauchen. Eine digitale Videostabilisierung gleicht per Software Wackelbewegungen der Hand aus.

Die Kombination von künstlicher Intelligenz und Fotografie kommt auch bei der Funktion Google Lens zum Einsatz, mit der man mit einem Fingertipp Visitenkarten, Web-Adressen oder Telefonnummern einscannt und weiterverarbeit. Lens kann aber auch Pflanzen oder Tiere identifizieren oder nach ähnlichen Produkten im Web suchen.

Pixel 3 mit wenig Bildspeicher

Für Fotos und Videos bietet Google nur vergleichsweise wenig Speicherplatz auf dem Gerät selbst an. Während das iPhone XS – für viel Geld – mit einer Kapazität von bis zu 512 Gigabyte (GB) Speicher zu haben ist, werden die Pixel-3-Geräte nur mit 64 oder 128 GB angeboten. Dazu gibt es drei Jahre lang unbegrenzten Cloud-Speicher.

Neue Akzente setzt das Pixel 3 bei der Datensicherheit. Erstmals gibt es in einem Google-Smartphone einen speziellen Sicherheitschip, in dem die sensibelsten Daten abgelegt werden, wodurch das Hacken eines Pixel 3 erheblich erschwert wird. Vorreiter bei dem Konzept war Apple: Die Ingenieure in Cupertino hatten bereits 2013 mit dem iPhone 5s die sogenannte Secure Enclave eingeführt.

Helle: Der neue Google Pixel Stand lädt Smartphones drahtlos auf und verwandelt das Telefon in einen Tageslichtwecker.   Foto: Google

Das Pixel 3 kann als erstes Google-Smartphone auch drahtlos aufgeladen worden. Legt man zusätzlich zum Pixel 3 noch für 79 Euro das Zubehör Pixel Stand in den Einkaufskorb, erhält man nicht nur eine Station zum schnurlosen Aufladen, sondern kann das Smartphone damit auch in einen digitalen Bilderrahmen oder einen smarten Tageslichtwecker verwandeln, der den Besitzer 15 Minuten vor der eingestellten Zeit mit einem simulierten Sonnenaufgang sanft in den Tag führt.

Assistent macht Termine aus

Wie schon das Pixel 2 kann auch das neue Telefon automatisch Musik erkennen, die in der Umgebung läuft. Tief ins Gerät integriert ist auch der Google Assistant – die Antwort des Internet-Konzerns auf Apples Siri und Alexa von Amazon. Seine neueste Funktion – die sprechende Software Duplex, die eigenständig per Anruf einen Friseur-Termin bucht oder einen Tisch im Restaurant reserviert – bleibt zunächst aber US-Nutzern vorbehalten.    Christoph Dernbach und Andrej Sokolow

 

 

Das Pixel 3 ist in drei Farben zu haben, die Google „Just Black“, „Clearly White“ und ironisch „Not Pink“ nennt, eine Art ohrläppchenrosa. Das Google Pixel 3 und das größere 3 XL kosten 849 beziehungsweise 949 Euro (mit 64 GB), mit 128 GB sind es 949 und 1049 Euro. Sicherheits- und Funktionsupdates sollen Pixel-3-Nutzer bis mindestens Oktober 2021 bekommen. Ein Tipp für Sparfüchse: Der Vorgänger Pixel 2 wird mittlerweile für unter 600 Euro gehandelt.