Mehr Bewegungsfreiheit ohne Kabel: Teilnehmer der Facebook-Entwicklungskonferenz F8 probieren die Oculus Go Brille aus. | Foto: Marcio Jose Sanchez/AP/dpa

Virtuelle Welt für Einsteiger

Ausprobiert: VR-Brille Oculus Go

Mit Oculus Go verliert die virtuelle Realität ihr größtes Hindernis. Große VR-Brillen wie HTC Vive oder Oculus Rift brauchen leistungsstarke Computer und hängen am Kabel. Preiswertere Modelle wie die Samsung Gear VR, Google Daydream oder das VR-Headset von Lenovo brauchen ein teures Smartphone, das direkt vor die Nase geschnallt wird. Die von Facebook-Chef Zuckerberg jüngst vorgestellte Oculus Go benötigt keinen gesonderten Rechner.

Nach wenigen Minuten startklar

Nur ganz zu Beginn kommt das Smartphone kurz zum Einsatz. Nämlich, um die WLAN-Verbindung einzurichten und um das Gerät mit einem Oculus-Konto bei Facebook zu verbinden. So gelangen später Apps, Videos, Fotos und andere Inhalte auf die Brille. Drei Minuten und ein Firmware-Update später kann es losgehen. Brillenträger können die Oculus Go mit einem kleinen Gummiring brillentauglich machen. So stoßen die Gläser der Sehhilfe nicht an die Linsen der VR-Brille. Eine clevere, minimalistische Lösung, die gut funktioniert.

Alltagstauglich: Nutzer können die Polsterung der Oculus Go zum Reinigen abnehmen. Hier lassen sich auch Disztanzringe für Brillenträger anbringen. Foto: Robert Günther

Im Inneren der Oculus Go werkelt ein Snapdragon 821, ein Prozessor, den man sonst in Smartphones findet. In der Brille muss er sich nicht mit Smartphone-Aufgaben beschäftigen und kann sich ganz auf die Berechnung der virtuellen Realität konzentrieren. Als Bildschirm verwendet die Facebook-Tochter ein LCD mit schnellen Schaltzeiten (72 statt 60 Hertz ) und einer Auflösung von 2560 mal 1440 Pixel.

Die Bildqualität überzeugt

Für eine gefühlt bessere Bildqualität greift Oculus zu einem Trick, der unter dem Fachbegriff „Fixed Foveated Rendering“ bekannt ist. Dabei werden Inhalte in der Mitte des Bildes mit einer hohen Auflösung von 1280 mal 1280 Pixeln gerendert, zu den Rändern reicht ein Viertel oder gar ein Sechstel dieser Auflösung. Wenn man bewusst an den Rand des Bildes schielt, bemerkt man schon, dass das Bild dort nicht mehr so knackig scharf erscheint. Doch insgesamt überzeugt die Bildqualität, auch weil Oculus der Go-Brille besser vergütete Linsen als in der Rift spendiert hat.

Alles im Griff: Der Handcontroller der Oculus Go erlaubt präzise Bedienung über Knöpfe und Touchpad. Seine Position im Raum kennt er aber nicht.    Foto: Robert Günther

Es gibt aber auch Nachteile gegenüber den großen VR-Brillen, die mehr auffallen. So unterstützt die Oculus Go nur drei „Freiheitsgrade“ (3DoF). Das heißt, das Headset registriert nur Kopfbewegungen (Drehen und Neigen), aber nicht die Position des Spielers im Raum, wie das VR-Brillen wie HTC Vive, Oculus Rift, Playstation VR oder die Mixed-Reality-Geräte für Windows beherrschen (6DoF). Auch der Oculus-Go-Handcontroller erkennt Handbewegungen, kennt aber nicht seine Position im Raum.

Oculus Go braucht keinen Kopfhörer

Die Oculus Go kann ohne Kopfhörer genutzt werden. Der Ton gelangt dabei über einen Kunststoffkanal in der Kopfbandhalterung ans Ohr der Träger. Das funktioniert überraschend gut, und die Umgebung bekommt davon nicht viel mit. Wer es richtig laut haben möchte, nutzt die ebenfalls vorhandene Klinkenbuchse mit eigenen Kopfhörern.

Simpel, aber überzeugend: Aus dem kleinen Schlitz (links) in der Führung des Kopfbandes gelangt der Ton ans Ohr.      Foto: Robert Günther

Für die Oculus Go steht von Beginn an mit über 1000 Apps ein großes Software-Angebot zu Verfügung. Das Gerät kann nämlich auch Titel abspielen, die für Samsungs Gear VR entwickelt wurden. Dazu gehören das Strategiespiel „Catan VR“, eine Virtual-Reality-Umsetzung des bekannten Brettspiels. „Coaster Combat“ verknüpft atemberaubende virtuelle Fahrten in der Achterbahn mit einem Actionspiel. Bei MelodyVR gibt es 360-Grad-Aufnahmen von Konzerten, Festivals und Künstlern aus mehreren Perspektiven. Unter der Marke der Facebook-Tochter selbst wird Oculus Rooms präsentiert, eine virtuelle Welt, in der man ähnlich wie im Klassiker Second Life zusammen chatten oder gemeinsam Filme anschauen kann.

Auch als Ersatzfernseher einsetzbar

Oculus positioniert die Go aber ganz bewusst nicht allein als Gerät für typische VR-Spiele wie „Anshar Online“, einen populären Ego-Shooter. Die Brille ist ein breiter angelegtes Unterhaltungsgerät. Wer keinen Fernseher im Schlafzimmer aufstellen, aber trotzdem im Bett noch eine TV-Serie anschauen möchte, wird nach den Vorstellungen der Oculus-Macher nicht mehr unbedingt einen Tablet Computer in der Hand halten müssen, sondern kann sich die Oculus Go vor die Augen schnallen. Die Batterielaufzeit von 2,5 Stunden bei der Video-Wiedergabe reicht für einen längeren Kinofilm, bei Spielen macht der Akku etwas früher schlapp.

Die Go eignet sich aber nicht nur als Ersatz-Fernseher, sondern könnte sich zu einem Foto-Album der nächsten Generation entwickeln. Oculus vertraut darauf, dass die modernen Gadget-Liebhaber künftig im Urlaub nicht mehr nur mit dem Smartphone Fotos knipsen, sondern mit einer 360-Grad-Kamera ihre schönsten Erinnerungen im Rundumblick einfangen. Und tatsächlich haben selbst aufgenommene Panoramen und Rundum-Videosequenzen einen besonderen Reiz.

Fazit

Auf der Facebook-Entwicklermesse F8 stand die Oculus Go eher aus Zufall im Rampenlicht, weil Mark Zuckerberg sich angesichts der aktuellen Datenschutz-Affäre nicht traute, einen vernetzten Lautsprecher wie den Echo von Amazon zu präsentieren. Dabei hat die Oculus Go durchaus die große Bühne verdient. Die neue VR-Brille aus dem Facebook-Konzern ist so einfach wie nie einzurichten, kommt ohne teuren PC oder eingelegtes Smartphone aus und kann bei der Bildqualität in weiten Teilen mit den großen VR-Headsets mithalten. Christoph Dernbach

Die Oculus Go kostet mit 32 Gigabyte Speicher 219 Euro, die größere 64-GB-Version 269 Euro. Sie wird in 23 Ländern, darunter auch Deutschland, über die Website von Oculus (www.oculus.com) vertrieben. In den stationären Handel soll die VR-Brille später im Sommer gelangen.