Matthias Hornberger hat mit Web.de das Internet in Deutschland seit 2000 geprägt. Jetzt ist er in seiner Wahlheimat Karlsruhe unter anderem Vorstandsvorsitzender des Cyberforums und setzt sich für die Geschicke der Branche ein. | Foto: Andrea Fabry

Digitale Köpfe der Region

Matthias Hornberger prägte das deutsche Internet

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Der Andrang auf die Papiere war gewaltig, damals am 17. Februar 2000. Der neue Markt an der Frankfurter Börse brodelte und das Karlsruher Internetportal Web.de hatte einen der spektakulärsten deutschen Börsengänge der letzten Jahre aufs Parkett gelegt. Ein Neu-Karlsruher hatte dafür einen entscheidenden Beitrag geleistet. „Der Kurs der Aktie glich der Eiger-Nordwand, rauf und runter“, erinnert sich Matthias Hornberger an die Euphorie und Depression der Branche zu Beginn der 2000er. Der in Bad Kreuznach geborene studierte Betriebswirt prägt seit damals die IT-Szene der Fächerstadt und darüber hinaus – nicht nur seit 2000 als Vorstandsmitglied bei Web.de und der Nachfolgegesellschaften, sondern in mindestens ebenso großem Maß seit 2010 als Vorstandsvorsitzender des Netzwerks Cyberforum.

Wertvoller Erfahrungsbonus

Matthias Hornberger empfängt seinen Besuch im zweiten Stock der Raumfabrik in Durlach. Das Großraumbüro der heutigen Atevia AG, dekoriert mit einer reichen Auswahl an satt-grünen Büropflanzen, gelegentlich gestreichelt von der Spotbeleuchtung über den im Raum verteilten Arbeitsnischen. Leger das Sakko, mit einem Lächeln unter der Brille, nimmt Hornberger Platz an der Lounge-Ecke. Der 56-Jährige ist auch Geschäftsführer von Kizoo, der Venture-Capital-Einheit der Gruppe. „Wir beraten junge, innovative Unternehmen aus dem Technologiebereich, unterstützen sie mit Investitionen und Beratung bei der Umsetzung der Geschäftsmodelle“, erläutert der Geschäftsmann. „Als Betriebswirt mit viel Erfahrung kann ich mich in deren Herausforderungen reindenken und ihnen so hoffentlich wertvolle Tipps geben.“

Der alte Industriebau in Durlach, in dem einst Gritzner und dann Pfaff Nähmaschinen herstellten, ist schon recht lange Hornbergers Arbeitsstätte. Ende 1999 war er gerade vom Bankhaus Sal. Oppenheim aus Köln nach Karlsruhe gekommen. „Wenn man so will als digitaler Immigrant aus der Bankenwelt in die IT-Szene“, wie Hornberger es schildert. Ursprünglich sollte er der jungen Web.de AG als Banker beim Börsengang helfen, doch alsbald war klar: Das demnächst börsennotierte Unternehmen brauchte und suchte einen kaufmännischen Vorstand. Der Umzug war beschlossene Sache.

„Wir würden es heute wieder so machen.“

Mit der badischen Mentalität kam er vom Fleck weg bestens zurecht: „Ich bin hier hängen geblieben“, sagt er und bereut den Standortwechsel bis heute nicht. Gerade die Erfahrung der Aufbruchsstimmung nach dem Börsengang war prägend. „Wir hatten zu Beginn kaum Umsatz und nur 400 000 kostenlose Nutzer bei Web.de“, blickt Hornberger zurück.“ Es gab damals in der Branche noch keine funktionierenden Geschäftsmodelle.“ Als Web.de 2005 an 1&1 verkauft wurde, waren es zehn Millionen Nutzer und die Profitabilität war erreicht. Für Web.de war 1&1 bereit, knapp 500 Millionen Euro zu bezahlen. „Arbeitsplätze hat der Verkauf am Standort keine gekostet, im Gegenteil. Und wir würden es heute wieder so machen“, betont er. Auch wenn der Versuch 2006, mit Combots einen zum damaligen Zeitpunkt neuartigen Kommunikationsdienst zu etablieren, fehlschlug, stellt Hornberger mit Blick auf die Gegenwart und einer florierenden IT-Szene fest: „Der Standort Karlsruhe hat insgesamt davon profitiert. Über 40 Prozent der Gewerbesteuer in Karlsruhe wurde 2016 von IT-Firmen gezahlt.“

Wäre Hornberger später geboren, vielleicht wäre er selbst einer jener jungen Entrepreneure geworden, die an der nächsten Revolution der vernetzten Welt arbeiten. Der zweifache Familienvater lässt durchblicken, wie reizvoll er es fände: „Damals war die Banklehre ein äußerst angesehener Berufsweg, heute jedoch zieht es junge und progressiv denkende Menschen in die Start-up-Szene. Man lernt mehr in kürzerer Zeit mit viel mehr Spaß.“

Arbeit am Motor der Digitalisierung

Für ihn ist es jedoch gerade genau richtig, wie es ist. „Ich trage nicht mehr die große Verantwortung über mehrere hundert Angestellte wie zu Web.de-Zeiten – ich bin in einer neuen Phase des Arbeitslebens und das ist perfekt so.“ Den Ehrgeiz hat er für sich bewahren können. Unter anderem auf dem Tennisplatz, wo er sich in seiner Freizeit noch gerne mit Jüngeren misst: „Die Motivation zu gewinnen, bleibt, die Leistungskurve kann da jedoch nicht mehr ganz mithalten.“ Ganz anders mit seiner Arbeit im Cyberforum: Seinen großen Erfahrungsschatz kann er als Vorstandsvorsitzender bestens einbringen, um die Branche nach vorne zu bringen.

Und er schätzt, dass die Akteure in der Fächerstadt ein Ziel gemeinsam verfolgen: Karlsruhe zum Motor der Digitalisierung zu machen. „Wir müssen alle an einem Strang ziehen, um dieses Ziel zu erreichen.“ Seine Sache ist die Arbeit für eine gemeinsame Sache in der badischen Wahlheimat.

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