Im Hauptquartier der Netzstrategen berät André Hellmann und sein Team Unternehmen zu ihrem Auftritt im Netz – auch die Badischen Neuesten Nachrichten. | Foto: Fabry

Digitale Köpfe der Region

Der Interneterklärer aus Knielingen

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Eigenständig und selbstverantwortlich – bei den Karlsruher Netzstrategen sind diese beiden Stichworte Teil der Unternehmensphilosophie. Gründer und Geschäftsführer André Hellmann will es gar nicht anders und er weiß Kollegen um sich, die genauso denken und denen er vertrauen kann: „Erst letztens hat unsere Praktikantin Sarah die kompletten Social Media-Kanäle der Netzstrategen gemanagt. Wenn Kollegen in anderen Unternehmen davon erfahren, können die das manchmal gar nicht glauben. Aber wir wollen es genau so.“
Der digitale Macher und Stratege, Jahrgang 1979, hat diese Art des Arbeitens und die Denkweise in den Vereinigten Staaten schätzen gelernt. Dort werden Vorhaben schneller angepackt, ist seine Erfahrung. „Einfach mal machen. Nicht so lange zögern. Deswegen gibt es Google und Facebook auch in den USA, und nicht in Deutschland. Braucht man hier Kapital, dauert es ewig. Nichts geht hier schnell“, ärgert er sich über die Mentalität hierzulande.
Unternehmensgründer ist er dennoch geworden. Eigentlich hatte es ihm ja das Snowboarden angetan, Ende der 90er-Jahre nach dem Abitur. „Als Profi-Sportler habe ich drei Jahre lang in Innsbruck und München gelebt, pro forma habe ich noch Chemie studiert“, blickt er zurück. Viel Zeit für Universität und Hörsaal blieb nicht.


Aber eine dauerhafte Perspektive bot der Sport nicht. Hellmann betont: „Wenn man täglich Snowboard fährt, geht das irgendwann auf den Körper.“ Er wechselte in die Medienbranche. In Ravensburg fing er mit dem dualen Studium der Medienökonomie an, arbeitete parallel bei der Schwäbischen Zeitung.

Digitale Produkte holten Zeitung in die Neuzeit

Während des Studiums lernte Hellmann dann den amerikanischen Verleger Ben Eason kennen, bemühte sich um ein Praktikum. „Ich habe Ben solange genervt, bis er irgendwann einwilligte. Nach vier Wochen im Verlag in Tampa, Florida, hatte ich ein Job-Angebot für die Zeit nach dem Studium“, berichtet Hellmann. Die Arbeit im Verlag erfüllte ihn. „Es war toll, wir haben uns vom Frühstück bis spät in die Nacht über das Geschäft unterhalten und Businesspläne ausgearbeitet.“ Der Karlsruher arbeitete mit Ben Eason an Marktsegmentierungen und Zielgruppen-Analyse für Magazine wie „Village Voice“. Er machte sich selbstständig, verkauft Marktanalysen an Zeitungen in Zusammenarbeit mit dem Nielsen-Marktforschungsinstitut. Parallel dazu wurde ihm der Aufbau des digitalen Portfolios des Verlags anvertraut.
Hellmann hatte Erfolg: „Ich wurde von unten nach oben durchgereicht, Mitte 20 leitete ich den Verlag in Atlanta. Eine super spannende Zeit war das für mich“ Auch, weil das Internet gerade anfing, die Medienbranche in den USA aufzuwühlen. Hellmann war dabei, als ein Content Management System eingeführt wurde, dazu betreute er den Aufbau eines Online-Locationfinders. „Heute ist das Standard, damals hatten wir eine echte Innovation abgeliefert.“

Auf Zelect folgten die Netzstrategen

André Hellmann zog es 2007 aber wieder zurück nach Europa. „Mit zwei Koffern zog ich wieder bei meinen Eltern in Knielingen ein“, erinnert er sich. Schnell gründeten er und Kollegen Zelect. Sie entwickelten digitale Produkte für Verlage. Auf Branchen-Vorträgen berichteten er und seine Partner von den Projekten in Atlanta. „Wir haben Unternehmen in Deutschland das Internet erklärt.“ Doch der Zelect-Investor kalkulierte falsch, die noch junge Firma wurde an die Telekom verkauft.
Der Karlsruher gründete dann 2010 mit Rücklagen für das Finanzamt die Netzstrategen. Hellmann hat das Unternehmen so transparent wie möglich aufgestellt, setzt auf Eigenverantwortung der Kollegen, wie er es sich für sich selbst auch wünscht. Nicht einfach sei das, die richtigen Menschen für die Netzstrategen zu gewinnen. „Wir suchen auch nicht nur Bewerber für einen Job. Wir suchen Menschen, mit denen wir unsere Projekte voranbringen können.“
Und nicht alle könnten sich mit Karlsruhe als neue Bleibe anfreunden. Hellmann lebt aber gerne hier, er weiß um die Vorzüge der Fächerstadt und ihrer Region. Der Stadt möchte er die Treue halten, auch wenn die Netzstrategen nun Büros in Köln und Barcelona haben. Sein Engagement im Cyberforum, in dessen Vorstand er arbeitet, liegt mit darin begründet. „Gemeinsam mit den anderen Partnern in diesem Netzwerk will ich für die Sache arbeiten. Karlsruhe hat mehr zu bieten als die meisten wissen.“ Eine große Aufgabe, in der der Netzstratege gerne aufgeht.