Frischluft als digitale Entgiftungskur gönnt sich Ulrike Stöckle mindestens dreimal täglich bei einem Spaziergang mit Hündin Mischka. Das Tier hat sie übrigens auf Ebay gefunden.
Frischluft als digitale Entgiftungskur gönnt sich Ulrike Stöckle mindestens dreimal täglich bei einem Spaziergang mit Hündin Mischka. Das Tier hat sie übrigens auf Ebay gefunden. | Foto: Karin Stenftenagel

Entgiftung für digitale Köpfe

Ulrike Stöckle weiß, was Digitalisierung und Schokolade gemeinsam haben

Ihr Tag beginnt mit Meditation, das Handy bleibt noch aus. „Es liegt auch nicht auf meinem Nachttisch“, sagt Ulrike Stöckle. „Sonst geht der erste Griff am Morgen sofort zum Handy, und das Gehirn wird schon mit 1000 Informationen gefüttert, bevor es eigentlich bereit dafür ist“, erklärt sie. „Das musste ich aber auch erst lernen.“

Das Aufwachprogramm scheint zu wirken: Ihr Arbeitstag ist voll gepackt, dennoch empfängt Stöckle die Journalistin zum Interview ganz entspannt, als hätte sie alle Zeit der Welt. Die Räume ihrer PR-Agentur in Kandel wirken fast wie eine Privatwohnung, mit gemütlichen Sitzgelegenheiten in den Ecken, farbenfrohen Bildern an den weißen Wänden. Ein Handy ist weit und breit nicht zu sehen, schon gar nicht in Stöckles Hand. Nur eine Fitness-Tracking-Uhr umfasst das schlanke Handgelenk unter dem tiefblauen Feinstrickpullover. „Ich könnte mir meine E-Mails auf die Uhr schicken lassen, das mache ich aber bewusst nicht“, sagt Stöckle. „Es würde die ganze Zeit piepsen.“

Die digitale Transformation der Arbeitswelt ist wie Schokolade

Die Digitalisierung der Lebenswirklichkeit sieht die begeisterte Outdoorsportlerin insgesamt positiv. „Aber ich sehe auch, was die ständige Erreichbarkeit mit uns macht.“ Nicht ohne Grund sei diese im Arbeitsschutzgesetz als psychische Belastung angegeben. „Die digitale Transformation der Arbeitswelt ist Fluch und Segen zugleich – wie Schokolade“, analysiert sie und lacht laut heraus, ihre dunkelblonden Haarsträhnen in den Nacken werfend. Digitale Entgiftung – Digital Detox – bringt sie mittlerweile auch anderen bei, dafür hat sie neben ihrer PR-Agentur eigens die Firma „The Digital Detox“ gegründet.

„Pling-pling“ macht da das Journalistinnenhandy: Eine Pressemitteilung der Polizei kommt als Push-Benachrichtigung. „Kein Problem“, lacht Stöckle und winkt ab. Gerade für Journalisten gehöre das eben dazu. Einmal habe sie eine Redakteurin des „Spiegel“ gecoacht, die nach einer Woche ohne Smartphone dann ganz unglücklich gewesen sei. „Ich bin selber total affin, habe immer das neueste iPhone“, gibt Stöckle frei heraus zu. Die 49-Jährige hat schon als Kind die Anfänge des Computer-Zeitalters miterlebt: Im Landesrechenzentrum Rheinland-Pfalz zeigte der Vater ihr die ersten Lochkarten-Rechner.

Bei Web.de herrschte Aufbruchstimmung wie heute bei Google

Nach dem Abitur zieht es die junge Frau erst nach Frankreich. „Der Liebe wegen“ kommt sie nach mehr als zehn Jahren wieder zurück in die Pfalz, bekommt einen Sohn. Von 2002 bis 2007 ist sie PR-Managerin beim Karlsruher Unternehmen web.de, wo sie eng mit dem deutschen Internet-Pionier Matthias Hornberger zusammen arbeitet. „Es war eine wahnsinnig spannende Zeit. Die Arbeitsatmosphäre kann man sich so vorstellen, als würde man heute bei Google oder Facebook arbeiten: sehr amerikanisch, mit vielen jungen Menschen und großer Freiheit bei der Arbeit“, schwärmt sie von der digitalen Aufbruchstimmung.

Nach einer zweijährigen Zeit als PR-Managerin bei Hubert Burda Media in Offenburg macht Stöckle sich 2009 mit ihrer „Agentur für nachhaltige Kommunikation“ auf dem Schlachthofgelände in Karlsruhe selbstständig: „Ich schaue, wie sich die Budgets meiner Kunden ökonomisch, ökologisch und langfristig optimieren lassen.“ Sie betreut unter anderem Kunden aus der Internetwirtschaft, hält Seminare und Vorträge. „Die Beratung ist ein Job, der mir große Freude macht“, erzählt Stöckle. „Ich mag das Gefühl, anderen etwas Gutes zu tun.“ Nachhaltigkeit gehe immer mit Kostenersparnis einher, weshalb das Thema eigentlich alle Unternehmensbereiche betreffe.  „Und wir müssen etwas tun, um die Umwelt zu schonen“, sagt Stöckle, jetzt lauter, bestimmter. „Die Zustände sind teilweise erschreckend. Wir müssen den nächsten Generationen doch auch noch etwas hinterlassen.“

Nachhaltigkeit wird auch privat gelebt

Das nimmt sie sich auch privat zu Herzen, serviert Leitungswasser in der Glaskaraffe, kauft Lebensmittel im Bioladen und Kleidung secondhand. „Letztes Jahr habe ich mir selbst die Challenge gegeben, ein Jahr lang überhaupt keine Kleider zu kaufen. Eine sehr befreiende Erfahrung!“ Sie lehnt sich im Sessel zurück, breitet die Arme weit über die Lehne aus und lächelt. Mit ihrer zweijährigen Hündin Mischka, die jetzt zusammengerollt auf dem grünen Hochflorteppich liegt, geht sie dreimal täglich spazieren. Das Tier hat sie über Ebay gefunden. „Die Digitalisierung ist wichtig für die Weiterentwicklung unserer Gesellschaft“, sagt Stöckle. „Aber Mensch und Maschine haben eben unterschiedliche Betriebssysteme, das darf man nicht vergessen.“

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